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Kölnmesse-Chef Gerald Böse: „Messen wurden mit Bordellen gleich gestellt“

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Messe-Chef Gerald Böse vor einem Luftbild der Koelnmesse in Köln Deutz (Montage).
Messe-Chef Gerald Böse vor dem Gelände der Koelnmesse in Deutz (Montage). © Imagebroker / Imago & J. Herrlich

Messen und Corona: Startschuss für Aufbruch und Wettbewerb oder weiter wie gewohnt? Darüber diskutierte Koelnmesse-Chef Gerald Böse im Kölner Presseclub.

Köln - Ein Gast, den man im Kölner Presseclub nicht mehr vorstellen muss: Gerald Böse, seit 2008 Vorsitzender der Geschäftsführung der Koelnmesse, gebürtiger Bayer mit gemischten Gefühlen gegenüber seiner Wahlheimat Köln. Im Gespräch mit Hildegard Stausberg und Peter Pauls vom Presseclub berichtet er über die Auswirkungen der Pandemie auf die internationalen Messen.

Mit „Tempo 200 an die Wand gefahren“ lautet das Corona-Fazit von Gerald Böse. Mit 400 Millionen Euro Umsatz war 2019 das umsatzstärkste Jahr der Koelnmesse. Anfang 2020 ist die internationale Möbelmesse in vollem Gang, als aus Asien erste Nachrichten von einem unbekannten Virus eintreffen. Damals nimmt das noch niemand ernst. Doch dann bleiben die asiatischen Aussteller aus und kurz darauf finden überhaupt keine Messen mehr statt. Es folgen zweieinhalb Jahre Dauerkrise auf dem 284.000 Quadratmeter großem Gelände der Koelnmesse in Köln-Deutz. Weltweit seien die Messeplätze an den Rand der Belastbarkeit geraten: „Der Gesamtschaden für Covid wird zurzeit auf 350 Milliarden Euro geschätzt - dabei entfallen 55 Milliarden auf die fehlenden Messeaktivitäten“, sagt Gerald Böse.

Gerald Böse: „Messen wurde per Verordnung mit Volksfesten und Bordellbesuchen gleichgestellt“

In anderen europäischen Ländern sei man mit der Pandemie jedoch professioneller umgegangen als in Deutschland. Während beispielsweise in Spanien der Messebetrieb schnell wieder normal gelaufen sei, habe man in Deutschland die Messen per Verordnung mit Volksfesten und Bordellbesuchen gleichgestellt. All dies vor dem Hintergrund, dass der Messestandort Bundesrepublik der international wichtigste Handelsplatz der Welt sei. In Deutschland sei zu viel gezögert worden. Zumindest aber habe die damalige Düsseldorfer Landesregierung mit Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart und Ministerpräsident Armin Laschet im Rahmen ihrer Möglichkeiten schnell und unbürokratisch gehandelt, sagt der Messechef.

Auch wenn Messen jetzt wieder stattfänden, die Auswirkungen der Krise seien noch immer spürbar: „Durch die momentane Lage haben wir wohl bis Ende nächsten Jahres keine Chinesen mehr im Messegeschäft in Köln“. Die Personalnot sei ebenfalls ein großes Thema: Die Standbauer zum Beispiel haben sich während der Lockdowns umorientiert, als Folge seien die Kosten für den Aufbau explodiert. Auch in der Gastronomie mangele es an Arbeitskräften. Von ehemals 900.000 Beschäftigten seien 200.000 abgewandert. Eine Rückkehr in die Zeit vor Corona, so Böse, werde es nicht mehr geben.

► Gerald Böse ist seit 2008 Chef der Koelnmesse. Die Koelnmesse ist die drittgrößte Messe in Deutschland, erzielte 2019 - im letzten Jahr vor Corona - einen Rekordumsatz von 412,7 Mio €.

Gerald Böse: „Große Messen müssen immer mehr zu einem Wissensgipfel werden“

In den Jahren der Pandemie habe die Koelnmesse aus der Not heraus viel experimentiert und ausprobiert. Wenn die Aussteller nicht mehr nach Köln kommen können, dann kommt die Messe eben zu ihnen nach Hause auf den Schreibtisch – als digitale Verlängerung. Aber warum dann mitten in der Stadt so ein großes Gelände unterhalten, das über weite Teile des Jahres leer steht?

Die physische Präsenz vor Ort sei immer noch am besten fürs Geschäft, doch mit den Online-Plattformen, die über das ganze Jahr genutzt werden können, ließen sich neue Geschäftsfelder erschließen, entgegnet der Messemanager. Anstelle von 70.000 Besuchern vor Ort erreiche man damit ein weltweites Publikum. Anders als früher seien Messen längst nicht mehr nur reine Verkaufsveranstaltungen. Heute werden dort auch die großen Themen der Zukunft diskutiert: Energie und Ernährung zum Beispiel. Gerald Böses Vision: „Große Messen müssen immer mehr zu einem Wissensgipfel werden“.

„Wenn der Dreck in Köln nicht wegkommt, bleiben irgendwann ausländische Gäste aus“

Kleinere Träume hegt er im Hinblick auf seine Wahlheimatstadt Köln: Am „äußeren Erscheinungsbild“ der Stadt müsse poliert werden. Weniger diplomatisch gesagt: Der Dreck muss weg, sonst blieben irgendwann die ausländischen Gäste aus. Damit die überhaupt kommen können, müsse das Chaos am Flughafen aufhören. Auch das Thema Sicherheit sollte neu diskutiert werden. Und überhaupt: Lieber weniger Baustellen in Köln aufmachen, aber die dann auch zu Ende bringen.

Bis Ende 2024 will Messechef Gerald Böse seine eigene Baustelle abschließen: Passend zum 100. Geburtstag der Messe soll das neue Konferenzzentrum Confex fertig werden. Dann muss nur noch die Stadt zum neuen Gelände passen. (Ulrike Brincker/IDZRW) Fair und unabhängig informiert, was in Deutschland und NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

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