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Corona: Warum Deutschland als „Trottel“ da steht – Psychologe erklärt es mit einer Fabel

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Von: Nina Büchs

Nach ihrer Impfung warten geimpfte im Impfzentrum des Landkreis Harz.
In Deutschland ist das Impftempo deutlich langsamer, als in anderen Ländern. © Matthias Bein/dpa

Laut dem Kölner Psychologen Jens Lönneker sind die Deutschen bei der Pandemiebekämpfung gescheitert. Dies erklärt er anhand einer bekannten Geschichte aus dem Tierreich.

Köln – „Die dritte Welle scheint gebrochen“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) Anfang Mai bei einer Pressekonferenz. Viele stimmte diese Nachricht nach monatelangem Lockdowns und Monaten voller Einschränkungen positiv. Und tatsächlich gibt es neben den sinkenden Infektionszahlen ein Licht am Ende des Tunnels: So kam es nun zu immer mehr Corona-Lockerungen, zum Beispiel bei der Außengastronomie, im Einzelhandel, dem Tourismus und vielen anderen Bereichen. Zudem schreiten auch die Impfungen voran. Dennoch geht Deutschland laut einem Essay des Kölner Psychologen Jens Lönneker im Vergleich zu anderen Ländern als „Trottel“ in puncto Pandemiebekämpfung hervor.

Kölner Psychologe über deutsche Pandemiebekämpfung – Grund für das Scheitern

Die unterschiedliche Herangehensweise Pandemiebekämpfung der Länder verdeutlicht Jens Lönneker mit einer Fabel aus dem Tierwesen: der Geschichte vom Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel. Dabei nimmt Deutschland die Rolle des siegessicheren Hasen und Länder wie die USA, Großbritannien oder Israel die Rolle des trickreichen Igels ein.

„Die Deutschen haben eine Neigung, sich gegenüber ihren Nachbarn und anderen Nationen überlegen zu fühlen“, so Lönneker. „In Italien gab es angeblich weniger Intensivbetten, die Engländer waren aus deutscher Sicht fahrlässig, der damalige US-Präsident Donald Trump handelte chaotisch“, beschreibt Lönneker die deutsche Denkweise. 

Die Fabel vom Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel

Eines Tages machte sich der Hase über die Beine eines Igels lustig. Daraufhin forderte der Igel den Hasen zu einem Wettlauf auf. Der Hase fühlt sich direkt überlegen, da er deutlich längere Beine hat. Doch er hatte nicht mit der Raffinesse seines Gegners gerechnet: Denn als das Wettrennen auf dem Acker beginnt, hat der Igel am Ende des Ackers seine ähnlich aussehende Igelfrau positioniert. Der siegessichere Hase prescht also nach vorne, findet am Ende aber immer wieder den Igel vor, der ruft: „Ich bin schon hier“. Der Hase läuft daraufhin immer weiter, rennt am Ende sogar 73 Runden und bricht schließlich tot zusammen.

Pandemiebekämpfung: Deutschland ist der Hase

Mit ihrer Strategie „Disziplin, Einschränkung, Gemeinwohlorientierung und Verzicht“ galten die Deutschen stattdessen als vorbildlich und hatten im Vergleich zu anderen Ländern wie Spanien, Italien und den USA lange die Nase vorn, erklärt Jens Lönneker. Gastronomien, Kinos und Kulturbetriebe wurden also dichtgemacht, das Leben der deutschen Bevölkerung heruntergefahren. Die Quelle der Härte und Selbstkasteiung sei aber nicht nur unser Wunsch nach Überlegenheit, sondern ist vor allem auf die Unsicherheit und auch auf unseren kulturellen Reflex – das Sicherheitsempfinden – zurückzuführen, fährt Lönneker fort. 

Doch obwohl sich die Strategie des siegessicheren Hasen (also der Deutschen) zu Beginn sehr erfolgversprechend aussah, kam es schließlich immer wieder zu neuen Corona-Ausbrüchen und einem erneuten Anstieg der Infektionszahlen. Statt nach links oder rechts zu blicken, „lief der Hase allerdings immer weiter gerade aus und hielt an seinen bewährten Methoden, der Härte und Selbstkasteiung fest“, so Lönneker.

Der Hase rannte also Runde um Runde, schleppte sich von Lockdown zu Lockdown – während der Igel, den er zuvor unterschätzte, bereits im Ziel stand. „So haben in Großbritannien die Gastronomien schon Monate vorher wieder geöffnet, da die Zahlen dort heruntergingen. Und auch in den USA, wo die Pandemie besonders viele Todesopfer gefordert hatte, waren im Gegensatz zu Deutschland die Menschen viel früher geimpft.

