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Die Idee, die Köln komplett verändern könnte – und den Bahnverkehr in Deutschland

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Von: Melissa Ludstock, Thomas Kemmerer

Blick aus Richtung Nordwesten auf Hauptbahnhof Köln und Dom - eine Vision, statt Schienen gibt es einen grünen Park mitten in der Stadt
So stellen sich die Macher die Neue Mitte Köln vor: Durch die Verlegung des Hauptbahnhofs nach Kalk entsteht neuer Platz in der Stadt. © neue mitte köln e.V. / nmk.koeln

Die Vision „Neue Mitte Köln“ könnte die Domstadt erheblich verändern: Verlegung des Hauptbahnhofs, mehr Platz in der Innenstadt und Vorteile für den bundesweiten Bahnverkehr.

Köln – Einen riesigen Hauptbahnhof erbauen direkt neben einem mächtigen Sakralbau, dem Dom, dem Stolz der katholischen Stadt? Am 9. Januar 1884 hatte der Rat der Stadt Köln die Möglichkeit, genau das zu verhindern – und entschied sich trotzdem dafür: mit einer Stimme Mehrheit, wohl auf Druck der Preußen aus Berlin.

138 Jahre später ist der elfgleisige Riesenbau im Schatten des Kölner Doms längst Teil der kölschen Folklore, aber auch ein völlig überlasteter Verkehrsknotenpunkt, der das Zentrum durchschneidet. Und genau das wollen visionäre Stadtplaner jetzt ändern – mit einem revolutionären Projekt: Der Kölner Hauptbahnhof kommt weg aus Innenstadt, auf die andere Rheinseite. Die Köpfe dahinter: Paul Böhm, Architekt, bekannt unter anderem für die Zentralmoschee in Ehrenfeld und Paul Bauwens Adenauer, Architekt und Bauunternehmer – er ist ein Enkel von Konrad Adenauer, des ersten Bundeskanzlers und einstigen Oberbürgermeisters von Köln.

Im Gespräch mit IPPEN.MEDIA erklären die Architekten, wie sich Köln verändern würde. Gemeinsam mit vielen weiteren Kölnern wollen sie mit der Idee der „Neuen Mitte Köln“ die Stadt „neu denken und gestalten“.

Vision „Neue Mitte Köln“: In Kalk entsteht ein neuer Hauptbahnhof

Die Kerngedanken der Idee „Neue Mitte“: Den Hauptbahnhof nach Köln-Kalk verlegen, den Bahnverkehr neu organisieren und so der Innenstadt ein neues Gesicht geben. „Ich glaube, dass unser Konzept versucht, ganzheitlich zu denken – und zwar nicht nur den Verkehr, sondern eben auch die städtebauliche Situation in Köln“, sagt Böhm. Ein Großteil des Bahnverkehrs, der jetzt direkt durch Köln rollt, soll auf die andere Rheinseite verlegt werden – um so neue Potenziale in der Altstadt zu schaffen.

Kern-Ideen der „Neue Mitte Köln“ im Überblick

Verlegung des Hauptbahnhofs, mehr Platz in der Innenstadt von Köln

Vision der Hohenzollernbrücke in Köln, die Brücke begrünt mit Menschen ohne Bahnverkehr im Hintergrund der Kölner Dom
Teil der Vision „Neue Mitte Köln“: So könnte die Hohenzollernbrücke am Dom aussehen ohne Bahnverkehr. © neue mitte köln e.V. / nmk.koeln

„Wir sehen die Neue Mitte etwas weiter gefasst, als nur den Bereich um den Kölner Dom“, erklärt Böhm. Für Köln würden sich ganz neue Perspektiven auftun: Die Stadt könnte „über den Rhein wachsen bis nach Osten, bis nach Köln-Kalk und Mülheim“. Die Vision der „Neuen Mitte“ könnte Köln so komplett verändern und der Stadt neue Möglichkeiten geben. „Im Rechtsrheinischen schafft man einen neuen Punkt, einen Magneten, auch für die Stadtentwicklung. So kann sich die Stadt über den Rhein weiterentwickeln“, sagt Bauwens Adenauer.

Wenn auch erst eine Idee, passen die Überlegungen der „Neuen Mitte“ zu den Entwicklungen in der Stadt. Das Kölner Stadtbild wird sich in den kommenden Jahren verändern: In Kreuzfeld entsteht ein neuer Stadtteil, der Deutzer Hafen wird zum modernen Quartier umgebaut und in der Parkstadt Süd sollen viele Menschen ein neues Zuhause finden.

