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Gutachter findet im Erzbistum Köln Hinweise auf 202 Beschuldigte – Woelki entlässt zwei Mitarbeiter

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Kardinal Rainer Maria Woelki kommt zur Messe im Kölner Dom.
Ein Jurist geht dem Umgang des Erzbistums Köln mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs auf den Grund. © Robert Boecker/dpa

Strafrechtler Björn Gercke geht in seinem Gutachten der Frage nach den Verantwortlichen für sexuellen Missbrauch im größten deutschen Bistum auf den Grund.

Update vom 18. März, 18:25 Uhr: Auch der Hamburgs Erzbischof Stefan Heße hat dem Papst nun wegen Pflichtverletzungen bei der Aufarbeitung von Missbrauchsvorwürfen seinen Amtsverzicht angeboten. „Um Schaden vom Amt des Erzbischofs sowie vom Erzbistum Hamburg abzuwenden, biete ich Papst Franziskus meinen Amtsverzicht an und bitte ihn um die sofortige Entbindung von meinen Aufgaben“, sagte Heße am Donnerstag in einer persönlichen Erklärung. Der Strafrechtler Björn Gercke hatte dem früheren Personalchef im Erzbistum Köln elf Pflichtverletzungen vorgeworfen. Dabei handele es sich unter anderem um Verstöße gegen die Melde- und Aufklärungspflicht.

Hamburgs Erzbischof Stefan Heße: „Ich habe mich nie an Vertuschung beteiligt“

Heße musste sich in seiner Funktion als Personalchef und Generalvikar im Erzbistum Köln mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Priester auseinandersetzen. Heße bestritt bisher die bereits in anderem Zusammenhang gegen ihn erhobenen Vorwürfe. „Ich habe mich nie an Vertuschung beteiligt“, sagte Heße. Er sei aber dennoch bereit, seinen Anteil für das Versagen des Systems zu tragen. Er war am 14. März 2015 als Erzbischof nach Hamburg gewechselt.

Gutachter findet im Erzbistum Köln Hinweise auf 202 Beschuldigte – Woelki entlässt zwei Mitarbeiter

Update vom 18. März, 13:32 Uhr: Als Konsequenz aus dem Gutachten zum Umgang mit Missbrauchsvorwürfen im Erzbistum Köln hat Weihbischof Dominikus Schwaderlapp dem Papst seinen Amtsverzicht angeboten. Das teilte der Geistliche am Donnerstag in einer Stellungnahme in Köln mit, kurz nach der Vorstellung des Gutachtens. Schwaderlapp zeigte sich schuldbewusst. Es beschäme ihn, „zu wenig beachtet zu haben, wie verletzte Menschen empfinden, was sie brauchen und wie ihnen die Kirche begegnen muss.“ Als Bischof, Priester und Mensch erkenne er seine Fehler an. „Die Menschen, denen ich nicht gerecht wurde, bitte ich an dieser Stelle aufrichtig um Verzeihung, auch wenn ich weiß, dass Geschehenes nicht ungeschehen gemacht werden kann.“

Gutachter findet im Erzbistum Köln Hinweise auf 202 Beschuldigte – Woelki entlässt zwei Mitarbeiter

Update vom 18. März, 13:11 Uhr: Nach der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens für das Erzbistum Köln hat Kardinal Rainer Maria Woelki zwei Mitarbeiter vorläufig von ihren Dienstpflichten entbunden. „Daher möchte ich auch aus der Situation der Stunde heraus und auch auf der Grundlage dessen, was ich hier gerade gehört habe, die gerade Genannten, Weihbischof Schwaderlapp und Herrn Offizial Assenmacher, mit sofortiger Wirkung vorläufig von ihren Aufgaben entbinden“, sagte Woelki am Donnerstag in Köln. Dominikus Schwaderlapp war früher Generalvikar des Erzbistums und ist heute Weihbischof. Günter Assenmacher ist als Offizial unter anderem für kirchengerichtliche Angelegenheiten zuständig. 

Köln: Umgang mit sexuellem Missbrauch im Erzbistum Köln – keine Pflichtverletzung bei Kardinal Woelki

In dem Gutachten des Strafrechtlers Björn Gercke wurden auch andere Kirchenverantwortliche, wie der heutige Hamburger Erzbischof Stefan Heße genannt. Ihm wurden elf Pflichtverletzungen im Zusammenhang mit der Aufarbeitung von Missbrauchsvorwürfen im Erzbistum Köln vorgeworfen. Heße bestreitet bisher die bereits in anderem Zusammenhang gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Die meisten Pflichtverletzungen stellte Gercke bei seinen Untersuchungen bei dem 2017 verstorbenen Kardinal Joachim Meisner fest. Beim aktuellen Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki sehen Gercke und sein Team dagegen keine Pflichtverletzungen.

In dem Gutachten hatte der Jurist Gercke den Umgang des Erzbistums mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs untersucht. Der Fokus lag nicht auf den Tathergängen, sondern auf dem Agieren der Bistumsleitung.

Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch: Gutachter findet im Erzbistum Köln Hinweise auf 202 Beschuldigte

Erstmeldung vom 18. März:

Köln – Der Strafrechtler Björn Gercke hat in seinem Gutachten zum Umgang des Erzbistums Köln mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs Hinweise auf 202 Beschuldigte festgestellt. Das sagte er bei der Vorstellung der 800 Seiten starken Untersuchung am Donnerstag in Köln. Es gehe um das erste Gutachten dieser Art, in dem ungeschwärzt auch die Namen von Verantwortlichen genannt würden, sagte Gercke. Zusammen mit seinem Team hat er in den vergangenen Monaten die Kirchenakten von 1975 bis 2018 ausgewertet.

Katholische Kirche: Gutachten zum sexuellen Missbrauch – 63 Prozent der Beschuldigten waren Priester

Die Opfer waren demnach mehrheitlich Jungen. Bei 63 Prozent der Beschuldigten handele es sich um Kleriker, also Priester. In knapp 32 Prozent der Fälle habe es sich um sexuellen Missbrauch gehandelt, in gut 15 Prozent um schweren sexuellen Missbrauch. Die anderen Fälle stuft Gercke unter anderem als Grenzverletzungen und sonstige sexuelle Verfehlungen ein.

Köln: Kardinal Woelki wollte Gutachten zurückhalten – Nachfrage nach Kirchenaustritten stieg enorm

Ein erstes Gutachten einer Münchner Kanzlei war vom Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki unter Verschluss gehalten worden, wofür er rechtliche Bedenken anführte. Woelki wollte zwischenzeitlich zwar zum Gutachten vor Medien Stellung beziehen, jedoch sollten Journalisten dafür vorab eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen. Dies wollten die Journalisten jedoch nicht hinnehmen, sie brachen das Gespräch deshalb ab. Das Verhalten Woelkis, das Gutachten unter Verschluss zu halten, wurde auch von Bonns Kirchenvertreter Wolfgang Picken kritisiert und löste schließlich eine Vertrauenskrise im größten deutschen Bistum aus. Auffällig ist, dass die Nachfrage nach Kirchenaustritten in Köln zuletzt sehr anstieg. Nach nicht einmal einem Tag waren 1500 Termine für den Kirchenaustritt bereits ausgebucht. (nb mit dpa)

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