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Politikerin klebt sich an Rednerpult: „Geht gar nicht“

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Von: Johanna Werning

Bei der Ratssitzung am Donnerstagabend klebte sich eine Politikerin an das Rednerpult fest. Dafür gibt es viel Kritik – vor allem von CDU und FDP.

Köln – Zum Abschied ihrer Zeit als Ratsmitglied sorgte Nicolin Gabrysch in der Sitzung am 8. Dezember noch einmal für einen Knall: Ihre letzte Rede als Ratsmitglied in Köln nutzte Gabrysch (Klima Freunde), um sich an das Rednerpult festzukleben. „Ich stehe hier als Politikerin, als Mutter und als Lebewesen – und ich bin sehr verzweifelt. Es kann und darf kein ‚Weiter so‘ geben, deswegen sorge ich jetzt dafür, dass es zumindest hier und jetzt nicht wie üblich weitergeht – sondern wenigstens ein kleines bisschen anders läuft als sonst“, erklärte die Politikerin und Klimaaktivistin ihre Aktion. Doch bei den anderen Parteien im Kölner Stadtrat kommt die Klebe-Attacke alles andere als gut an.

„Waren entsetzt, dass man den Rat dafür missbraucht“: Klebe-Protest während Ratssitzung

Für mehrere Minuten musste die Sitzung nach der Klebeaktion und der Abstimmung über das neue Kölner Klima-Ziel unterbrochen werden. „Das war eine vollkommen unnötige Aktion“, sagt CDU-Fraktionsvorsitzenden Bernd Petelkau gegenüber 24RHEIN. „Insbesondere vor dem Hintergrund, dass der Rat gestern mit breiter Mehrheit des Ratsbündnisses die Klimaneutralitätsstrategie für Köln beschlossen hat. Die Beschädigung von öffentlichem Eigentum ist generell zu verurteilen.“

Ähnlich sieht es auch die Kölner FDP. „Das war keine Sternstunde des Kölner Rats“, sagt Fraktionsgeschäftsführer Ulrich Breite im Gespräch mit 24RHEIN. „Wir waren entsetzt, dass man den Rat dafür missbraucht.“ Immerhin gibt es im Parlamentarismus klare Regeln, erklärt Breite. „Was kommt als Nächstes?“

Während Ratssitzung: Politikerin klebt sich an Rednerpult fest – das ist am 8. Dezember passiert

► Um 14 Uhr beginnt die Sitzung im Kölner Stadtrat. Für Nicolin Gabrysch (Klima Freunde) ist es die letzte Sitzung, da sie ihr Mandat freiwillig an Ngoc-Anh Gabriel abgibt. 

► Nach mehreren Stunden – um kurz vor 19 Uhr – kommt der Rat zum Themenpunkt 10.30 „Hitzeaktionsplanung der Stadt Köln“ und Gabrysch beginnt ihren Wortbeitrag.

► Knapp sechs Minuten kritisiert die Lokalpolitikerin und Klimaaktivistin dann die Klimapolitik der Stadt, die ihrer Meinung nach längst nicht ausreicht. Anschließend klebt sie sich mit ihrer Hand an das Redepult fest.

► Oberbürgermeisterin Henriette Reker reagiert lediglich mit „Wir haben hier ein zweites Rednerpult“. Dann lässt sie über 10.30 abstimmen und unterbricht die Sitzung für eine „Beratungspause“, wie sie erklärt.

► Während der Pause wird Gabrysch vom Rednerpult gelöst. Das Lösungsmittel: Nagellackentferner, den Gabrysch selbst mitgebracht hatte und der sich noch in ihrem Rucksack befand.

► Anschließend wurde die Ratssitzung fortgeführt. Auch Gabrysch nahm teil – und zwar von ihrem Platz aus.

Politikerin klebt sich an Rednerpult: Jetzt gibt es Kritik für Oberbürgermeisterin Reker

Aber nicht nur für die Klebe-Aktion von Gabrysch gibt es von der FDP Kritik – auch Oberbürgermeisterin Henriette Reker habe sich falsch verhalten, erklärt Breite. „Die Oberbürgermeisterin war da kein Vorbild“, sagt Breite. Immerhin habe sie die Sitzung lediglich kurzzeitig unterbrochen, ernste Konsequenzen für Klebe-Ratsfrau Gabrysch hat sie jedoch nicht gezogen. „Dass es da keine Rüge gibt, geht gar nicht.“ Immerhin drohen sonst Nachahmungen, so Breite.

Anders sieht es die Kölner SPD: „Die Entscheidung von Oberbürgermeisterin Reker, die Sitzung unaufgeregt an einem zweiten Redepult fortzusetzen, war richtig“, sagt Christian Joisten, Vorsitzender der SPD-Ratsfraktion, gegenüber 24RHEIN. Reker selbst will sich zu dem Vorfall nicht mehr äußern, teilt ein Stadtsprecher auf Nachfrage von 24RHEIN mit.

Nicolin Gabrysch klebt sich an Sitzungspult – Klima Freunde haben nur kurz vorher vom Plan erfahren

Aber was sagen die Klima-Freunde zur Aktion von Ratsmitglied Gabrysch? Gegenüber 24RHEIN sagt Isabell Ullrich von den Klima Freunden Köln, dass man erst wenige Stunden vorher von der Klebe-Aktion erfahren habe. „Wir waren gespaltener Meinung und haben deshalb gemeinsam entscheiden, dass Nicolin Gabrysch dies persönlich und nicht im Namen der Klima Freunde tut“, so Ullrich.

Das ist Nicolin Gabrysch

► Nicolin Gabrysch ist Diplom-Volkswirtin und Projektmanagerin in der Entwicklungsfinanzierung. 

► Bereits seit mehreren Jahren engagiert sich die Kölnerin für Klimagerechtigkeit, unter anderem bei Parents For Future.

► Seit 2020 ist sie Kölner Ratsmitglied für die Partei Klima Freunde, dabei ist sie unter anderem in den Ausschüssen Ausschuss für Klima, Umwelt und Grün sowie dem Stadtentwicklungsausschuss.

► Nach zwei Jahren im Rat wurde Gabrysch am 8. Dezember aus dem Rat freiwillig verabschiedet, weil sie ihr Mandat an Ngoc-Anh Gabriel abgibt. Sie wird jedoch weiterhin im Stadtrat-Team der Klima Freunde teilnehmen, heißt es.

„Die Reaktionen auf die Aktion und unseren Wechsel im Ratsmandat von außen zeigen uns aber, dass ihr engagierter Einsatz für Klimagerechtigkeit im Großen und Ganzen gewürdigt wird und die Aktion eben auch nur ein Ausdruck davon war.“ Konsequenzen innerhalb der Wähler*innengruppe werde es für Gabrysch nicht geben, heißt es weiter. (jw) Fair und unabhängig informiert, was in Köln passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

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