„Neue Mitte Köln“: Auswirkungen auf den Bahnverkehr in ganz Deutschland

Der Hauptbahnhof Köln nimmt eine wichtige Rolle in den Überlegungen ein: Er ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, der gleichzeitig viel Fläche in der Kölner Innenstadt beansprucht. Rund 1300 Züge passieren ihn täglich auf elf Gleisen – mit Auswirkungen für die Stadt und ihre Bewohner. „Wer den Bahnhof queren will, auch durch die Unterführung, muss durch immer mehr Löcher kriechen. Das macht ja keine Freude. Die Zäsur wird nicht kleiner, sondern immer größer“, sagt Bauwens Adenauer.

Was zunächst nach einem neuen Stadtbild für Köln klingt, bedeutet weitaus mehr. Der Ansatz „Köln von der Schiene aus neu denken“, hätte Auswirkungen auf das deutsche Bahnnetz, sind die Initiatoren der „Neuen Mitte Köln“ überzeugt.

Von einer Verlegung des Hauptbahnhofs würde auch der Fernverkehr der Deutschen Bahn profitieren. ICEs der Bahn müssten sich dann nicht mehr durch das Nadelöhr Hohenzollernbrücke quälen. Die Brücke ist überlastet, hat ihr Kapazitätsgrenze ebenso wie der Hauptbahnhof schon lange erreicht. Bereits jetzt halten zahlreiche Schnellzüge der Deutschen Bahn nicht mehr linksrheinisch – sondern am Bahnhof Köln-Deutz/Messe.

Würde der Fernverkehr über einen Hauptbahnhof in Kalk abgewickelt, könnten sich Reisezeiten verringern. „Zudem verschafft man dem Deutschen Bahnverkehr eine große Zeitersparnis im Nord-Süd-Verkehr, die ganze Taktung verändert sich positiv und schafft Entlastung“, sagt Adenauer.

Hohenzollernbrücke Köln

Die Hohenzollernbrücke in Köln ist eine der meistbefahrenen Eisenbahnbrücke in Deutschland. Mehr als 1300 Züge rollen täglich an dieser Stelle über den Rhein in Köln zum Hauptbahnhof. Brücke und Bahnhof bilden einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt im europäischen Eisenbahnnetz. Doch sie sind dem hohen Verkehrsaufkommen nicht mehr gewachsen. Überlastung und Engpässe sind die Folge.

Ursprünglich wurde die Hohenzollernbrücke von 1907 bis 1911 gebaut. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Teile der Brücke gesprengt, der Wiederaufbau 1959 abgeschlossen. Die Hohenzollernbrücke besteht heute aus drei Brückenzügen, sechs Gleisen und einem Geh- und Radweg. Die Brücke ist 409,19 Meter lang und 26,20 Meter breit.

Wie wahrscheinlich ist die Umsetzung der Vision „Neue Mitte Köln“?

Mehr Aufenthaltsqualität in der Stadt, mehr Platz für alle Kölner und Kölnerinnen bei weniger Verkehr – und darüber Vorteile für tausende Bahnreisende täglich. All dies klingt verlockend. Doch wie wahrscheinlich ist die Umsetzung? In einem ersten Schritt soll eine Machbarkeitsstudie zeigen, wie das Projekt umgesetzt werden könnte. „Eigentlich ist es vorrangig gar kein Kölner Projekt, sondern ein Projekt auf Landes- und Bundesebene“, sagt Böhm. „Das könnte die Sache tatsächlich zur Realität machen.“ Die Umsetzung würde in mehreren Phasen erfolgen, eine Fertigstellung könnte um das Jahr 2080 möglich sein, rechnet Architekt Böhm vor – in der Theorie.

„Neue Mitte Köln“ als Chance für Köln, Großprobleme zu lösen?

Auch, wenn 2080 noch weit weg scheint, könnte sich die „Neue Mitte Köln“ in eine Reihe bedeutender Infrastrukturprojekte von nationaler Tragweite einreihen: Stuttgart 21 wird in den nächsten Jahren vollendet und in Frankfurt beginnen die Planungen, die Ferngleise des Hauptbahnhofs unter die Erde zu verlegen.

Paul Bauwens Adenauer, dessen Großvater Konrad Adenauer einst Köln sein heutiges Gesicht gegeben hat, sagt: „Wenn andere Städte auch aufbrechen und anfangen, ihre Großprobleme zu lösen, die sie seit Jahrzehnten nicht angepackt haben, dann sind das gute Vorbilder dafür, auch in Köln loszulaufen.“ (IDZRW) Tipp: Täglich informiert, was in Köln passiert – einfach unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

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