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Muezzin-Ruf Köln: Beim Moschee-Bau wurde vereinbart, dass es keine Gebetsrufe geben wird

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Von: Michael Hirz

Außenansicht der Ditib Zentralmoschee mit zwei Minartetten in Köln Ehrenfeld.
Die DITIB-Zentralmoschee in Köln wurde 2017 offiziell eröffnet. © Christopher Schroer-Heiermann

Die Muezzin-Debatte bewegt Köln: Darüber sprach unser Gastautor Michael Hirz mit Ex-OB Fritz Schramma (CDU) und Ex-Innenminister Gerhart Baum (FDP).

Köln – Die Lebenserfahrung hat es schon oft genug bestätigt: Das Gegenteil von gut ist nicht etwa schlecht, sondern gut gemeint. Denn auch der Oberbürgermeisterin Henriette Reker darf man beste Absichten unterstellen. Sie hat den 35 Kölner Moscheegemeinden jetzt erlaubt, dass freitags Muezzins ihre Gläubigen lautstark zum Gebet rufen. Um erwartbarer Kritik gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen, geschieht dies mit behördlichen Auflagen und erst einmal zwei Jahre zur Probe.

Muezzin-Ruf Köln: Teil der Vereinbarung zum Moschee-Bau war, dass es keine Gebetsrufe geben wird

Was von Reker als Ausweis rheinischer Toleranz gedacht war (oder sollte es nur ein Befreiungsschlag sein, um den Ruf der Glücklosigkeit abzuschütteln?), kommt indes nicht überall gut an – zumal es gar keine Anfrage einer Moschee-Gemeinde gegeben hat, sondern Henriette Reker mit ihrem beflissenen und vorauseilendem Angebot forsch in die Offensive gegangen ist. Ihr Vorgänger als OB in Köln, Fritz Schramma, erinnert mich im Gespräch daran, dass bei der Planung der großen Zentralmoschee in Ehrenfeld mit der Stadt „sehr strenge Bedingungen verabredet“ wurden: „Dazu gehörte, dass es keine Muezzin-Rufe zum Gebet geben wird.“ Als Mann mit Stil äußert er keine Kritik an seiner Nachfolgerin („Das gehört sich nicht!“), aber in unserem Austausch wird deutlich, dass hier ohne Not aus einer Lösung – keine öffentlichen Gebetsaufrufe – ein Problem gemacht worden ist. Auch ist es vermutlich lebensfremd, dass ein solcher Versuch nach den zwei Jahren wieder kassiert wird.

Was ihn stört, ist der von Ankara gesteuerte Türkisch-Islamische Moscheeverein Ditib, der sich an viele Verabredungen nicht gehalten habe und sehr expansiv auftrete. Tatsächlich ist spätestens seit dem Eklat bei der Moschee-Eröffnung 2018 durch den türkischen Präsidenten Erdogan das Verhältnis zu Ditib gestört. Die Öffnung der Moscheegemeinde zur Stadt, wie sie in der großartigen Architektur Paul Böhms zum Ausdruck kommt, hat bislang nicht stattgefunden – im Gegenteil.

Köln: Fritz Schramma kann Vergleich von Muezzin-Rufen mit Kirchenglocken nicht nachvollziehen

Den vielfach angestrengten Vergleich der Muezzin-Rufe mit dem Glockengeläut der Kirchen kann Schramma, der sich in seiner Amtszeit sehr um Integration bemüht hat, nicht nachvollziehen: „Kirchenglocken sind keine sprachlichen Botschaften“. In diese Kerbe schlägt auch die Soziologin Necla Kelek, prominente Kritikerin des politischen Islam: Der Muezzin-Ruf sende „eine Ideologie, eine bestimmte Richtung“, mit dem „religiöse Slogans verkündet“ würden, erklärte sie gegenüber Bild. Mit dem Ruf „Allahu akbar“ würden Männer zum Gebet gerufen und Frauen ausgegrenzt. Ähnlich kritisch sieht es die ehemalige SPD-Abgeordnete Lale Akgün. Gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger sagte sie, Rekers Plan sei „an keinem Punkt durchdacht“ und „die Symbolpolitik geht nach hinten los“.

Entspannter äußert sich der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum. Der große alte Mann der FDP setzt auf eine Gewöhnung, zumal in anderen deutschen Städten der Gebetsaufruf schon üblich sei. Ein wenig Unverständnis über den Muezzin-Ruf hat er schon, denn „heute hat doch jeder eine Uhr und braucht diese Form der Aufforderung doch gar nicht mehr.“

Unser Gastautor Michael Hirz

Der Publizist Michael Hirz war bis vor kurzem Programm-Geschäftsführer des Politik-Senders „Phoenix“ und hat u. a. den „Internationalen Frühschoppen“ moderiert. Jetzt ist Michael Hirz freier Journalist, Kommunikationsberater und sitzt im Vorstand des Kölner Presseclub. Dieser Beitrag stammt aus dem Newsletter des Kölner Presseclub.

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