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387 Tage Tanzverbot – das Bootshaus im Corona-Dornröschenschlaf

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Von: Johanna Werning

Geschäftsführer Tom Thomas in seinem leeren Club Bootshaus in Köln.
Alles dicht. Über ein Jahr ist vergangen seitdem Tom Thomas Gäste in seinem Bootshaus begrüßen durfte. © Mario Jüngling

Köln – Es war einmal vor langer, langer Zeit, als das Partyvolk Woche für Woche gemeinsam im Bootshaus zu Bassklängen von Oliver Magenta, Don Diablo und Timmy Trumpet feierte. Knapp 2.000 Gäste tanzten auf dem Gelände an der Deutzer Werft in Köln Deutz. Die drei Floors und der Außenbereich am Kölner Rhein gelten als bester Club Deutschlands und stehen im Ranking weltweit auf Platz sechs. „Die Atmosphäre, der Vibe – hier feiern alle zusammen. Die Liebe zur Musik verbindet und das spüren alle, die Gäste und die Künstler. Das kann man nur verstehen, wenn man schon einmal da war“, erklärt Tom Thomas. 

Er regiert das 3.000 Quadratmeter große Gelände. Statt einer Krone trägt er dabei einen braun geblümten Mantel. Tom Thomas ist der Geschäftsführer des Bootshauses. Er kennt jeden Zentimeter. „Das Bootshaus ist mein Herzstück.“ Sobald er von den Partys spricht, beginnen seine braunen Augen zu leuchten. Seit 30 Jahren ist er in der Veranstaltungsbranche tätig. „Ich liebe es, Gastgeber zu sein.“ Doch das konnte Tom Thomas schon lange nicht. Die letzte große Party im Bootshaus ist Ewigkeiten her. 

387 Tage ohne Gäste: Das Bootshaus in Köln ist im Dornröschenschlaf

Denn seit 387 Tagen bleiben die Tanzflächen leer. Seit 387 Tagen sind die klirrenden Gläser verstummt. Seit 387 Tagen befindet sich das Bootshaus im Dornröschenschlaf. Der Auslöser für den Dämmerschlaf ist keine Spindel, sondern das Coronavirus.

Aufgrund der Pandemie muss der Club seit dem 13. März 2020 geschlossen bleiben. „Ich hätte nie gedacht, dass die gesamte Welt still steht“, erzählt Tom Thomas traurig. „Der Moment, in dem klar war, dass wir komplett zu machen müssen, war sehr deprimierend. Am Anfang haben wir gehofft, dass das nur ein paar Monate ist und wir dann wieder aufmachen. Dann kam die zweite Welle – und die Dritte.“ Mittlerweile ist ein Jahr vergangen, seit dem das Bootshaus die Zwangspause einlegt. Ein zeitnahes Öffnen scheint bei den immer noch hohen Infektionszahlen unwahrscheinlich. 

Das Bootshaus in Köln gibt trotz Dornröschenschlaf nicht auf

Doch das ist für Tom Thomas und sein Bootshaus-Team kein Grund, selbst in den Dämmerschlaf zufallen. Der Geschäftsführer und seine Mitarbeiter sind voller Tatendrang. „Es ist eine Pandemie und das Virus darf man nicht unterschätzen, aber wir lassen uns nicht unterkriegen.“ Tom Thomas behält darum weiterhin alles fest im Blick. Im Büro im Obergeschoss dirigiert er die Angelegenheiten für seine verschlafene Party-Residenz. Übers Telefon erklärt er seinen Mitarbeitern, wo sie was finden. Immerhin ist sein „Herzstück“, das Bootshaus, sein Lebenselixier.

„Hier hole ich meine Energie raus. Die Gäste, die Künstler, die Kollegen geben mir Kraft.“ Und die gibt er seinem Partyvolk während der Pandemie zurück. Immer wieder überlegt sich Tom Thomas gemeinsam mit seinem Team coronakonforme Projekte. Von Livestream-Auftritten über Arena-Veranstaltungen in der Lanxess-Arena bis zu VR-Partys hat das Bootshaus für Ablenkung während der Pandemie gesorgt. 

Bei den VR-Partys befinden sich die Bootshaus-Besucher dank sogenannter Virtual-Reality-Brille virtuell im Club. Denn für den Kölner ist klar, dass „Clubs weitaus mehr als Saufen sind. Clubs sind Teil der Kultur. Menschen brauchen den sozialen Kontakt im Leben. Den Austausch bieten Clubs und das ist wichtig.“ 

Das Bootshaus in Köln vereint Club, Coronavirus und Kunst 

Wie gut Kultur und Club zusammenpassen, zeigt sich in dem neuesten Bootshaus Projekt. Mit „The Sounds of Bootshaus“ werden Club, Coronavirus und Kunst miteinander verbunden. Musikproduzent und DJ Daniel Gourski nahm im leeren Bootshaus Geräusche auf, die man beim Clubbesuch nicht hört. 

So werden aus dem Schütteln von Eiswürfeln, dem Hin- und Herschieben von Kleiderbügeln und dem Bewegen der Lichttechnik ein neuer Partyhit. „Diese Geräusche und daraus ein Song – das ist wirklich besonders“, schwärmt der Geschäftsführer über das neueste Projekt. 

Das Bootshaus im Dornröschenschlaf: Kreative Projekte zahlen keine Rechnungen

Doch trotz der ziemlich erfolgreichen Coronavirus-Projekte plagen Tom Thomas Sorgen. Der Dämmerschlaf des Clubs ist eine finanzielle Katastrophe. Die Projekte im Bootshaus ermöglichen zwar kreatives Handeln, doch eine finanzielle Entlastung seien sie nicht. „Das meiste ist kostenlos oder bringt nur wenig ein.“ Und auch die Hilfsfonds der Bundesregierung sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Ich bin dankbar für die Hilfen. Das ist nicht selbstverständlich, aber ideal läuft das alles nicht.“

Die zwölf Festangestellten befinden sich in Kurzarbeit. Die über 100 freien Mitarbeiter werden nur noch vereinzelt für das ein oder andere Projekt im Bootshaus benötigt. „Es ist schwierig – für das gesamte Team, aber ein Aufgeben kommt nicht in Frage.“ Tom Thomas weiß, wofür er weitermacht. „Wenn man die Menschen sieht, die Spaß haben, ist es wunderbar. Dann weiß man, wofür es sich gelohnt hat.“

Trotz einem Jahr Zwangspause in Köln: Das Bootshaus ist zuversichtlich 

Eine große Partymenge steht vor dem DJ-Pult im Bootshaus.
Ein Bild aus besseren Zeit. Ein Jahr ist vergangen seit der letzten Party im Bootshaus. (Archivbild) © Bootshaus

Der 48-Jährige ist trotz der schwierigen Situation zuversichtlich. Als Geschäftsführer will er sich nicht unterkriegen lassen. „Es wird weitergehen. Es muss weitergehen.“ Doch das könnte noch dauern. „Wir haben als Erste zu gemacht und werden die Letzten sein, die wieder aufmachen. Die Planlosigkeit macht es schwierig.“ Denn für die Veranstaltungen braucht das Team Vorlauf. „Planen, Organisieren, Künstler buchen“, das dauert gut und gern ein halbes Jahr. Wenn es so weit ist und das Bootshaus aus seinem 100-jährigen Dämmerschlaf erwachen darf, ist Tom Thomas bereit. „Wir werden wiederkommen. Egal wann und darauf freuen wir uns.“ (jw)

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