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Autofreie Deutzer Freiheit: Verhärtete Fronten – Serap Güler (CDU) drängt auf Kompromiss

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Von: Oliver Schmitz

Die Lage bei der autofreien Deutzer Freiheit ist äußerst zwiegespalten. Nach viel Zuspruch wächst die Kritik. Die Kölner Bundestagsabgeordnete Serap Güler schaltet sich nun ein.

Köln – Seit mittlerweile einem halben Jahr ist die Deutzer Freiheit in Köln autofrei. Doch der anfänglichen Euphorie ist vor allem bei Händlern und Gastronomen mittlerweile Unmut gewichen. Der Grund: Sie haben seit dem Start des Verkehrsversuches im Sommer 2022 viele Kundinnen und Kunden verloren. Mehrere Fachgespräche mit Vertretern aus der Politik, Stadtverwaltung und Interessenvertreten sowie Debatten in der zuständigen Bezirksregierung brachten bisher keine Lösung. Nun beschäftigt sich auch eine Bundestagsabgeordnete vermehrt mit dem Thema.

Verkehrsversuch Deutzer Freiheit: Serap Güler (CDU) fordert Kompromiss

Serap Güler und Mario Schmitz bei einem Ortstermin auf der Deutzer Freiehit.
Bei einem Ortstermin auf der Deutzer Freiheit soll ein Kompromiss zur autofreien Straße gefunden werden © CDU Deutz

Der Verkehrsversuch Deutzer Freiheit ist auf ein ganzes Jahr ausgelegt – eigentlich. Denn die Kölner CDU setzt sich wegen der Umsatzeinbußen von Geschäften und Gastronomie stark für einen sofortigen Abbruch ein. In der zuständigen Bezirksvertretung Innenstadt wurde das zuletzt aber abgelehnt, womit sich erst im neuen Jahr entscheidet, wie es mit der autofreien Zone weitergeht.

Für die CDU ist weiter klar, dass es bei dem aktuellen Zustand nicht bleiben kann. „Es muss wirklich ein Kompromissvorschlag her“, sagt Serap Güler gegenüber 24RHEIN. Die Bundestagsabgeordnete ist auch stellvertretende Vorsitzende der CDU Köln und ist auch in das Vorgehen ihrer Partei beim Verkehrsversuch Deutzer Freiheit involviert. Am Samstag (17. Dezember) besuchte Güler gemeinsam mit Parteikollegen mehrere Händler und Gastronomen in der autofreien Straße, um sich ihre Meinungen anzuhören. „Was wir heute bei den ganzen Gesprächen gehört haben ist, dass der Verkehrsversuch ideologisch gesteuert ist. [...] Das ist das Schlimmste, was Politik machen kann“, kritsierte die CDU-Politikerin das Vorgehen anderer Parteien.

Noch drastischere Worte fand Mario Schmitz, Vorsitzender der CDU Deutz: „Der Verkehrsversuch ist gescheitert. Ohne Teilöffnung wird es hier keinen Frieden geben“. Er betonte aber auch, dass nun ein Kompromiss gefunden werden müsse. Abseits der zurückgehenden Kundschaft gab es auch andere Probleme mit dem Verkehrsversuch, denn manche Autofahrer halten sich nicht an die autofreie Zone auf der Deutzer Freiheit.

Deutzer Freiheit Köln: Post-Filiale denkt über Umzug nach – vor allem Parkplätze fehlen

Bei dem Rundgang durch die Deutzer Freiheit äußerten am Samstag auch diverse Händler und Gastronomen ihren Unmut. Bei der Filiale der Deutschen Post wird wegen der sinkenden Umsätze sogar über einen Umzug nachgedacht. „Das ist ein totales Kaputtmachen von Geschäften“, beklagte der Eigentümer der „Kaffeebar“. Auch der Inhaber des „Schäl Sick Grill“ betont: „Wenn wir die Büros nicht hätten, dann könnte hier aktuell kein Geschäft existieren. Ab nachmittags ist es hier tot, da nur noch die Anwohner hier sind“.

Eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Köln belegt die Aussagen der befragten Gewerbetreibenden. Laut dieser geben rund zwei Drittel von 62 befragten Unternehmen der Deutzer Freiheit an, dass sich ihr Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum „deutlich verschlechtert“ oder „verschlechtert“ habe. Daran dürfte zwar auch die Energiekrise einen Anteil haben, aber damit allein ist der Rückgang nicht erklärbar. Vor allem die Erreichbarkeit durch die autofreie Deutzer Freiheit wird als Problem genannt. Gegenüber 24RHEIN erklären die Händler und Gastronomen einheitlich, dass derzeit vor allem Parkplätze fehlen würden

„Ich musste mir daher ein zweites Standbein außerhalb von Köln aufbauen, um diese Verluste wieder aufzufangen“, so ein Geschäftsführer. „Ich habe viele ältere Leute verloren, die nicht mehr gut zu Fuß sind. An ältere Menschen wird überhaupt nicht gedacht“, erzählt ein anderer. Auch für die Gastronomen gibt es schlimme Folgen: „Handwerker kamen früher immer in den Mittagspausen bei mir essen – das ist nun vollständig eingebrochen, trotz Außengastronomie im Sommer.“

Viele Anwohner weiter für autofreie Deutzer Freiheit – doch Kompromiss möglich

Trotz vieler Probleme auch abseits der Handelsumsätze sind die meisten Anwohner von der autofreien Deutzer Freiheit überzeugt. Laut einer Umfrage der Universität Bochum aus August/September 2022 sagten 60 Prozent der 2700 Teilnehmenden, dass sich die Aufenthalts- und Lebensqualität dort verbessert habe. Rund 2000 Menschen gaben bei der Umfrage an, selbst in Köln-Deutz zu leben.

Eine Karte der Deutzer Freiheit, die die Fußgängerzone zeigt.
Die Deutzer Freiheit wird für 12 Monate zur Fußgängerzone © isotype/Stadt Köln

Doch genau wie die Politik sind auch die Gewerbetreibenden und Anwohner offen für Kompromisse. Denn bei einem sind sich alle einig: Die aktuelle Lage der Deutzer Freiheit ist definitiv ein Problem. Ideen für mögliche Lösungen gibt es viele. Der aktuell prominenteste stammt wohl von der „Interessensgemeinschaft Deutz“, die die Händler an der Deutzer Freiheit vertritt. Dieser sieht vor, dass die beiden äußeren Abschnitte 1 (bis Tempelstraße) und 5 (bis Graf-Geßler) wieder für den Autoverkehr geöffnet werden sollen. Zudem sollen Kurzzeitparkplätze (maximal 30 Minuten) geschaffen werden.

Im Januar 2023 soll sich letztlich entscheiden, wie es mit dem Verkehrsversuch Deutzer Freiheit weitergehen wird. Neben den Fachgesprächen trifft sich am 6. Januar auch erstmals ein „Veedelsbeirat“ zu dem Thema. Dabei sollen sich Bürgerinnen und Bürger öffentlich über die autofreie Zone austauschen können und Vorschläge für die Bezirksvertretung Innenstadt beschließen. In der nächsten Sitzung am 26. Januar sollen die Politiker diese dann bewerten und womöglich eine Umsetzung beschließen. Das Thema wird die Menschen in Köln-Deutz also sicherlich noch einige Wochen und Monate begleiten. (os)
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