25 Millionen verkaufte Bücher, 20 Sprachen: Warum Siegfried Lenz einer der größten deutschen Autoren ist

Er war ein Chronist der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Siegfried Lenz schrieb nicht nur Romane, sondern auch Hörspiele, Essays und humoristische Erzählungen. Vor 100 Jahren wurde er geboren.
Er war einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit. Seine Themen – Krieg, Verantwortung oder auch Zerstörung der Natur – sind nach wie vor aktuell. Die Werke von Siegfried Lenz, darunter Bestseller wie „Deutschstunde“, „Heimatmuseum“ und „Der Überläufer“, haben schon zu Lebzeiten eine Auflage von 25 Millionen erreicht und sind in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden. Mehrere Werke wurden verfilmt, die „Deutschstunde“ erst 2019 zum zweiten Mal.
Geboren wurde der Schriftsteller vor 100 Jahren, am 17. März 1926, als Sohn eines Zollbeamten in Lyck, einer kleinen Stadt in Ostpreußen. Nach dem Notabitur wurde er zur Kriegsmarine eingezogen. Kurz vor Kriegsende desertierte Lenz und geriet kurz in englische Kriegsgefangenschaft. In seine alte Heimat konnte er nicht zurück. Deshalb studierte er in Hamburg Literaturwissenschaft, Philosophie und Anglistik. Die Stadt an der Elbe wurde sein zweites Zuhause.
Leben als freier Schriftsteller
Schon während seines Studiums arbeitete er als Redakteur für die „Welt“. Als 1951 sein erster Roman „Es waren Habichte in der Luft“ erschien, unternahm er eine Afrika-Reise auf einem Bananendampfer. Nach seiner Rückkehr beschloss Lenz, als freier Schriftsteller zu leben. Mehr als 30 Jahre lang war er auch als freier Mitarbeiter für den NDR tätig.
Viele der Geschichten von Lenz sind in Norddeutschland angesiedelt. Nahe Rendsburg besaß er ein Haus, wo er die Sommer verbrachte. Er war Ehrenbürger von Hamburg und Schleswig-Holstein. Kanzler Helmut Schmidt und Siegfried Lenz, beides leidenschaftliche Raucher, verband eine jahrzehntelange Freundschaft. In Hamburg starb Lenz auch am 7. Oktober 2014. Zum 100. Geburtstag würdigen deshalb der NDR und viele Institutionen im Norden dem Schriftsteller Literaturfestivals, Lesungen und Veranstaltungen.
Artikel der KNA
Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Siegfried Lenz regelmäßiger Gast der Gruppe 47
Lenz war regelmäßiger Gast der Gruppe 47, einer einflussreichen Vereinigung deutschsprachiger Schriftsteller. Neben 15 Romanen schrieb er auch Hörspiele, Theaterstücke, Essays, humoristische Erzählungen und Dramen. Den ernsten Erzählungen und Romanen stehen von der Literaturkritik wenig beachtete, aber vom Lesepublikum geliebte humoristische Erzählbände wie „So zärtlich war Suleyken“ (1955), „Lehmanns Erzählungen oder So schön war mein Markt“ (1964) oder „Der Geist der Mirabelle, Geschichten aus Bollerup“ (1975) gegenüber.
Der Schriftsteller kombinierte menschliche Schicksale mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen und setzte sich kritisch mit der deutschen Geschichte auseinander. Die Erfahrung des Totalitarismus wurde eines seiner wichtigsten Themen, schon in seinem ersten Roman „Es waren Habichte in der Luft“.
Der 1968 erschienene und während der NS-Zeit spielende Roman „Deutschstunde“ gilt als sein Hauptwerk und begeisterte auch international. Die Figuren des Polizisten Jens Ole Jepsen und des Malers Max Ludwig Nansen – Vorbild war der Maler Emil Nolde – lassen die Leser nachdenken über einen pervertierten Pflichtbegriff; der Bestseller war zugleich ein wirkmächtiges Plädoyer gegen das Verdrängen der Nazi-Zeit.
Siegfried Lenz mit Willy Brandt in Polen
1970 begleitete Lenz zusammen mit Günter Grass Bundeskanzler Willy Brandt, dessen Wahlkampf er unterstützt hatte, zur Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages nach Warschau. Der Roman „Heimatmuseum“ (1978), in dem es um die wechselvolle Geschichte seiner alten Heimat Masuren geht, wurde als literarische Verteidigung der sozialliberalen Ostpolitik verstanden.
Lenz, berühmt für seine eindrücklichen Naturbeschreibungen, widmete sich seit den 1980er-Jahren auch dem Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt. Bis zu seinem Tod engagierte er sich für die Natur und warnte bereits früh vor den Gefahren der Zerstörung von natürlichen Lebensräumen.
Mit 82 Jahren schrieb Lenz seine erste Liebesgeschichte. Mit rund 360 000 verkauften Exemplaren war die Novelle „Schweigeminute“ der Überraschungserfolg des Jahres 2008. Nach seinem Tod wurde im Februar 2016 ein bis dato unveröffentlichtes Frühwerk von Lenz publiziert: „Der Überläufer“. Das Buch, das die Geschichte eines deutschen Soldaten erzählt, der zur Armee der Sowjetunion überläuft, schrieb Lenz bereits 1951. Der Hoffmann und Campe Verlag lehnte eine Veröffentlichung damals jedoch ab. 65 Jahre später entwickelte sich das Buch zum Bestseller. 2020 wurde die Verfilmung in der ARD erstmals gezeigt.