„Wir wissen nicht, ob er es schafft“

Kölner Intensivpflegerin bei Maischberger: „Jüngster Corona-Patient ist 22 Jahre alt“

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In der dritten Welle sind die Patienten auf den Intensivstationen immer jünger geworden. (Symbolbild)
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Anette Segtrop ist Intensivpflegerin in Köln. Bei „Maischberger“ erzählt sie, wie die dritte Corona-Welle ihre Arbeit verändert hat und weshalb sie sich nun besonders sorgt.

Köln – Anette Segtrop ist Intensivmedizinerin aus Überzeugung. Seit 40 Jahren arbeitet sie in ihrem Beruf, angestellt ist sie in der Uniklinik in Köln. Auf ihrer Station versorgt sie seit der dritten Welle immer mehr Corona-Patienten mit schwersten Verläufen. Einige von ihnen schaffen es, andere verlieren auf der Intensivstation im Stadtteil Lindenthal ihr Leben. Der jüngste Corona-Patient ist gerade mal Anfang 20. In der ARD-Sendung „Maischberger Die Woche“ erzählt sie, wie die dritte Welle die Arbeit auf der Intensivstation verändert hat und was nun ihre größten Sorgen sind.

Pflegerin aus Köln bei „Maischberger“: So hat die dritte Welle die Arbeit auf der Intensivstation verändert

„Die Zahlen sind in der dritten Welle fürchterlich angestiegen, mit schwerst kranken Patienten. Es legt sich jetzt so ein bisschen, sodass nun eine Stabilität reinkommt“, so schildert Anette Segtrop die derzeitige Lage auf der Intensivstation in der ARD-Sendung „Maischberger“. Weiter erzählt die Kölner Intensivpflegerin, dass schwerst kranke Corona-Patienten sogar mit einem Team von Wuppertal oder Remscheid abgeholt und sofort mit einer Herz-Lungen-Maschine versorgt werden müssen, da sie sonst nicht überleben.

Da die Betten bereits an einem Wochenende voll belegt waren, musste das Team der Uniklinik Köln Patienten aber auch wieder in andere Krankenhäuser verlegen, wenn dies möglich war, damit andere, die dringend eine Herz-Lungen-Maschine brauchen, diese auch bekommen, so Segtrop.

Intensivpflegerin der Uniklinik Köln in der ARD: „Patienten werden immer jünger – Jüngster ist erst 22 Jahre alt“

Auffällig sei außerdem, dass Patienten in der dritten Welle immer jünger werden. „Letztes Frühjahr waren vor allem die Alten betroffen, die haben es teilweise aber gar nicht mehr ins Krankenhaus geschafft, weil sie sofort gestorben sind. In der zweiten Welle hatten wir im Schnitt Patienten auf der Intensivstation, die zwanzig Jahre jünger waren“, so Segtrop. In der dritten Welle nun werden die Patienten noch jünger. „Der Jüngste ist 22 Jahre alt und schwerst erkrankt. Ihm stehen sämtliche Geräte zur Verfügung und es geht ihm jeden Tag schlechter. Wir wissen immer noch nicht, ob er es schaffen wird“, erzählt Segtrop in der Sendung.

Intensivpflegerin aus Köln bei ARD-Sendung „Maischberger“: Das sind nun ihre größten Sorgen

Neben der Gesundheit ihrer Patienten gibt es auch viele andere Dinge im Zusammenhang mit Corona, die der Intensivpflegerin momentan Sorgen bereiten. Zum Beispiel, dass die Öffnung von Biergärten, Gastronomie und Hotels wieder zu mehr Ansteckungen führen – und damit auch die Zahl der Intensivpatienten wieder steigen könnte. „Ich verstehe sicherlich diejenigen, die aktuell nicht arbeiten können. Aber der Mensch sollte sich zurücknehmen, bis wir etwas Ruhe reinbekommen und die Zahlen so weit heruntergehen, bis das Virus beherrschbar ist“, so Segtrop. Insbesondere eine mögliche vierte Welle bereitet der Intensivpflegerin Sorge. Sie befürchte, falls eine vierte Welle im Herbst kommt und die indische Mutation zunimmt, die Patienten mit schweren Verläufen sogar noch jünger werden könnten. In Köln gibt es derzeit übrigens zwei Fälle der indischen Mutation.

Doch auch die zunehmende Belastung der Pflegekräfte kommt erschwerend hinzu. Für Anette Segtrop selbst kommt es nicht in Frage, ihren Job an den Nagel zu hängen. Sie sei Intensivpflegerin aus Überzeugung und schon zu lange dabei, sagt sie. „Ich glaube aber, dass junge Pflegekräfte aufgrund mangelnder Erfahrung im Umgang mit schwierigen Situationen an ihre Grenze kommen“, so Segtrop im Gespräch mit Sandra Maischberger. Sie wünsche sich daher auch von der Politik, dass ihr Beruf mehr wertgeschätzt werde.

Pflegerin aus Köln in ARD über schwere Corona-Verläufe: „Haben keine Möglichkeit mehr etwas zu tun“

Fest steht: Die Belastung der Intensivpfleger war noch nie so stark wie jetzt. Denn der Krankheitsverlauf sei bei Corona-Patienten besonders schwer, so Segtrop. Obwohl die Werte dann zunächst stabil zu sein scheinen und man Hoffnung schöpft, verschlechtere sich die Situation oft schlagartig, so die Pflegerin. „Dann kippt das ganze so langsam und alle Organe des Körpers werden angegriffen von dem Virus.“

Am Anfang sei es nur die Lunge, die man gut ersetzen kann, doch dann werden auch das Herz und die Nieren beschädigt, so Segtrop. Wie ihre Erfahrung zeigt, kann es dann plötzlich zu Ende sein. Für die Intensivpfleger sei dies eine extreme Belastung. „Man fängt den Dienst an, ist noch voller Elan und dann machen Sie eine Laboruntersuchung nach der nächsten, aber die Werte werden nicht besser. Sie zweifeln sogar an den Geräten, aber sie kommen nicht weiter und das macht einen sehr traurig. Sie haben dann keine Möglichkeit etwas zu tun, sie wollen aber etwas tun“, schildert Segtrop ihre Situation und die ihrer Kollegen.

Zuvor äußerte sich die Kölner Intensivpflegerin auch schon im ARD-Beitrag „Bericht aus Berlin“ zu ihren Arbeitsbedingungen während der Corona-Pandemie. (nb)

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