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Köln: Gendersternchen in der Stadtverwaltung – zerstört zu viel Rücksichtnahme das Gemeinsame?

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Von: Michael Hirz

Die Philosophin Svenja Flaßpöhler auf der phil.COLOGNE 2021.
Die Philosophin Svenja Flaßpöhler auf der phil.COLOGNE 2021. © Rolf Vennenbernd / dpa

Kölns OB Henriette Reker hat mit dem „Leitfaden für wertschätzende Kommunikation“ ihrer Bilanz der Symbolpolitik einen weiteren wichtigen Baustein hinzugefügt, meint unser Gastautor Michael Hirz.

Köln – Es ist nun wirklich mal an der Zeit, eine Lanze für die Kölner Stadtverwaltung zu brechen. Na gut, in puncto Sauberkeit, Sicherheit, Verkehr und etlichen anderen Feldern ist noch sehr viel Luft nach oben. Aber untätig? Nein, das ist die Verwaltung mit ihren rund 20.000 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen (neu: Mitarbeitende) absolut nicht. So hat sie beispielsweise einen „Leitfaden für wertschätzende Kommunikation bei der Stadt Köln“ erarbeitet. Der schreibt auf 56 Seiten detailgenau eine neue Amtssprache mit Gendersternchen und Binnen-I vor.

Köln: Überstrahlen Gendersternchen alle Schmuddelecken?

Somit spielt Köln zwar nicht im Fußball, aber in der Disziplin Gendergerechtigkeit ab sofort in der Champions League – Donnerwetter! Da überstrahlt doch das Gendersternchen hell alle Schmuddel-Ecken, alle gravierenden Defizite der städtischen Infrastruktur. Das rechtfertigt auch den selbstbewussten Stolz, wie er in Henriette Rekers Vorwort zum Ausdruck kommt: „In unserer täglichen Arbeit sind wir Expert*innen.“ Ja, die Oberbürgermeisterin hat in ihrer eindrucksvollen Bilanz der Symbolpolitik (z.B. Kölner Muezzin-Ruf) einen weiteren wichtigen Baustein hinzugefügt.

Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich ist Diskriminierung unverzeihlich und gegen Gedankenlosigkeit im sprachlichen Umgang muss vorgegangen werden. Aber dass man künftig z.B. auf kölsche Weisheiten wie „Jeder Jeck ist anders“ (spricht nur Männer, nicht aber Frauen und Diverse an) oder den Begriff „Fußgänger“ (neu: Zufußgehende) verzichten muss, ist gewöhnungsbedürftig. Was wird dann zum Beispiel aus der Fußgängerzone? Bevor man jedoch beim Blick auf durch die Verwaltung ausgelöste Umsetzungsprobleme in Ratlosigkeit versinkt, sollte man da nachfragen, wo es jenseits des hektischen Alltags Orientierung gibt: bei der Philosophie.

Unser Gastautor Michael Hirz

Der Publizist Michael Hirz war bis vor kurzem Programm-Geschäftsführer des Politik-Senders Phoenix und hat u. a. den „Internationalen Frühschoppen“ moderiert. Jetzt ist Michael Hirz freier Journalist, Kommunikationsberater und sitzt im Vorstand des Kölner Presseclub. Dieser Beitrag stammt aus dem Newsletter des Kölner Presseclub.

Svenja Flaßpöhler: Neue deutsche Empfindsamkeit – das Gemeinsame wird zerstört

Gerade hat sich die Philosophin Svenja Flaßpöhler Gedanken zur neuen deutschen Empfindsamkeit gemacht. Mit ihr habe ich über sprachliche Sensibilität, Gendergerechtigkeit, Identitätspolitik und Toleranz gesprochen. Natürlich, sagt sie, ist menschheitsgeschichtlich Sensibilität ein großartiger Fortschritt: „Menschen schützen sich gegenseitig in ihrer Verletzlichkeit, werden empfänglicher für fremde Gefühle und Bedürfnisse.“ Doch diese Entwicklung habe eine Kehrseite: Die Gesellschaft werde durch Aufteilung in immer mehr Gruppen und Grüppchen, die alle gesondert angesprochen und behandelt werden wollten, zersplittert, das Gemeinsame wird zerstört.

Zu dieser Entwicklung trägt, so habe ich es verstanden, Sprache und Sprachgebrauch bei. Drastischer hat es der österreichische Philosoph Robert Pfaller ausgedrückt: „Diese Spracheingriffe sind durchweg dilettantisch und lassen sich in den meisten Fällen weder schreiben noch sprechen.“ Nun müssen Stadtverwaltung und Oberbürgermeisterin lernen, dass sie nicht nur für ihre Versäumnisse, sondern gelegentlich auch für ihren tatkräftigen Eifer kritisiert werden. Aber vielleicht findet die Stadt ja auch andere Wege, ihren Bürgerinnen und Bürgern gegenüber Wertschätzung zu zeigen. Dazu braucht sie nicht einmal die Nachhilfestunden bei Philosophen!

Svenja Flaßpöhler: Kritische Philosophin und Autorin

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