Jens Lönneker: „Wir Deutschen hätten mehr Igelmethoden wagen müssen“

Sein Fazit also: „Wir Deutschen hätten mehr Igelmethoden wagen müssen. Das heißt man muss im Zweifel eben darüber nachzudenken, ob man immer die gleichen Mittel anwendet oder ob man auch mal um die Ecke denkt und alternative Mittel sucht.“ Wie diese Igelmethoden aussehen könnten, habe man anhand verschiedener Länder gesehen. „So haben die USA zum Beispiel viel mehr Impfstoff gekauft, als benötigt wurde. Damit haben sie jedoch sichergestellt, dass auch mehr als genug Impfstoff für alle da ist“, so Lönneker.

In Deutschland war der Impfstoff hingegen immer wieder knapp, wodurch die Geschwindigkeit beim Impfen immer wieder ins Stocken geriet. Dies zeigt sich auch anhand eines lokalen Beispiels aus Köln: Dort mussten zwischenzeitlich wegen Impfstoffmangels die Impfungen in sozialen Brennpunkten ausgesetzt werden, zudem können bis Mitte Juni fast nur Zweitimpfungen im Kölner Impfzentrum durchgeführt werden.

Und auch die Engländer haben sich alternative Ideen überlegt. „So hat Boris Johnson bei der Beschaffung des Impfstoffs nicht allein auf den Bürokratieapparat im Gesundheitswesen vertraut, denn das geht am Ende nicht schnell genug. Er hat deshalb eine eigene schnelle Einsatztruppe organisiert, die dann am Verwaltungsapparat vorbei Impfstoff bestellt hat“, sagt Lönneker.

Kampf gegen Corona: Mehrheit der Deutschen ist mit der Strategie der Politik zufrieden

Doch wie blickt nun die Mehrheit der Bevölkerung auf die Härte und das stringente Vorgehen der Deutschen? Dazu hat Jens Lönneker verschiedene tiefenpsychologische und wissenschaftliche Erhebungen durchgeführt. Festgestellt hat er dabei Folgendes: „Seit über einem Jahr haben mehr als 70 Prozent angegeben, dass sie mit den Corona-Maßnahmen zufrieden sind oder sich sogar noch strengere Regeln wünschen würden. Wenn man nach den repräsentativen Umfragen geht, ist die Mehrheit der Deutschen also nach wie vor vorsichtig und will nur mit Bedacht öffnen, um eine weitere Welle zu vermeiden“, so der Psychologe.

Portraitbild Jens Lönneker.
Der Kölner Psychologe Jens Lönneker setzte sich in seiner Arbeit mit Ängsten und Unsicherheiten der Menschen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie auseinander. © Roland Breitschuh

Jens Lönneker ist Psychologe und Geschäftsführer bei „Rheingold salon“, einer Agentur für qualitative, tiefenpsychologische Marktforschung und Strategieberatung in Köln. Das Ziel seiner Agentur ist es, komplexe Strukturen des menschlichen Verhaltens zu entschlüsseln und für Unternehmen, Marken und Märkte nutzbar zu machen. Dies erreicht das Team von Rheingold Salon unter anderem in Form von tiefenpsychologischer Forschungsarbeit. Zuletzt setzte sich Jens Lönneker auch mit der Unsicherheit und den Ängsten der Deutschen in Bezug auf die Corona-Pandemie auseinander. Dazu führte er monatlich Gruppendiskussionen und Interviews mit Menschen in Deutschland durch.

Jedoch zeigen die Umfragewerte über die Zeit auch eine Veränderung: „Zwischendurch hat sich nun eine gewisse Corona-Müdigkeit eingestellt. Die Deutschen haben auf andere Länder wie die USA, England oder Israel geschaut und gesehen, dass dort mehr passiert und das auch in einem schnelleren Tempo. Die Folge: Es fand eine deutlich zunehmende Ablehnung der politischen Führung statt. Damit zusammenhängend sind auch die Wählerstimmen für die CDU als politisch führender Kraft zurückgegangen. Die Politik versuchte deshalb, das Vertrauen der Menschen wiederzugewinnen – und das mit Erfolg“, erzählt der Psychologe Jens Lönneker. „Man sieht, es gibt jetzt einen zunehmenden Grundoptimismus, weil viele ja jetzt die Erstimpfung bekommen haben und die Impfreihenfolge aufgelöst wird im Juni. Viele denken nun, dass es tatsächlich bald vorbei sein kann.“  (nb)

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