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„Der 1. FC Köln ist auch wegen der sportlichen Führung unter seinen Möglichkeiten geblieben“

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Von: Simon Ommer

Sport-Reporter Thomas Wagner im Einsatz für Magenta TV beim Drittligaspiel 1. FC Saarbrücken gegen Eintracht Braunschweig.
RTL-Moderator Thomas Wagner, hier im Einsatz für Magenta TV, arbeitete nach Stationen bei RPR1, DSF und SAT.1 von 2000 bis 2017 bei Sky sowie beim Vorgänger Premiere. 2015 war er als bester Sportmoderator für den Deutschen Sportjournalistenpreis nominiert. © Jan Huebner/Kleer/Imago

Im Interview mit 24RHEIN spricht Fußball-Reporter Thomas Wagner über die aktuelle Situation des FC, Fehler in der Vergangenheit und gibt eine Prognose für die Zukunft ab.

Als Sportmoderator gilt Thomas Wagner als kritischer Experte. Auch bei 24RHEIN nimmt der 50-Jährige im Gespräch über den 1. FC Köln kein Blatt vor den Mund. Sein Standpunkt: Der FC ist in der Vergangenheit auch wegen seiner sportlichen Führung deutlich unter seinen Möglichkeiten geblieben. Außerdem spricht er unter anderem über Transfers, die laufende Saison und Mittelfeld-Ass Ellyes Skhiri.

Herr Wagner, der 1. FC Köln hat einen starken Saisonstart hingelegt. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe hierfür?

Thomas Wagner: Gleich zu Beginn kann man da sicherlich den Trainer nennen. Er hat immer einen positiven Ansatz, es geht ihm nicht darum, etwas zu verhindern. Er lebt es vor, dass man gewinnen kann. Das ist ein großer Unterschied zur vergangenen Saison. Ich finde, dass der FC in der Vergangenheit auch wegen seiner sportlichen Führung deutlich unter seinen Möglichkeiten geblieben ist. Nicht zuletzt haben aber zu Saisonbeginn auch viele Kleinigkeiten zugunsten des FC den Ausschlag gegeben.

Was meinen Sie konkret?

Ich denke da vor allem an das Pokalspiel in Jena, das der FC nur knapp im Elfmeterschießen gewonnen hat. Und auch der VAR hat in den ersten Spielen für die Mannschaft entschieden. In Köln gibt es ja immer die verbreitete Theorie unter den Fans, dass der VAR immer gegen den FC entscheidet – aber in dieser Saison ist er bisher auch häufig pro FC. Und das alles führte dann schließlich zum erfreulichen Saisonstart.

Der Stamm der Mannschaft ist fast identisch mit dem der letzten Saison. Dennoch präsentiert sich die Mannschaft wieder mit Kampf, Leidenschaft und Emotionen. Und auch spielerisch zeigt sie ein ganz anderes Gesicht. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Das liegt für mich auch daran, dass einige Spieler an ihrer Leistungsgrenze performen. Man ist aber ja auch nicht immer beim Training dabei, weshalb ich nur spekulieren kann, ob das ausschließlich der Trainer ist, der die Spieler so stark macht oder ob da noch weitere Faktoren eine Rolle spielen. Ein Grund, wie im Beispiel Modeste, ist sicherlich auch die Rückendeckung des Trainers. Aber auch ein Jonas Hector, den ich nicht immer unkritisch sehe, hat seine Form aus der Endphase der vergangenen Saison mitgenommen und spielt sehr stark. Ich finde, dass der Kader nicht so schlecht ist, wie er sich in der vergangenen Saison präsentiert hat.

 Magenta Moderator Thomas Wagner beim Drittligaspiel des SV Wehen Wiesbaden gegen Borussia Dortmund II am 20.09.2021
Dem 1. FC Köln traut Thomas Wagner in dieser Saison einen Platz zwischen sieben bis zehn in der Bundesliga-Tabelle zu. © Eibner-Pressefoto/Imago

Ellyes Skhiri könnte in jeder Liga und in jeder Spitzenmannschaft spielen.

Thomas Wagner

Ein großes Gesprächsthema ist immer wieder Mittelfeldspieler Ellyes Skhiri. Lange stand ein Verkauf im Sommer im Raum, aber der Verein konnte ihn halten. Wie wichtig war das und wie bewerten Sie den Spieler?

Es gibt Spieler, die ihr Niveau stetig anheben, obwohl man sie im Spiel gar nicht so wirklich wahrnimmt. Wenn ich niemanden kennen würde und zu einem FC-Spiel gehen würde – wer würde mir da als erstes ins Auge springen? Ich weiß nicht, ob das Skhiri wäre, weil er teilweise auch unauffällig spielt. Aber nicht, weil er es nicht anders kann, sondern weil er viele Räume zuläuft, die man gar nicht so direkt sieht. Er ist ein Spieler, der meiner Meinung nach in jeder Liga und durchaus auch in jeder Spitzenmannschaft spielen oder zumindest im Kader sein könnte. Er ist ein ganz hervorragender Spieler.

Der Verein hatte im Sommer kaum Geld für Neuzugänge zur Verfügung, weshalb vornehmlich ablösefreie Spieler kamen. Wie bewerten Sie die Arbeit auf dem Transfermarkt?

