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Kölner Museumschefin erhält täglich Hass-Mails – auch, weil sie eine Frau ist

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Direktorin Nanette Snoep 2021 im rautenstrauch-joest-museum koeln
Nanette Snoep, Direktorin des Rautenstrauch-Joest-Museum, 2021 vor einer Vitrine mit Benin-Bronzen. Im Sommer 2022 wurden die Kunstwerke an Nigeria übergeben. © Marius Becker /dpa

Emotionales Ringen um das Erbe des Kolonialismus: Nanette Snoep vom Rautenstrauch-Joest-Museum bekommt täglich Hass-Mails. Auch, weil sie eine Frau ist.

Köln – Kann man etwas vermissen, das man bis dahin gar nicht kannte? Benin-Bronzen aus West-Afrika zum Beispiel? Im Salon-Gespräch mit Michael Hirz, Vorstand des Kölner Presseclubs, erzählt die Anthropologin und Kulturmanagerin Nanette Snoep, warum die Debatte um das Erbe des Kolonialismus so emotional geführt wird.

Das Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln, das Nanette Snoep seit 2019 leitet, bewahrt eine Sammlung von 96 höfischen Kunstwerken aus dem einstigen Königreich Benin auf. 1897 wurden sie von britischen Elitesoldaten geraubt, später gelangten sie über Auktionen in europäische Sammlungen. Man habe sich in Deutschland nie dafür interessiert, wisse auch häufig nicht einmal, wo das Königreich Benin überhaupt liege (im heutigen Nigeria nämlich), erzählt Nanette Snoep. Trotzdem sorge die Rückgabe der geraubten Kunst für gemischte Gefühle. Aber auch in Nigeria, wohin die Bronzen zurückgegeben werden, sei es nicht anders: dort „kämpften die Leute für etwas, das sie bis dahin gar nicht kannten“. 

Das Königreich Benin existierte etwa 1200 Jahre im Südwesten des heutigen Nigerias. 1897 eroberten britische Truppen das Land und schlugen es ihrem „Protektorat Südliches Nigeria“ zu

Bei der Eroberung kam es zu zahlreichen Plünderungen, Kunstschätze wurden über Großbritannien nach ganz Europa verkauft

Ein Abkommen zwischen Nigeria und Deutschland sieht eine „bedingungslose Rückgabe“ der Benin-Bronzen aus deutschen Museen vor. Ende August 2022 wurde die Übergabe des Eigentums an Nigeria vereinbart

In deutschen Museen und Institutionen dürfen noch bis 2032 ein Drittel der Benin-Kunstwerke als Leihgabe Nigerias ausgestellt werden

„Man kann auch etwas zurückgeben, was man liebt“

Nanette Snoep wuchs in den Niederlanden auf. Das Interesse für Kunst und Feminismus hat sie bereits in der DNA. Die Mutter ist Kunstkritikerin und Feministin, der jüdische Vater (war) Museumsdirektor. Schon als Kind interessierte sie sich für außereuropäische Geschichte. In der eigenen Familie hat sie an ihrem Vater erlebt, welche Gefühle die Rückgabe eines bis dahin nicht vermissten Gegenstandes auslösen kann. Nur dieser Weg könne zur Versöhnung führen. Ja, man könne auch etwas zurückgeben, das man liebt. Davon ist Nanette Snoep fest überzeugt.

Knapp zwanzig Jahre später landet die aktuelle Museumsdirektorin, die 2022 mit dem Kenneth-Hudson-Award für institutionelle Courage und berufliche Integrität ausgezeichnet wurde, mitten in einem Shitstorm. 

Nanette Snoep: Täglich Hassmails im Postfach

Nahezu täglich erreichen Nanette Snoep anonyme Hassmails, die sie aufgrund ihres Frauseins attackieren, erklärt sie auf Nachfragen von Moderator Michael Hirz. Kritiker seien gegenüber Frauen „übergriffiger“. Als Mann hätte sie vermutlich andere Reaktionen bekommen. Inzwischen säßen in den Museen jedoch eine ganze Reihe Frauen in den Chefetagen. Möglicherweise bringe das Frausein dort auch Vorteile. Denn Frauen machten andere „Unrechtserfahrungen“ als Männer und für „ungleiche Machtverhältnisse“ hätten sie feinere Antennen.

Über weite Strecken nahm das Gespräch im Rheingoldsalon eine solche Intensität an, dass man die sprichwörtliche Stecknadel hätte fallen hören können. In Paris, wo sie Kulturelle Ethnologie studierte und 16 Jahre lang die historische Sammlung des Musée du quaie Branly leitete, sei es für Frauen einfacher. Sowohl als Mutter von drei Kindern als auch als berufstätige Frau. Auch in der Aufarbeitung der Kolonialgeschichte sei man dort schon wesentlich weiter als in Deutschland. In Köln wolle sie übrigens noch mindestens so lange bleiben, bis die Taxifahrer endlich wüssten, wo das Rautenstrauch-Joest-Museum sei. Bis dahin könne wohl noch viel Zeit vergehen. (Ulrike Brincker / IDZRW)

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