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Fahrgeschäfte auf Kirmes: Mehrere Unfälle 2022 – „unglückliche Häufung“

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Von: Nina Büchs

Kirmes in NRW: 2022 gab es mehrere Unfälle mit Karussells. Woran liegt das? 24RHEIN hat nachgefragt.

Köln – Für viele Menschen ist die Fahrt mit der Achterbahn, einem Free-Fall-Tower oder einem Überkopfkarussell ein echtes Highlight auf der Kirmes. Umso wichtiger, dass Fahrgeschäfte und Attraktionen auch sicher sind, damit keine Fahrgäste zu Schaden kommen. Dennoch kommen Unfälle bei Fahrgeschäften hin und wieder vor. Zuletzt auf der Haaner Kirmes, wo ein Mädchen aus der Gondel eines Karussells geschleudert wurde, weil der Sicherheitsbügel aufgrund eines technischen Defekts nicht richtig geschlossen war. Eine Recherche zeigt – der Vorfall in Haan war längst kein Einzelfall in diesem Jahr. Wie sicher sind Fahrgeschäfte also auf der Kirmes? Welche Vorschriften gibt es? Und gibt es in diesem Jahr mehr Kirmes-Unfälle, als sonst? 24RHEIN hat nachgefragt.

Kirmes-Unfälle: „In diesem Jahr kam es zu einer unglücklichen Häufung“

Frank Hakelberg ist Hauptgeschäftsführer des Deutschen Schaustellerbunds e.V. Über Zwischenfälle auf den Volksfesten in Deutschland ist er gut informiert, so auch über den Unfall auf der Haaner Kirmes. „In diesem Jahr kam es im Vergleich zu den Vorjahren tatsächlich zu einer unglücklichen Häufung von Pannen bei Fahrgeschäften auf den Kirmessen“, verrät Hakelberg. Einen Grund kann er jedoch nicht nennen – dies wäre „Spekulation“. Zudem sei bei einigen Zwischenfällen die Unfallursache noch nicht endgültig geklärt.

Kirmes in NRW: Aachen, Düsseldorf, Neuss, Vaihingen – diese Unfälle gab es 2022

Nicht verschlossene Sicherheitsbügel, Teile, die sich während der Fahrt von dem Fahrgeschäft lösen, Sicherheitsmechanismen, die das Fahrgeschäft plötzlich ohne Grund zum Stoppen bringen – immer wieder ist davon zu lesen. Auch 2022 gab es bereits einige Vorfälle. So lösten sich auf der Rheinkirmes Düsseldorf plötzlich Teile des Freifallturms und trafen zwei Menschen am Kopf. Auch in Neuss auf der Further Kirmes löste sich 2022 das Teil eines Rundfahrgeschäfts. In Aachen mussten auf dem Öcher Bend mehrere Menschen in 25 Metern Höhe in einem Kettenkarussell ausharren, weil eine Feder kaputt war. Ein Überblick, welche Pannen es 2022 auf den Kirmessen in Nordrhein-Westfalen gab:

In 25 Metern Höhe: Menschen in Kettenkarussell gefangen
Plötzlich saßen 24 Menschen in einem Kettenkarussell auf einer Kirmes in Aachen fest – und das in 25 Metern Höhe. © Polizei Aachen

Weitere Vorfälle gab es 2022 auch in anderen Bundesländern – so wurde in Vaihingen an der Enz in Baden-Württemberg zum Beispiel eine Frau aus einer Gondel geschleudert und dabei schwer verletzt. Auf der Kirmes in Altenkirchen in Rheinland-Pfalz löste sich eine Gondel vom Fahrgeschäft und krachte auf die Plattform.

Unfälle und Pannen: Wie sicher sind Fahrgeschäfte auf der Kirmes?

Sind Fahrgeschäfte auf Kirmessen und Volksfesten also einfach nicht sicher genug? Hakelberg verneint dies entschieden – laut ihm gehören die Achterbahnen, Karussells und Rundfahrgeschäfte auf den deutschen Volksfesten zu den „sichersten der Welt“. Denn für die Attraktionen gäbe es in Deutschland strenge Sicherheitsvorschriften, so Hakelberg.


Ein Absperrband wurde vor dem Fahrgeschäft „Krake“ am Freitag (28.10.2011) auf dem Bremer Freimarkt angebracht.
Auf Kirmessen und Volksfesten kommt es bei Fahrgeschäften hin und wieder zu Zwischenfällen. (Archivbild aus Bremen) © Michael Bahlo/dpa

„Fahrgeschäfte dürfen in der Regel nur mit einer hoheitlich erteilten Ausführungsgenehmigung betrieben werden. Sie ist mit der Baugenehmigung für ein Gebäude vergleichbar, aber befristet.“ Je nach Komplexität des Fahrgeschäfts muss die Ausführungsgenemigung immer wieder neu erteilt werden. So gelte zum Beispiel für Achterbahnen, wie die „Wilde Maus“ eine Frist von einem Jahr. Der „Musikexpress“ oder diverse Schunkler müssen die Genehmigung alle zwei Jahre erneuern lassen, so Hakelberg.

