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Sexuelle Belästigung bei Wohnungssuche: Was Frauen in Köln erlebt haben

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Von: Martin Henning

Eine Frau sitzt an einem Tisch und will ein Dokument unterschreiben.
Statt einen Mietvertrag sollte eine Frau in Köln einen Ehevertrag unterschreiben. (Symbolbild) © Westend61/Imago

Immer häufiger werden Frauen im Netz Opfer sexueller Belästigung. Opfer erzählen, was ihnen passierte – zum Beispiel bei der Wohnungssuche.

Köln – Merve wollte einfach nur raus aus ihrer Heimatstadt Mainz und nach Köln ziehen. Die 23-Jährige suchte über ein Jahr nach einer passenden Wohnung. Facebook, diverse Immobilienportale und Ebay Kleinanzeigen – überall hatte sie ihre Suche inseriert, um endlich eine eigene Bleibe zu finden.

Doch statt Wohnungsangeboten bekam Merve häufig ganz andere, unangebrachte Angebote. „Als ich mein Gesuch online gestellt habe, kamen in den ersten anderthalb Stunden etwa 20 Nachrichten. Und alle hatten sexuellen Inhalt“, berichtet sie. „Ein Mann schrieb mir zum Beispiel, dass ich mein Whatsapp-Profil öffentlich stellen solle, sodass er darauf onanieren könne.“

Sexuelle Belästigung bei Wohnungssuche: Hochzeit statt Mietvertrag

So plump wie in diesem Fall gehen die Täter nicht immer vor. Einmal kam das böse Erwachen erst bei der Wohnungsbesichtigung. Merve erinnert sich: „Der Mann, Mitte 40, hatte den Mietvertrag schon parat und ich musste ihn nur noch unterschreiben. Das hat mich schon gewundert. Als ich das Dokument dann durchlas, merkte ich: Er wollte mir einen Ehevertrag unterjubeln. Ich habe ihn gefragt, was das soll und er sagte mir: ‚Wir werden heiraten und hier zusammenwohnen.‘“

Für Merve endete das Schock-Erlebnis glimpflich. Sie ließ den dreisten Mann einfach stehen. Trotzdem: So wie ihr geht es vielen Frauen, die im Netz nach Wohnungen suchen, Klamotten inserieren oder auf Social Media unterwegs sind.

Wohnung in Köln gab es nur, wenn sie die „Beine breit“ macht

Wir sprechen mit weiteren Opfern. Anni erzählt uns, ihr werde im Netz regelmäßig Geld für gewisse Gegenleistungen geboten. Sie bekomme „wöchentlich“ Anmachsprüche, vor allem auf Social-Media-Plattformen, sagt sie. Ein Mann habe von ihr verlangt, mit hohen Schuhen auf ihm herumzutrampeln und ihn zu beschimpfen.

Auch Anni machte eine schlechte Erfahrung bei einer Besichtigung, als sie ihre alte Wohnung im Netz inseriert hatte: „Der Typ konnte sich die Wohnung offensichtlich nicht leisten, benahm sich wie ein Macho und war offenbar nur wegen mir gekommen.“ Anni konnte den Mann abwimmeln – weil sie vorausschauend ihre Mutter bei der Besichtigung dabei hatte.

Judith und ihre Familie bekamen eine Kölner Wohnung zugesichert – wenn sie für den Vermieter nur mal die „Beine breit“ machen würde. Dass Judith einen Mann hat und dies auch deutlich zu verstehen gab, störte den Vermieter offenbar gar nicht.

Immer wieder spielen sich solche Belästigungen auch im Internet ab. Das Problem: Die Polizei Köln führt dazu keine eigene Statistik.

310 Fälle sexueller Belästigung in Köln im Jahr 2020

Die Polizei Köln zählt für 2020 insgesamt 310 Fälle sexueller Belästigung, die sich im Stadtgebiet ereignet haben. Dabei wurden 340 Menschen geschädigt. In mehr als 93 Prozent der Fälle waren Frauen die Opfer.

Sexuele Belästigigung: Polizei Köln rät Opfern zur Anzeige

Doch wie kann man sich gegen solche Nachrichten wehren? Ein Sprecher der Polizei Köln sagt dazu: „Wir raten Opfern sexueller Belästigung definitiv zur Anzeigenerstattung, damit derartige Delikte auch bekannt werden und strafrechtlich verfolgt werden können. Potentielle Geschädigte verlassen damit ihre Opferrolle, gehen aktiv gegen derartiges Verhalten vor und setzen damit Grenzen. Mit der Anzeigenerstattung können sie die Begehung weiterer Straftaten verhindern – und damit insbesondere potentielle zukünftige Opfer schützen.“

Oft agieren Täter im Netz anonym und können schwer rückverfolgt werden. Doch je mehr Informationen über den Täter vorliegen und je mehr Screenshots gesichert sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Person ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Betroffene Frauen sollten sich an Beratungsstellen wenden

Daneben stünden laut Polizei auch Beratungsstellen zur Verfügung, an die sich Frauen bei sexueller Belästigung wenden könnten, zum Beispiel Notruf und Beratung für vergewaltigte Frauen, das Frauenberatungszentrum Köln oder der Weiße Ring.

Für Merve steht nach den ernüchternden Erfahrungen jedenfalls eines fest: „Ich habe mein Vertrauen in Männer erst einmal verloren.“ Mittlerweile hat sie eine Wohnung in Köln gefunden. Und das ganz ohne spezielle Gegenleistungen. (mah) Mehr News auf der 24RHEIN-Homepage. Tipp: Täglich informiert, was in Rheinland & NRW passiert – einfach unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

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