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Chef der Lanxess-Arena: „Im Ausland geht man wesentlich intelligenter mit dem Coronavirus um“  

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Stefan Löcher, Chef der Lanxess-Arena in Köln
Stefan Löcher, Chef der Lanxess-Arena in Köln © Claudia Hessel & Future Image / Imago

Corona: Stefan Löcher, Chef der Lanxess-Arena in Köln, fürchtet im Herbst einen Zusammenbruch der Veranstaltungsbranche – wenn die Politik nicht aus ihren Fehlern der Vergangenheit lernt.

Köln – Das Kulturleben startet nach der Sommerpause mit großartigen Programmen und vielen Veranstaltungen in die neue Saison. Ob Konzert, Klassik, oder Bandauftritte - das Angebot in Köln ist so vielfältig, wie die Stadt selbst. Aber einer spielt nicht mehr mit: das Publikum. Es bleibt lieber mal zu Hause. Überall ist davon die Rede. Was könnte dafür verantwortlich sein? Die Inflation? Die steigenden Energiepreise oder immer noch Corona?

Kürzlich habe ich Stefan Löcher getroffen. Er ist Chef der Kölner Lanxess-Arena, die bestbesuchte Mehrzweckhalle in Europa mit erwarteten 1,5 Mio. Besuchern in 2022 – trotz Corona. Während bekannte Bands wie Kasalla ihre Tour mangels Kartenverkaufs absagen und auch kleinere Veranstalter über Publikumsschwund klagen, hat er zurzeit noch Grund zur Freude. Seine Halle ist voll, wenn er internationale Top-Acts wie Phil Collins, Elton John oder Sting nach Köln holt.

Stefan Löcher: „Die Andeutungen aus der Politik verunsichern die Menschen und sie bleiben zu Hause“

Die Freude lässt aber schnell nach, sobald der Kölner Manager auf die kommenden Monate blickt. Nicht nur ihm bereitet das neue Infektionsschutzgesetz Bauchschmerzen, auch ich habe als regelmäßige Konzertgängerin ein Déjà-vu: Veranstalter könnten verpflichtet werden, tagesaktuelle Tests und Impfpässe zu kontrollieren oder wieder eine FFP2-Maskenpflicht in Innenräumen durchzusetzen. Und bei einer Verschärfung der Corona-Lage sollen sogar Abstandsgebote und Obergrenzen möglich sein.

Hat Minister Karl Lauterbach nicht mehr aus der Vergangenheit gelernt, habe ich mich angesichts dieses Bündels an alten Maßnahmen gefragt. Stefan Löcher sieht genau darin auch einen Grund, warum das Publikum vielerorts zögert: Diese ganzen Andeutungen der Politik, allen voran von Karl Lauterbach, was alles im Herbst kommen könnte – so etwas verunsichert natürlich die Menschen und sie bleiben zu Hause. Einen weiteren Lockdown oder Kapazitätsbeschränkungen darf es aus meiner Sicht nicht mehr geben.“

Während Deutschland wieder Einengungen nicht nur im Kulturleben plant, sieht es im Rest von Europa erstaunlicherweise ganz anders aus: Frankreich, Dänemark, Portugal, Norwegen und viele andere Länder haben offenbar gelernt, mit den zu erwartenden und auch schon überstandenen Infektionswellen zu leben. Zum Schutze von Einrichtungen mit geschwächten Menschen gibt es nur noch gezielt vereinzelte Maßnahmen.

Chef der Lanxess-Arena Köln: „Sollten auch mehr in Selbstverantwortung und auf Selbstbestimmung gehen“

Ein Modell, mit dem auch Stefan Löcher als Veranstalter und Arbeitergeber leben könnte: „In den meisten Ländern in Europa herrscht eine völlig gegenläufige Politik, die ganz klar auf Selbstbestimmung und mehr Selbstverantwortung setzt. Dort will man mit dem Virus leben und sogar die Quarantäne wird abgeschafft. Aus meiner Sicht geht man im Ausland wesentlich intelligenter mit dem Coronavirus um als in Deutschland. Wir sollten wieder mutiger sein und auch mehr in Selbstverantwortung und auf Selbstbestimmung gehen und schauen, für wen Corona wirklich gefährlich ist.“

Stefan Löcher ist seit 2001 Geschäftsführer der Lanxess-Arena. Er bemängelte immer wieder die unkoordinierte und undurchdachte Corona-Politik und warnte vor verheerenden Folgen für die Veranstaltunsgbranche.

Unsere Gastautorin Claudia Hessel ist Chefmoderatorin von RTL West und eingefleischte Kölnerin. Die Journalistin leitet als Vorstandsvorsitzende das Kölner Forum für Kultur im Dialog und ist ehrenamtlich im Kölner Presseclub aktiv. Dieser Beitrag stammt aus dem Newsletter des Kölner Presseclub, den Sie hier abonnieren können.

„Politiker müssen sehr aufpassen, dass sie nicht deutliche Wettbewerbsnachteile für Deutschland schaffen“

Angesicht der geplanten Corona-Politik und der allgemeinen Verunsicherung schaut Löcher mit gemischten Gefühlen auf sein nächstes Großevent: „Wir freuen uns natürlich sehr für Köln auf die Basketball-Europameisterschaft, die jetzt Anfang September kommt. Da holen wir wieder ein Riesenevent mit fünf Deutschlandspielen in die Stadt. Das heißt erneut mindestens 100 Millionen Euro Umweg-Rendite durch tausende Hotelübernachtungen und Gastronomiebesuche usw. für Köln. Als privatwirtschaftliches Unternehmen gehen wir dafür selbst hoch ins Risiko. Deshalb müssen die verantwortlichen Politiker sehr aufpassen, dass sie mit ihrer Coronapolitik im internationalen Vergleich nicht deutliche Wettbewerbsnachteile für Deutschland schaffen, und wir uns dadurch selbst stark beeinträchtigen - gerade nach dem, was wir die letzten zwei Jahre durchgemacht haben.“

Der vom Kabinett gebilligte Entwurf des Infektionsschutzgesetz geht nun in den Bundestag und könnte am 8. September beschlossen werden. Im Gespräch mit Stefan Löcher wird deutlich, eine öffentliche Diskussion auch über die wirtschaftlichen Konsequenzen des geplanten Infektionsschutzgesetztes muss jetzt und vor allem auch mit Veranstaltungsexperten geführt werden und nicht, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.

Dürfen wir von Politikern nicht erwarten, dass sie genauer zuhören und neue Wege finden? Nicht nur in Köln steht eine ganze Branche mit vielen Arbeitsplätzen und Existenzen auf dem Spiel, wenn das Publikum aus Angst oder Frust zu Hause bleibt. (Autorin: Claudia Hessel / IDZRW)

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