Gibt es Frühjahrsmüdigkeit wirklich? Forscherin klärt auf

Viele fühlen sie, kaum jemand hinterfragt sie: die Frühjahrsmüdigkeit. Eine neue Studie zeigt, was wirklich dahintersteckt. Was Schlafforscherin Dr. Christine Blume dazu sagt, dürfte viele überraschen.
Die Sonne scheint, die Tage werden länger, überall blüht es – und trotzdem fühlt sich ausgerechnet die Couch unwiderstehlich an? Viele kennen das und haben dieselbe Erklärung: Frühjahrsmüdigkeit. Doch was steckt wirklich dahinter – Biologie oder Einbildung? Eine neue Studie der Universität Basel liefert erstmals empirische Antworten auf eine Frage, die Schlafforscherin Dr. Christine Blume jahrelang nicht beantworten konnte.
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Schlafforscherin untersucht Frühjahrsmüdigkeit
Im Frühjahr ist die Expertise von Dr. Christine Blume besonders gefragt. Journalistinnen und Journalisten wollen von der Schlafforscherin am Zentrum für Chronobiologie der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel wissen, was es mit der Frühjahrsmüdigkeit auf sich hat. Ihre Antwort war stets dieselbe, und sie befriedigte sie selbst am wenigsten: Es gibt keine Studien dazu.
„Man wird immer wieder gefragt und muss immer wieder sagen: Wir wissen es halt nicht.“ Das wollte sie ändern. Gemeinsam mit Schlafforscher Dr. Albrecht Vorster vom Inselspital Bern befragte sie 418 Teilnehmende alle sechs Wochen über den Zeitraum eines Jahres zu ihrer Erschöpfung, Tagesschläfrigkeit und Schlafqualität – neunmal insgesamt, quer durch alle Jahreszeiten. Das Ergebnis, veröffentlicht im Journal of Sleep Research, zeigt: Frühjahrsmüdigkeit lässt sich empirisch nicht nachweisen.
Dabei hatten zu Beginn der Studie knapp die Hälfte der Befragten angegeben, unter Frühjahrsmüdigkeit zu leiden. In den Messdaten aber zeigte sich kein saisonaler Ausschlag, weder im März noch im April, weder bei schnell länger werdenden Tagen noch bei langsamen Übergängen. „Wir haben die Studie präregistriert“, erklärt Blume. Das bedeutet: Die Forschenden legten ihre Hypothesen fest, bevor sie auch nur eine einzige Zahl ausgewertet hatten. Dabei handelt es sich um ein Qualitätsmerkmal, das Ergebnisse manipulationssicher macht.
Warum wir uns im Frühling müde fühlen, obwohl wir es nicht sollten
Im Gespräch greift Blume zu einem Begriff aus der Psychologie, um das Phänomen zu erklären: kognitive Dissonanz. Die Sonne scheint, der innere Antrieb sagt „raus!“, aber das tatsächliche Energielevel bleibt, wo es vor zwei Wochen war, als es noch schneite. Diese Lücke zwischen Erwartung und Wirklichkeit ist unangenehm. Der Begriff „Frühjahrsmüdigkeit“ schließt sie und macht das Unbehagen erträglich.
„Es ist eine Erklärung, die in der Gesellschaft völlig akzeptiert ist“, sagt Blume. Wer im Sommer über Müdigkeit klagt, erntet Stirnrunzeln. Im Frühling hingegen gibt es Verständnis, vielleicht sogar ein mitfühlendes Nicken der Kollegin: Genau das verstärkt das Phänomen weiter. Denn wer von Frühjahrsmüdigkeit liest, richtet die Aufmerksamkeit automatisch auf Erschöpfungssymptome und nimmt sie dadurch stärker wahr. Aus der Schmerzforschung ist dieses Prinzip bekannt: Konzentration auf Schmerzen verstärkt deren Wahrnehmung. Bei Müdigkeit, so Blume, funktioniere das genauso.
Eines betont die Psychologin dabei ausdrücklich: „Ich möchte niemandem seine Gefühle absprechen.“ Was ihre Studie zeige, sei nicht, dass Menschen sich die Müdigkeit einbilden, sondern dass das Phänomen wohl eher auf der Ebene der Wahrnehmung funktioniere als auf einer biologischen.
Unsere Experten
Dr. Christine Blume ist promovierte Psychologin und Schlafforscherin an der Universität Basel. Sie studierte in Würzburg und Cambridge, bevor sie in Salzburg promovierte. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit dem Einfluss moderner Lebensbedingungen auf den Schlaf, darunter die Wirkung von Licht, Temperatur und Bewegung.

