Wie schnelle Reanimation Leben rettet – und warum viele zögern

Reanimation rettet Leben – doch viele trauen sich nicht. Was Experten raten, welche Schritte wirklich zählen und warum Deutschland mehr Ersthelfer braucht.
Bonn (KNA) Michael Müller hatte riesiges Glück: An einem Novemberabend joggte der Journalist am Bonner Rheinufer und sank plötzlich zu Boden. Plötzlicher Herzstillstand. An den Aufprall kann er sich nicht erinnern. „Da war ich wohl schon weg.“ Und was dann passierte, erfuhr er erst viel später. An dem beliebten Uferweg waren schnell viele Leute um ihn. Es war aber ein Medizinstudent, der genau wusste, was bis zum Eintreffen des Rettungswagens zu tun war. „Ohne seine Reanimation würde ich sicher nicht mehr leben oder so leben wie jetzt“, so Müller.
Bei einem plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand kommt es zu einem Stopp der Pumpfunktion des Herzens. Lebenswichtige Organe werden nicht mehr mit Sauerstoff versorgt. Bereits nach drei bis fünf Minuten drohen Hirnschäden.
136.000 Fälle im vergangenen Jahr
2024 erlitten laut dem Reanimationsregister in der Bundesrepublik schätzungsweise rund 136.000 Menschen außerhalb eines Krankenhauses einen plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand - 370 Menschen pro Tag. Bei über 65.000 von ihnen konnte nur noch der Tod festgestellt werden. Auch wenn über den Notruf 112 sofort ein Notarzt alarmiert wird, kommt professionelle Hilfe oft zu spät. Wären mehr Menschen in der Lage, Sofortmaßnahmen zu leisten, könnten jedes Jahr etwa 10.000 mehr Menschen einen Herzstillstand überleben.
Diese Einsicht gewinnt mehr und mehr auch in der Politik Raum. Im Gesetzentwurf zur Reform der Notfallversorgung, den Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) gerade vorgelegt hat, ist auch die Förderung der Laien-Reanimation vorgesehen. Künftig soll in allen Rettungsleitstellen am Telefon bereits zur Reanimation angeleitet werden. Ebenso werden die Rettungsleitstellen bundesweit mit Ersthelfer-Apps vernetzt. Freiwillige Ersthelfer in der Nähe eines Notfalls können sofort alarmiert werden und schnell erste Maßnahmen durchführen. Um die im öffentlichen Raum zugänglichen Defibrillatoren zu finden, werden diese in einem bundesweit einheitlichen Kataster registriert.
Doch klar ist auch: Es braucht mehr Bürger, die die Wiederbelebung durchführen können. Bei der Ausbildung von Ersthelfern ist Deutschland weit zurück. Zwar hat sich der Anteil der Fälle, in denen Ersthelfer zum Einsatz kamen, von 2010 (14 Prozent) bis 2023 auf rund 51 Prozent erhöht. Doch die skandinavischen Länder zeigen, dass mehr möglich ist. Sie erreichen eine Reanimationsquote von über 80 Prozent.
Unwissenheit und Angst vor Reanimation
Unwissenheit und Angst sind verbreitet: Eine im Frühjahr veröffentlichte Civey-Umfrage im Auftrag der Björn Steiger Stiftung zeigt, dass ein Viertel der deutschen Bevölkerung (27 Prozent) nicht erklären kann, welche Maßnahmen bei einem Herzstillstand notwendig sind. Auch werden die Sorge, durch Fehler Schaden anzurichten (72 Prozent), und mangelndes Wissen (69 Prozent) am häufigsten als hinderliche Gründe genannt, Reanimation zu leisten. Der letzte Erste-Hilfe-Kurs liegt bei fast der Hälfte (46 Prozent) mehr als 10 Jahre zurück.
Bundesweit gibt es deshalb Initiativen, Deutschland „herzsicherer“ zu machen. Etwa das Notfallcoaching Bonn, das zusammen mit der Deutschen Herzstiftung, dem Deutschen Fußball-Bund und der Björn-Steiger-Stiftung in Betriebe geht, um für den Ernstfall zu üben.
