1. 24RHEIN
  2. Köln

Ukraine-Krieg: Kalkuliert Putin mit der Flucht von Millionen hungriger Menschen?

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Peter Pauls

Wladimir Putin vor ukruainischen Fahne Umriss des Landes als Weizenfeld
Wladimir Putin: Sein Krieg könnte Hungersnöte und die Flucht von Millionen Menschen auslösen. © picture alliance/dpa/Pool Sputnik Kremlin/AP | Mikhail Klimentyev & Countrypixel / Imago

Der schmutzige Ukraine-Krieg wird grenzenlos: Weltweit drohen Hungerkatastrophen, Aufstände und Fluchtbewegungen befürchtet unser Gastautor Peter Pauls.

Köln – Der Ukraine-Krieg: Niemand kann genau sagen, wie viele Flüchtlinge aus der Ukraine sich in Deutschland aufhalten. Offiziell hat die Bundespolizei 307.000 Menschen registriert. Wegen fehlender Grenzkontrollen dürfte die tatsächliche Zahl aber deutlich höher liegen. Vielleicht bei einer halben Million? Mindestens 4,1 Millionen Menschen haben das überfallene Land verlassen. In der Ukraine selbst sind mehr als sieben Millionen Menschen auf der Flucht. Sie müssten versorgt werden, damit nicht Hungersnöte oder Seuchen ausbrechen.

Ukraine-Krieg: „Womöglich Fluchtbewegungen in unerhörter Dimension“

Bereits diese Zahlen sind gewaltig. Sie muten unwirklich an, als ginge es nicht um ein Land, das nur zweieinhalb Flugstunden entfernt liegt, sondern um ein entferntes Krisengebiet wie den Süd-Sudan. Womöglich müssen wir als Folge dieses Krieges jedoch noch mit Fluchtbewegungen in unerhörter Dimension rechnen.

Die Ukraine und Russland gehören zu den fünf größten Weizenproduzenten. Doch auf den fruchtbaren Äckern wird Krieg geführt und Russland ist mit Handelssanktionen belegt. Mit einer Ernte rechnen nur noch Optimisten. Die internationalen Märkte schon gar nicht. Der zu erwartende Mangel ist eingepreist. Wir spüren es bei jedem Einkauf. Außerhalb West-Europas rechnen Experten fest mit Hungerkatastrophen.

Ukraine-Krieg: In Ägypten drohen Hunger-Aufstände

Werner Baumann, Chef des Chemiekonzerns Bayer in Leverkusen, hat einen dramatischen Aufruf verfasst. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung forderte er sofortiges Handeln und verwies auf Zahlen des Welternährungsprogramms. Danach leiden derzeit 276 Millionen Menschen an Hunger. 44 Millionen von ihnen in 38 Ländern stehen an der Schwelle zum Hungertod. "Die Auswirkungen des Krieges könnten diese Zahlen verdoppeln", schrieb Baumann und formulierte den zentralen Satz: "Der Markt wird das nicht lösen können." Mit anderen Worten: Die Politik muss übernehmen.

Mehr als ein Drittel der rund 100 Millionen Ägypter lebt unterhalb der Armutsgrenze und damit von hoch subventioniertem Fladenbrot. Vier Fünftel des dafür notwendigen Getreides kommt aus den Gebieten der Kriegsparteien. Was geschieht, wenn diese Lieferungen ausfallen? 2011 kam es zum "Arabischen Frühling", der in seinem Kern ein Brotaufstand war, wie Experten das nennen.

Kalkuliert Putin womöglich mit Fluchtbewegungen von Millionen hungriger Menschen?

Ist unsere, ist die Weltpolitik gerüstet für eine solche Situation? Hat sie womöglich Vorkehrungen getroffen? Ich glaube, nachdem ich einige Telefongespräche mit PolitikerInnen in der Hauptstadt geführt habe, nicht mehr daran. Was wird, wenn es erst gar kein Brot gibt – egal wie teuer? Kalkuliert Wladimir Putin womöglich mit Fluchtbewegungen von Millionen und Abermillionen hungriger Menschen, die die Völkerwanderungen früherer Zeiten wie Sonntagsspaziergänge aussehen lassen?