Dr. Matthias Riedl ist ein renommierter Internist, Ernährungsmediziner und Diabetologe. Nach seinem Medizinstudium an der Universität Hamburg spezialisierte er sich auf Innere Medizin und Ernährungsmedizin. 2008 gründete er das Medicum Hamburg, das er seither leitet. Es ist Europas größtes Zentrum für Diabetologie und Ernährungsmedizin. Außerdem hat er mehr als 70 Bestseller über gesunde Ernährung verfasst. Darunter das Buch „Die 28-Tage Power Nährstoffkur“.

So reagiert der Körper auf die Jahreszeiten
Dabei gibt es saisonale Schwankungen im Schlafverhalten. Allerdings nicht dort, wo die meisten sie vermuten. Im Winter schlafen Menschen tatsächlich etwas mehr, rund 10 bis 20 Minuten. Die innere Uhr reagiert auf kürzere Tage: Die biologische Nacht, jene Phase, in der der Körper Melatonin ausschüttet, dauert in den dunklen Monaten länger.
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Daraus folgt für Blume eine logische Konsequenz: „Wenn die Tage wieder länger werden, sollten wir uns eigentlich fitter fühlen.“ Im Sommer bestätigt sich das: Trotz weniger Schlaf, berichten die Studienteilnehmenden von keiner höheren Erschöpfung.
Wie die richtige Ernährung bei Frühjahrsmüdigkeit helfen kann
Auch wenn Frühjahrsmüdigkeit kein biologisches Syndrom ist, kann anhaltende Erschöpfung reale Ursachen haben. Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl sieht einen entscheidenden Hebel in der Ernährung: „Wir können uns schlapp oder fit essen.“
Riedls Tipps für stabile Energie:
- 🥦 Mittagessen mit mindestens 300 g Gemüse und 20 bis 30 g Eiweiß
- 🌱 Pflanzliches Eiweiß und gesunde Fette – sie verzögern den Blutzuckeranstieg und verlängern die Sättigung
- 🥗 Kohlgemüse und Hülsenfrüchte als Top-Empfehlung
- 💊 Supplements nur bei nachgewiesenem Mangel
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Denn der Alltag vieler Menschen sieht anders aus: Rund die Hälfte der Kalorien, die Deutsche täglich zu sich nehmen, stammt aus ultraverarbeiteten Lebensmitteln. Also Produkte, die kaum Nährstoffe liefern, dafür aber sogenannte Nährstoffräuber wie künstliche Phosphate enthalten. Diese erschweren die Aufnahme von Eisen und Zink, belasten die Darmflora und können Stimmung und Vitalität messbar verschlechtern. Schon wenige Tage mit solcher Kost reichten, um sich schlapper und trauriger zu fühlen, so Riedl. Der Umkehrweg sei langsamer – aber nach einigen Wochen mit frischer, antientzündlicher Ernährung zeige sich eine deutliche Verbesserung.
Die antientzündliche Ernährung setzt auf Lebensmittel, die stille Entzündungsprozesse im Körper hemmen, darunter Omega-3-reiche Fische, buntes Gemüse, Beeren und Olivenöl. Sie meidet gezielt Zucker, Transfette und hochverarbeitete Produkte, die chronische Entzündungen befeuern können.