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1. FC Köln: Kantersieg über Tottenham im „Strohhalm-Pokal“, dem Intertoto-Cup

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Von: Max Dworak

Toni Polster schnappt nach Luft und erzielt ein Tor aus kurzer Distanz.
Toni Polster erzielt das 6:0 für den 1. FC Köln gegen Tottenham Hotspur. © Uwe Kraft/Imago & YouTube

Neben UEFA Cup und dem Europapokal der Landesmeister trat der 1. FC Köln auch im Intertoto-Cup auf. Ein Spiel bleibt bis heute besonders in Erinnerung.

Köln – Beim Erstrunden-Aus gegen Celtic Glasgow in der UEFA Cup-Saison 1992/93 spielt der 1. FC Köln die bis zur Saison 2016/17 finale Spielzeit im zweithöchsten europäischen Mannschaftswettbewerb. Doch im sogenannten UEFA Intertoto-Cup, kurz UI-Cup, können die Geißböcke drei Jahre später erneut ihr Können auf internationaler Ebene unter Beweis stellen – auch wenn sich das Turnier, vielleicht eine Parallele zur heutigen UEFA Europa Conference League, eher mäßiger Beliebtheit erfreut. Mit Tottenham Hotspur aus England wartet im letzten Gruppenspiel jedoch ein echter Brocken auf den Bundesligisten aus Köln. 24RHEIN mit einem Rückblick in der Serie „FC Europapokal-History“.

1. FC Köln: Tottenham mit C-Elf in Müngersdorf

Die Spurs, die die Saison 1994/95 in der erst 1992 gegründeten Premier League Dank eines überragenden Jürgen Klinsmann auf Rang sieben abgeschlossen hatten, fahren an jenem 23. Juli 1995 mit gedämpfter Laune nach Köln. Da das Erreichen des Achtelfinals bereits unmöglich ist, schickt Trainer Gerry Francis im wahrsten Sinne die Jugendmannschaft auf das Feld: „Wir haben uns alle die Spieler angesehen, nur um zu sehen, ob wir eine Mannschaft herausholen können, die das beste Niveau hat, das wir bewältigen können“, so Francis. Bereits im Vorfeld des Turniers war klargeworden, dass sich die Motivation zur Teilnahme am Intertoto-Cup seitens der Engländer stark in Grenzen hielt.

Dem FC, der unter der Leitung von Morten Olsen 1994/95 auf dem zehnten Tabellenplatz der Bundesliga landete, war das nur Recht – immerhin konnte im letzten Gruppenspiel mit einem Dreier gegen Tottenham der Einzug ins Achtelfinale klargemacht werden: „Ich hatte schon alles abgeschrieben“, sagte der damalige Manager und Ex-Profi Bernd Cullmann in Furcht vor einem Gegner in Top-Besetzung. Die Kölner scheinen das Duell hingegen sehr ernst zu nehmen: In der Startelf standen neben Torwart Bodo Illgner auch die Stürmer Toni Polster und Bruno Labbadia.

Das war der UEFA Intertoto-Cup

Der UEFA Intertoto-Cup (bis 1995 nur Intertoto-Cup) war nach der UEFA Champions League (bis 1992 Europapokal der Landesmeister) und dem UEFA-Cup (ab 2009 Europa League) der dritthöchste Vereinswettbewerb im europäischen Fußball.

Im Jahr 1961 riefen die drei Gründer Karl Rappan (ehemaliger Schweizer Nationaltrainer), Ernst Thommen und Eric Persson den Intertoto-Cup ins Leben. Auslöser war der Wunsch von Rappan, auch in den Sommermonaten, wo die Ligen Pause hatten, Spiele austragen zu lassen. Um diese Idee zu verwirklichen, brauchte er jedoch viel Geld, welches Thommen, der Direktor der Schweizer Toto-Wettgesellschaft, hatte. Nachdem Rappan seine Idee einer europäischen Liga in Österreich, Deutschland und Schweden vorgestellt hatte, konnte er Persson, zu jener Zeit Vereinsvorsitzender des schwedischen Topklubs Malmö FF, überzeugen.

Da es in dem Turnier keine nennenswerte Belohnung für die teilnehmenden Teams gab, erhielt der Intertoto-Cup wenig Zuspruch. Auch die Tatsache, dass dieser Pokal stets in die Zeit der Saisonvorbereitung fiel, sorgte nicht gerade für Begeisterung bei den mitspielenden Mannschaften.

Als der Intertoto-Cup eine grundlegende UEFA-Reform erfuhr, änderte sich dies: Ab der Spielzeit 1995/96 hatten gleich mehrere Klubs, die in der Meisterschaft die direkte Qualifikation für den Europapokal verpasst hatten, die Möglichkeit, doch noch am UEFA-Cup teilzunehmen. Das wiederum sorgte dafür, dass plötzlich wieder namhaftere Mannschaften, wie etwa Tottenham Hotspur, mitmischten.