Besonders überzeugt bin ich bisher von Dejan Ljubicic, den ich bereits ein wenig kannte, da ich ihn zuvor schon beobachtet habe. Er kam ja von Rapid Wien, die ich mir in Österreich gerne mal anschaue. Wenn du dann mit 23 Jahren bei so einem Traditionsverein schon Kapitän bist, ist das super. Auch wenn ich schon häufiger Kritik an Horst Heldt geäußert habe: Das war sicherlich ein guter Transfer von ihm. Ansonsten ist ja, wenn man auf die Stammformation blickt, gar nicht so viel passiert. Und klar, Mark Uth, der zurückgekehrt ist, ist auch sehr wichtig für die Mannschaft.

Was ist in dieser Saison realistisch gesehen möglich für die Mannschaft?

Eine gute Saison hängt auch davon ab, wie lange der FC vom Verletzungspech verschont bleibt. Grundsätzlich habe ich aber schon relativ früh in der Saison gesagt, dass die Mannschaft auf den Plätzen sieben bis zehn landen wird und dazu stehe ich auch. Ich glaube, dass die Bundesliga in dieser Spielzeit im Tabellenkeller echt schlecht ist und der FC deutlich stärker ist als die Teams in diesen Regionen. Dazu gibt es Mannschaften wie Hertha, Stuttgart oder auch Frankfurt, die aktuell alle so ihre Probleme haben. Das sind Mannschaften, die ich aktuell hinter dem FC einschätzen würde. Wenn es überragend läuft, kann die Truppe vielleicht sogar um Platz sechs mitspielen – aber da will ich jetzt auch gar keinen Druck aufbauen, das wäre vermessen.

Und wenn es zwischenzeitlich schlecht laufen sollte?

Das wird dann definitiv die Nagelprobe sein. Es wird interessant zu sehen sein, wie die Mannschaft reagiert, wenn sie mal zwei oder drei Spiele am Stück verliert. Zudem ist natürlich auch der Spielstil von Baumgart sehr kraftraubend.

Blicken wir mal ein wenig zurück: Was lief in den vergangenen Monaten und Jahren gut im Verein, was schlecht? Welche handelnden Personen tragen dafür hauptsächlich die Verantwortung?

Gut war auf jeden Fall, dass die Mannschaft nach einem Abstieg immer direkt in die Bundesliga zurückgekehrt ist, nur einmal hat es zwei Jahre gedauert. Das war sehr wichtig, denn aus der zweiten Liga wieder rauszukommen, ist gar nicht so leicht. Auch in der Zeit unter Jörg Schmadtke und Peter Stöger herrschte eine lange Zeit Ruhe im Verein. Sie haben das Maximum herausgeholt, bevor dann allerdings einiges schiefgelaufen ist. Ich glaube, dass sie sich irgendwann ein bisschen auseinander gelebt haben, ohne das jetzt aber näher zu thematisieren. Auch die wirtschaftliche Situation wurde besser, bevor es dann in letzter Zeit wieder in die falsche Richtung ging.

Jörg Schmadtke und Peter Stöger beim Bundesliga-Spiel 1. FC Köln gegen Werder Bremen am 22.10.2017
Hatten sich am Ende nicht mehr viel zu sagen: FC-Sportdirektor Jörg Schmadtke (l.) und Cheftrainer Peter Stöger (r.). „Da ist einiges schiefgelaufen“, schätzt Thomas Wagner. © TEAM2/Imago

Was ist aus Ihrer Sicht noch alles schlecht gelaufen?

Es wurde häufig das Personal gewechselt, viele entscheidende Personen wurden ausgetauscht. Ich finde, dass kann man beispielsweise an Armin Veh festmachen, der mit Sicherheit ein Fußballfachmann ist und auch einige gute Transfers getätigt hat. Aber wenn ich keine Lust habe, um das jetzt einfach mal so zu formulieren, mir die Jugendspiele anzuschauen und es dadurch verpasse, mit einem Florian Wirtz zu verlängern, ist das unter dem Strich keine gute Arbeit.

Und wie bewerten Sie die Arbeit von Horst Heldt?

Wenn ich als Horst Heldt den Vertrag mit Markus Gisdol verlängere, der bei allen seinen Stationen gezeigt hat, dass er im ersten Moment zwar eine Mannschaft retten kann, aber nirgendwo etwas langfristig entwickeln konnte, ist das ebenfalls negativ zu bewerten. Wenn man dann noch mal kritisch auf die drei Trainerkandidaten schaut, mit denen er in diesem Jahr verhandelt hat: Peter Stöger, Thorsten Fink und Steffen Baumgart. Da frage ich mich dann – wo ist die klare Linie? Stöger spielt einen sachorientierten Ergebnisfußball, Fink will schönen Offensivfußball spielen und Baumgart spielt Power-Fußball mit schnellem Umschalten. Man hat einen festen Kader und verhandelt mit drei völlig verschiedenen Trainern, die alle einen anderen Ansatz haben. Wieso?

Wagen Sie doch einmal eine kleine Prognose, auch wenn das natürlich nicht so leicht ist: Wo führt der Weg des Vereins in den nächsten Jahren hin?

Das ist immer schwierig zu sagen, aber im Fußball kann einfach so viel passieren. Ich finde, der FC hat aktuell gute Möglichkeiten, da der Bundesliga so ein wenig die attraktiven Klubs ausgehen. Von den Mannschaften, für die man früher ins Stadion gegangen sind, gibt es nicht mehr viele. Wenn der FC so Fußball spielt wie momentan, verzeihen die Leute auch Niederlagen. Mit klugen, strategischen Entscheidungen kann der Verein ein etablierter Erstligist werden, der sich im Mittelfeld der Tabelle festbeißt und in guten Jahren immer mal wieder um Europa mitspielt. Das ist meine Prognose für die kommenden zehn Jahre, vorausgesetzt es läuft gut.

Vielen Dank für das Gespräch

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