Was geschieht, wenn wir konsequent auf russisches Erdgas verzichten? Ein Freund berät Industrieunternehmen in energetischen Fragen und prophezeit, dass dann weite Teile der deutschen Wirtschaft brach liegen werden. Sie stehen still. Anders als in jedem bisherigen Lockdown wird dann nicht mehr produziert. Das bedeutet: keine Arbeit für hunderttausende von Menschen. Nun wird verständlich, warum Wirtschaftsminister Robert Habeck trotz Grünen-Parteibuch partout keinen Lieferstopp aus Russland will.

Wir sind nicht nur abhängig von industriellen Lieferketten

Die Corona-Jahre haben gelehrt, wie abhängig Staaten von industriellen Lieferketten sind. Der Ukraine-Krieg erweist, dass der Nahrungsmittelsektor keine Ausnahme ist. Das ostafrikanische Kenia etwa bezieht 40 Prozent seines Weizenbedarfs von den Kriegsparteien. Die eigenen fruchtbaren Böden werden genutzt, um den Kaffee oder Tee anzubauen, den wir täglich trinken. Zusätzlich zu Lieferengpässen bedroht noch eine Jahrhundertdürre die Menschen am Horn von Afrika. Bis zu 20 Millionen Menschen sind von ihr betroffen. Wenn das keine Fluchtgründe sind?

„Schmutziger Krieg ohne Grenzen“ Presseclub am 28.04., 19:30 Uhr in Köln

Über diese Fragen und viele andere aktuelle Fragen möchte ich am Donnerstag, 28. April 2022, 19.30 Uhr, im Excelsior Hotel Ernst mit unserem Experten auf dem Podium sprechen. Als wir den Titel "Schmutziger Krieg ohne Grenzen" wählten, wussten wir noch nicht von den tief verstörenden Bildern aus dem ukrainischen Butscha, die die Welt entsetzen.

Udo Lielischkies hat viele Jahre für den WDR das ARD-Studio in Moskau geleitet und ist einer der erfahrensten Auslandskorrespondenten unseres öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Udo Lielischkies wird uns erklären können, warum dieses Entsetzen geteilt ist. Denn auch die Moskauer Version, wonach die Ukraine diese Horrorbilder selbst inszeniert hat, findet Anhänger.

Dr. Sonja Beer vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln hat soeben noch einen Bericht über die Handelsbeziehungen zwischen Russland und Deutschland verfasst. Was kommt da noch auf uns zu? Sie weiß um die Verflechtungen und Abhängigkeiten.

Douglas Graf Saurma, Geschäftsführender Vorstand von Malteser International, kennt Krisen, schon von Berufs wegen und aus eigenem Erleben. Ihm ist der traurige Mechanismus geläufig, dass mitunter ein Wink engstirniger Machtpolitiker genügt, um Millionen von Menschen einem Leben in Entwurzelung und Elend auszusetzen.

Anmeldung: Bitte melden Sie sich per Mail über "info@koelner-presseclub.de" an (2 G+ oder aktueller Test) und sagen bitte im Zweifel ab, sollten Sie verhindert sein, denn die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Im Anschluss laden wir noch auf ein Getränk ein, um Ansichten auszutauschen und Einsichten zu vertiefen.

Vor einer Woche thematisierten wir, dass die Kölner Stadtverwaltung in ihrer unergründlichen Weisheit den Dom aus dem Logo der Stadtverwaltung hat entfernen lassen. Uns erreichten Mails, dieser Scherz sei nun wirklich dämlich, denn wir versendeten unseren Newsletter am 1. April. Wer immer so denkt, muss jetzt tapfer sein: Nein, das war kein Aprilscherz! (pp/IDZRW) Unser Gastautor Peter Pauls ist Vorsitzender des Kölner Presseclubs. Zuvor war er lange Jahre Chefredakteur der Tageszeitung Kölner Stadt-Anzeiger. Dieser Beitrag stammt aus dem Newsletter des Kölner Presseclub, den Sie hier abonnieren können.

Auch interessant