Der Wettbewerb, der einer Handvoll Klubs über diesen einzigartigen Last-Minute-Weg in den UEFA-Cup verhalf, wurde aufgrund dessen umgangssprachlich auch „Strohhalm-Cup“, „Trost-Cup“ oder „Cup der guten Hoffnung“ genannt.

In der Regel begann der UEFA Intertoto-Cup im späten Juni und endete etwa im August mit den Finalspielen. Die Mannschaft, die den Tabellenplatz direkt hinter dem Platz für die direkte UEFA-Cup-Qualifikation belegte, war im UI-Cup startberechtigt. Sollte die entsprechende Mannschaft sich nicht für den Wettbewerb angemeldet haben, rückte der Nächstplatzierte nach. Im Jahr 2008 wurde der Wettbewerb schließlich letztmalig ausgetragen und im Anschluss abgeschafft.

1. FC Köln ohne Mühen gegen teilnahmslose Spurs

Vor knapp 6.100 Zuschauern, einer durchaus ausbaufähigen Auslastung, rollt der Ball ab 17:45 Uhr im sonnigen Müngersdorf. Der unerfahrene Tottenham-Schlussmann Chris Day, mit 19 Jahren erst am Anfang seiner Karriere, kann seine Nervosität bereits vor Anpfiff schwer verbergen: „Bodo Illgner sagte mir, dass ich mich am falschen Ende aufwärme.“

Schnell wird klar: Hier geht es nur in eine Richtung – und zwar auf das Tor der Gäste. Dorinel Munteanu kann seinen neuen Arbeitgeber nach nur vier Minuten per Distanzschuss aus etwa 25 Metern in Führung bringen. In seinem dritten Pflichtspiel ist es der erste Treffer für den rumänischen Mittelfeldspieler, der von Cercle Brügge aus Belgien gekommen war.

In der Folge geht es munter weiter: Munteanu findet sich ohne Eingewöhnungszeit schnell in seinem neuen Wohnzimmer zurecht und schickt in der 11. Minute Kapitän Labbadia auf die Reise, der per Lupfer auf 2:0 erhöht. Nach einer halben Stunde fällt nach einer Ecke das 3:0. Abermals ist es eine Koproduktion aus Vorlagengeber Munteanu und Torschütze Labbadia. Kurz vor der Pause kann auch der bekannteste Doppelpacker der Rheinländer, nämlich Polster, sein erstes Erfolgserlebnis des Abends feiern. Nach einer Flanke auf Höhe der rechten Grundlinie, gespielt von Sechser Olaf Janßen, muss der in den Strafraum einlaufende Österreicher aus fünf Metern nur noch den Kopf hinhalten.

1. FC Köln – Tottenham Hotspur

Wettbewerb: UEFA Intertoto Cup (Gruppenphase, 4. Spieltag)

Datum: 23. Juli 1995

Ort: Müngersdorfer Stadion, Köln

Ergebnis: 8:0 (4:0)

Tore 1. FC Köln: Dorinel Munteanu (4.), Bruno Labbadia (10.), Bruno Labbadia (30.), Toni Polster (37.), Dorinel Munteanu (51.), Toni Polster (58.), Bruno Labbadia (83.), Stefan Kohn (88.)

Nach Wiederanpfiff, das Spiel ist natürlich längst entschieden, knipst Munteanu in der 51. Minute zum zweiten Mal. Spurs-Torwart Day, eigentlich Ersatzkeeper, lässt einen strammen Schuss von Polster vor die Füße von Kölns Nummer zehn abklatschen, die anschließend aus nächster Nähe unten links einschiebt. Nur sieben Minuten später drückt Polster einen Querpass von Martin Braun über die Linie – das halbe Dutzend ist voll. Doch damit nicht genug: Weil die jugendliche Hintermannschaft der Briten überhaupt keine Gegenwehr mehr zeigt, rutscht Labbadia in Minute 83 zu seinem dritten Treffer. Kurz vor Schluss ertönt die Stadionhymne „FC un Geißbock“ zum achten und letzten Mal. Stefan Kohn steht goldrichtig, da ihm der abgewehrte Schuss von Mannschaftskamerad Rico Steinmann genau vor die Füße fällt.

Pure Freude also in Müngersdorf? Nicht unbedingt. FC-Funktionär Cullmann murrt ungeachtet des Tor-Festivals nach Spielende: „Wenn die UEFA künftig am UI-Cup festhält, muss sie die Klubs verpflichten, mit ihren besten Spielern teilzunehmen.“ Es soll bis zum heutigen Tage die höchste Niederlage von Tottenham in einem Pflichtspiel bleiben. Davon kann sich der FC schon damals allerdings nichts kaufen: Im Achtelfinale ist nach einem 1:3 gegen den FC Tirol aus Österreich Endstation. In der Saison 1997 nimmt der FC nochmals am UEFA Intertoto-Cup teil: Im Halbfinale scheitern die Geißböcke an Montpellier HSC aus Frankreich.

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