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Warum gibt es Hamsterkäufe bei Sonnenblumenöl, Mehl und Nudeln?

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Von: Benjamin Stroka

Seit Wochen gibt es wieder verstärkt Hamsterkäufe und entsprechend leere Regale in Supermärkten. Aber warum hamstern Menschen eigentlich Sonnenblumenöl, Mehl und Co.?

Köln – Speiseöl, Mehl, Nudeln oder Reis – seit Wochen bemerken viele beim Einkaufen im Supermarkt leere Regale bei bestimmten Produkten. Einer der Hauptgründe: In Deutschland wird wieder gehamstert. Auslöser ist diesmal der Krieg in der Ukraine. Die Situation erinnert an die ersten Wochen der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020.

Hamsterkäufe: Viele Supermärkte beschränken Abgabe von Speiseöl und Co.

Auch damals waren vor allem haltbare Lebensmittel wie Nudeln oder Reis das Ziel von Hamsterkäufen. Besonders Toilettenpapier wurde von manchen regelrecht gehortet. Die Folge: Obwohl es eigentlich keine Engpässe bei Produktion und Lieferung gab, waren die Regale bei Kaufland, Rewe, Aldi, Edeka und Co. häufig leer. Die Supermärkte und Discounter reagierten mit Abgaberegeln und Rationierung von bestimmten Produkten. Auch aktuell findet man wieder viele Zettel an Supermarktregalen, wo Kunden darauf hingewiesen werden, nur „in haushaltsüblichen Mengen“ zu kaufen, wie merkur.de berichtet. Manche Supermärkte beschränken die Abgabe von einigen Produkten direkt auf zwei bis drei Artikel.

Aber wie konnte es dazu kommen? Und warum hamstern Menschen eigentlich, obwohl von der Regierung und der Lebensmittelindustrie regelmäßig betont wird, dass Hamsterkäufe nicht nötig seien und die Lebensmittelversorgung sichergestellt ist?

Warum hamstern wir? Experten erklären das Phänomen „Hamsterkäufe“

„Horten von Lebensmitteln ist ein Versuch, die Ohnmacht zu behandeln“, erklärt Psychologe Jens Lönneker in einem Gastbeitrag des „Kölner Presseclub“ bei 24RHEIN. Er spricht von der Ohnmacht, die der russische Angriffskrieg auf die Ukraine bei den Menschen auslöst. „Zumindest das kleine Feld einer herbeiphantasierten Versorgungsnot kann durch den Kauf von Mehl, Sonnenblumenöl und Butter beackert werden“, sagt Lönneker. Man mache sich dadurch vor, „Einfluss nehmen zu können“.

Prof. Dr. Jan Häusser von der Uni Gießen hat sich bereits während der Corona-Pandemie mit dem Phänomen „Hamsterkäufe“ beschäftigt. Er spricht im Beitrag „Wie kommt es eigentlich zu Hamsterkäufen?“ von einer sogenannten „mixed-motive-Situation“. Dabei geht es um Situationen, in denen kollektive Motive, also dass es allen Menschen gut geht, und persönliche Motive, also dass es einem selbst gut geht, direkt aufeinander treffen. „Wenn niemand Hamsterkäufe macht, ist (sehr wahrscheinlich) für alle von allem genug da, wenn nur ich hamstere, habe ich (definitiv) alles, was ich brauche, wenn alle hamstern, kommt es (wie man sieht) tatsächlich zu Engpässen“, erklärt Häusser.

Der Professor für Sozialpsychologie erläutert das außerdem mit einem Beispiel: „Ein klassisches Beispiel [...] ist ein Fischteich, in dem mehrere Angler regelmäßig angeln. Im Sinne des Allgemeinguts wäre es gut, wenn jeder Angler nur eine bestimmte Menge Fisch fängt. Dann bleibt genug Fisch zurück, damit dieser sich wieder vermehren kann. Jeder Angler hat aber ein Interesse daran, möglichst viel Fisch zu fangen. Wenn die Angler nun diesem persönlichen Motiv folgen, ist der Teich irgendwann leer und keiner der Angler kann mehr Fisch fangen.“

Hamsterkäufe von Speiseöl, Mehl und Co. – was ist wirklich knapp?

Auch wenn momentan wieder verstärkt verschiedene Supermarkt-Produkte wie Speiseöl, Mehl, Nudeln oder Reis gehamstert werden, gibt es bei den meisten dieser Produkte durch den Krieg in der Ukraine keine Lieferengpässe in Deutschland. Anders ist die Lage speziell beim Sonnenblumenöl. Mehr als drei Viertel der weltweiten Sonnenblumen werden in der Ukraine und in Russland produziert. Hier gibt es weiterhin Lieferengpässe, wie auch der Verband der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland (Ovid) bereits mitteilte.

Leere Regale im Supermarkt: Hamsterkäufe sind „unsolidarisch“ und „unnötig“

Sollte es also wirklich zu kurzzeitigen Versorgungsproblemen von bestimmten Produkten kommen, verschärfen Hamsterkäufe die Situation nur noch. Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir hat schon mehrfach betont, dass Hamsterkäufe unnötig seien. „Es besteht kein Anlass, dass man Lebensmittel hamstert“, sagte der Grünen-Politiker Mitte April in Hannover.

Auch die Experten der Verbraucherzentralen schlagen in die gleiche Kerbe. „Es ist verständlich, dass kurzfristige Lieferengpässe, etwa bei Mehl und Sonnenblumenöl, viele Verbraucherinnen und Verbraucher verunsichern. Hamsterkäufe sind jedoch weder nötig noch empfehlenswert“, sagt Anneke von Reeken, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Die Verbraucherzentrale nennt Hamsterkäufe gar „unsolidarisch“.

Hamsterkäufe – kein neues Phänomen

Grundsätzlich sind Hamsterkäufe kein neues und auch kein deutsches Phänomen. Schon während und nach den beiden Weltkriegen wurden Lebensmittel und andere Produkte gehamstert. Auch in den vergangenen Jahrzehnten finden sich mehrere Beispiele für Hamsterkäufe. So wurde nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl 1986 von vielen Menschen versucht, aus Angst vor radioaktiver Belastung bei frischer Milch, noch unbelastete H-Milch zu hamstern.

In Frankreich sorgte 1995 ein dreiwöchiger Streik im öffentlichen Dienst für Hamsterkäufe von haltbaren Lebensmitteln. Und als vor rund zehn Jahren in der EU das Verkaufsverbot von klassischen Glühlampen beschlossen wurde, um die Menschen zum Umstieg auf Energiesparlampen zu bewegen, führte auch das zwischenzeitlich zu Hamsterkäufen der gewohnten Glühbirnen.

Ein besonders kurioser Fall: In den 1970er-Jahren gab es in den USA zeitweise eine Klopapier-Krise. Auslöser war damals ein Scherz in einer Late-Night-Show. Denn als der Showmaster Johnny Carson in seiner beliebten „Tonight Show“ behauptete, es stünde eine Rationierung von Toilettenpapier bevor, sorgte das schon am Tag danach zu massiven Hamsterkäufen von Klopapier in den USA. Eigentlich nur ein Scherz von Carson, die Folge waren aber mehrere Monate lang leere Regale bei Toilettenpapier.

Wer sich wirklich auf eine mögliche Notsituation oder Krise vorbereiten möchte, kann das deutlich sinnvoller machen, als mit Hamsterkäufen. 24RHEIN zeigt, wie ein Notvorrat für mindestens zehn Tage laut dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz aussehen sollte. (bs) Tipp: Täglich informiert, was in NRW, Deutschland & Welt passiert – einfach unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

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