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Saß zweifache Mutter unschuldig in U-Haft? Gutachten wirft Fragen auf

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Von: Johanna Werning

Eingang am Kölner Landgericht an der Luxemburger Straße in Köln. Ein Insulin-Pen.
Tamara S. soll ihren Schwiegervater eine Insulin-Überdosis verabreicht haben (Symbolbild) © Pixsell/Imago & Future Image/Imago

Eine Frau sitzt seit fast zwei Jahren in Köln in U-Haft. Hat sie versucht, ihren Schwiegervater mit einer Überdosis Insulin zu vergiften?

Köln – Seit 22 Monaten sitzt Tamara S.* in Untersuchungshaft: Die zweifache Mutter aus Köln soll versucht haben, ihren Schwiegervater zu töten – mit einer Insulin-Überdosis. Das mögliche Motiv: Habgier. Die Staatsanwaltschaft Köln vermutet, dass es die 42-Jährige auf die Villa des Kölner Arztes abgesehen hat.

Köln: Versuchte Frau, ihren Schwiegervater zu töten?

Eindeutige Beweise gibt es allerdings nicht. Auch der Vorsitzende Richter Peter Koerfers sagt im Rahmen des Prozesstages am 30. Mai, dass „die Beweislage dürftig“ sei. Es handelt sich bei der Verhandlung am Landgericht Köln (Köln-Lindenthal) um einen reinen Indizienprozess. Der Vorwurf der Anklage: Versuchter Mord. Die Kölnerin soll im Sommer 2020 ihren Schwiegervater in dessen Villa zunächst ein Beruhigungsmittel und dann eine fast tödliche Dosis Insulin verabreicht haben. Zwar hat der Arzt überlebt, erlitt jedoch aufgrund der Vergiftung schwere Hirnschäden. Seitdem ist der mittlerweile 81-Jährige ein Pflegefall.

Mutter in Köln vor Gericht: Fehler im Gutachten?

Getragen wird die Anklage vor allem durch Internetverläufe von Tamara S. und ein Gutachten der Rechtsmedizinerin Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Hilke Andresen-Streichert. Doch genau das sei laut Verteidigung falsch. Bereits einmal wurden die Berechnungen im laufenden Prozess mit neuen Werten berechnet. Doch der Vorwurf der Verteidigung bleibt: Die Berechnungen und Annahmen der Toxikologin seien weiterhin fehlerhaft.

Der Grund: Die Berechnungen gehen von falschen Werten aus. Mehrere Faktoren und Werte seien falsch berechnet worden oder fehlten ganz. Zudem seien veraltete und ungenaue Studien als Grundlage genutzt worden. Darauf angesprochen erklärt die Rechtsmedizinerin unter anderem, dass sie während des Prozesses „viel dazu gelernt“ habe, wodurch sie teilweise mittlerweile zu anderen Erkenntnissen kommt als noch zu Beginn der Verhandlung.

Köln: Vergiftete Frau ihren Schwiegervater?

Bestätigt werden die Vorwürfe von zwei Sachverständigen. Einer davon: Prof. Dr. med. Martin Pfohl. Der Arzt aus Duisburg betonte im Prozess am Montag, dass eine so lange, durch Insulin-verabreichte Unterzuckerung nicht möglich sei. Anders als Andresen-Streichert geht er daher davon aus, dass das Insulin in den frühen Morgenstunden des 6. Julis verabreicht wurde – und nicht, wie es in der Anklage heißt, am späten Nachmittag des 5. Julis.

Die Verteidigung vermutet daher eher eine nicht ausreichende Krankenhausbehandlung als Grund für die Hirnschäden. Das Opfer hätte viel früher gegen den viel zu niedrigen Blutzuckerwert behandelt werden müssen. Tamara S. sei hingegen unschuldig. Und auch Pfohl sagt, dass die Vitalwerte nicht zu einer so langen Unterzuckerung passen. Zudem hätte es im Krankenhaus zwei weitere schwere Hypoglykämien gegeben, sodass es insgesamt drei Unterzuckerungen gab. Und genau dort sieht der Sachverständige einen Behandlungsfehler der Klinik.

Welche Unterzuckerung dabei für die schweren Hirnschäden ausschlaggebend sei, könne er nicht abschließend festmachen. Das liege daran, dass der Schwiegervater von Tamara S. bereits bei der Einlieferung nicht ansprechbar gewesen sei.

Tamara S. soll am Nachmittag des 5. Juli 2020 – gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter – ihren Schwiegervater in dessen Villa besucht haben. Während das Mädchen eine Kinderserie anschaute, soll sie dem damals 80-jährigen Arzt zunächst ein Beruhigungsmittel und im Anschluss eine Überdosis Insulin verabreicht haben. Der 80-Jährige wurde am nächsten Morgen bewusstlos aufgefunden, als Ursache wurde eine Unterzuckerung festgestellt. Der Mann wurde in ein Krankenhaus eingeliefert, berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger. Dort kam es zu zwei weiteren Unterzuckerungen. Die Unterzuckerungen – ausgelöst durch eine Überdosis Insulin – führten zu einem Hirnschaden. Seitdem ist der Schwiegervater von Tamara S. ein Pflegefall. Wochen und Tage zuvor soll Tamara S. im Internet zu den Themen „Erbe“ und „Vergiftung“ gegoogelt haben. Im Zuge der Ermittlungen wurde auch ein gelöschter Suchverlauf zum Thema „Insulinüberdosis“ gefunden.

Köln: Tamara S. droht lebenslange Gefängnisstrafe

„Die Verteidigung ist perplex, worauf die Anklage beruht“, fassen die Anwälte von Tamara S., Jürgen Graf und Frank Seebode, zusammen. Es müsse dringend über die Belastbarkeit der Angeklagten nachgedacht werden. Und auch die Tatsache, dass die 42-Jährige weiterhin in U-Haft sitzt, müsse erneut geprüft werden. Ob das bedeutet, dass Tamara S. die U-Haft verlassen kann oder sogar freigesprochen wird, ist noch unklar. In den kommenden Tagen geht der Prozess weiter. Der 42-Jährigen droht eine lebenslange Gefängnisstrafe. (jw) Fair und unabhängig informiert, was in Deutschland und NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren. *Name von der Redaktion geändert.

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