Voraussetzung für die Ausführungsgenehmigung sei eine erfolgreiche und intensive Begutachtung durch Sachverständige einer zugelassenen Prüforganisation – dazu zähle zum Beispiel der TÜV, so Hakelberg. Zudem werde die Ausführungsgenehmigung der Fahrgeschäfte vor jeder stattfindenden Kirmes von der örtlich zuständigen Bauaufsicht kontrolliert. Geprüft wird zudem die korrekte Aufstellung des Fahrgeschäfts – anschließend werde sogar noch eine Probefahrt gemacht, so Hakelberg.

Kirmes-Pannen: „Grundsätzlich sind die Fahrgeschäfte auf Volksfesten oder Kirmessen sehr sicher“

„Grundsätzlich sind die Fahrgeschäfte auf Volksfesten oder Kirmessen sehr sicher“, sagt auch André Siegl, Experte für Aufzüge, Gebäudetechnik und Fliegende Bauten beim TÜV-Verband (Interessenvertretung der Technischen Überwachungs-Vereine in Deutschland und Europa). Neben der Gebrauchsabnahme bei allen Achterbahnen, Raupen und Karussells auf Kirmessen, die von der Bauaufsicht durchgeführt werde, sei auch der Betreiber selbst für die Sicherheit seines Fahrgeschäfts verantwortlich. „Er muss jeden Tag seine Anlage checken und reagieren, wenn augenscheinlich etwas nicht in Ordnung ist. Schließlich müssen Mitarbeitende vor jeder Fahrt prüfen, ob alle Bügel eingerastet sind oder Gurte fest anliegen“, so Siegl.

Sollte es dennoch zu einem Zwischenfall kommen, hängt das weitere Vorgehen davon ab, wie groß der Schaden ist und ob eine akute Gefährdung für Fahrgäste und das Personal besteht. „Wird niemand verletzt, steht der Betreiber in der Verantwortung, den Betrieb des Fahrgeschäfts so lange auszusetzen, bis Schäden und Mängel beseitigt sind. Sind Personen verletzt worden, muss die Polizei und die zuständige Behörde informiert werden“, so Siegl weiter. Als technischer Sachverständiger werde dann häufig der TÜV hinzugezogen, um die Unfallursache zu ermitteln.

Kirmes-Pannen: Fahrgeschäfte müssen Sonderprüfung durchlaufen – „einmalig auf der Welt“

Eine besondere und intensive „Sonderprüfung“ müssen Fahrgeschäfte außerdem 12 Jahre nach der erstmaligen Inbetriebnahme durchlaufen. Dabei werden alle dynamisch hochbelasteten Bauteile mit modernsten Prüfmethoden begutachtet, sagt Hakelberg. Diese Sonderprüfung, die laut Hakelberg „einmalig auf der Welt ist“, wird fortan alle vier beziehungsweise 6 Jahre wiederholt.

Zuletzt gibt es aber auch ein Gremium, das die Funktionsfähigkeit des Sicherheitsystems überwacht – zuständig dafür ist der Arbeitskreis „Fliegende Bauten“. „Der Arbeitskreis ‚Fliegende Bauten‘ der Bauministerkonferenz hat - als länderübergreifendes Gremium - aktuell 18 Mitglieder aus für Bau zuständigen Ministerien der Länder und Genehmigungsbehörden. Daneben dürfen an den Sitzungen des Arbeitskreises noch mehrere ständige Gäste teilnehmen, die den Arbeitskreis aus Sicht der Verbände, der technischen Überwachungsvereine und der Feuerwehr beraten. Der Arbeitskreis tritt zweimal im Jahr zusammen“, erklärt ein Sprecher des Ministeriums für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung in NRW auf Nachfrage von 24RHEIN. Sollte sich bei einem Fahrgeschäft ein Unfall ereignen, nimmt der Arbeitskreis den Unfall zur Kenntnis oder berät, inwiefern bei baugleichen Fahrgeschäften länderübergreifend erforderliche Maßnahmen zur Gefahrenabwehr durch die Genehmigungsstellen für Fliegende Bauten angeordnet werden müssen. Im Bedarfsfall entwirft der Arbeitskreis dann Mustererlasse für die Länder.“(nb) Fair und unabhängig informiert, was in Deutschland und NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.  

  
  

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