Artikel der KNA
Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA)
Herzdruckmassage und Schocken
Lebenszeichen prüfen, Notruf betätigen, Herzdruckmassage und Schocken, so lauten die vier zentralen Handlungsanweisungen, die zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Katholischen Medienhauses in Bonn an diesem Tag in ihrer Mittagspause lernen sollen. 45 Minuten dauert der Crashkurs von Notfallcoach Jan Eichhorn. Drei Gummipuppen sollen den Teilnehmern die Scheu davor nehmen, mit dem „Automatischen Externen Defibrillator“ Elektroschocks auszusenden. „Starre überwinden – aktiv werden!“, fordert der Coach. Der einzige Fehler, den man in einer solchen Situation machen kann, sei Untätigkeit.
Neben den Betrieben haben Politik und Hilfsorganisationen derzeit vor allem die Schulen im Blick. Allerdings: Ein Wiederbelebungsunterricht ist bisher nicht flächendeckend etabliert. Es gibt einen Flickenteppich unterschiedlicher Regelungen - und vieles hängt vom freiwilligen Engagement einzelner Schulen ab.
Über die Aufnahme des Themas in die Lehrpläne entscheiden die Bundesländer. Die Kultusministerkonferenz hatte bereits 2014 empfohlen, ab Jahrgangsstufe sieben jährlich zwei Unterrichtsstunden zu Wiederbelebung einzuführen. NRW, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz wollen ab dem kommenden Jahr Wiederbelebungstraining verpflichtend in ihre Lehrpläne aufnehmen. Im Saarland gibt es so solche Unterrichtseinheiten bereits. Hessen plant die Einführung bis 2028.
Rotes Kreuz sieht Nachholbedarf
Das Deutsche Rote Kreuz sieht dennoch Nachholbedarf. Generalsekretär Christian Reuter forderte am Freitag in der „Rheinischen Post“ einen regelmäßigen Reanimationsunterricht für Jugendliche ab der siebten Klasse. Mindestens für zwei Stunden pro Schuljahr sollten Schülerinnen und Schüler verpflichtend in Reanimation unterrichtet werden. Damit geht seine Forderung weiter als etwa die Pläne in NRW, wo eine einzige Schulung während der gesamten Schullaufbahn vorgesehen ist. Die Bundesärztekammer hält es für wichtig, dass diese Kenntnisse auch nach der Schulzeit regelmäßig aufgefrischt werden. Das könnte etwa im Rahmen des Führerscheinerwerbs sein, sagte Präsident Klaus Reinhardt.
Was sind die wichtigsten Schritte bei einer Wiederbelebung? Die Deutsche Herzstiftung gibt folgende Tipps:
- Wird ein Herz-Kreislauf-Stillstand beobachtet, hängt die Überlebenswahrscheinlichkeit wesentlich davon ab, wie schnell und gut Maßnahmen zur Wiederbelebung durchgeführt werden. In jeder Minute, in der ein Patient mit einem Herz-Kreislauf-Stillstand nicht mittels Herzdruckmassage behandelt wird, sinkt seine Überlebenswahrscheinlichkeit um zehn Prozent.
- Erster Schritt ist das Überprüfen, ob eine Person bei Bewusstsein ist und atmet. Dazu soll der Helfer die Person laut ansprechen (z.B.: „Hallo, hallo, was ist passiert, wie heißen Sie?“) und an den Schultern schütteln. Wenn die Person nicht reagiert und sich der Brustkorb nicht auf und ab bewegt, liegt ein Herz-Kreislauf-Stillstand vor. Achtung: Schnappatmung oder Röcheln sind keine normale Atmung.
- Zweiter Schritt: Hat der Ersthelfer festgestellt, dass die Person bewusstlos ist, sollte er umgehend zum Telefon greifen - oder andere Personen darum bitten - und per 112 einen Notruf absetzen. Die Notrufzentrale stellt alle wichtigen Fragen: Wer ruft an (Name, Telefonnummer)? Was ist passiert? Wo befindet sich die Person? Der Helfer soll das Gespräch erst beenden, wenn die Notrufzentrale keine Rückfragen mehr hat. Immer häufiger bleibt die Notrufzentrale auch am Telefon und gibt Anweisungen für die Herzdruckmassage. Ersthelfer sollten darüber hinaus auch auf sich aufmerksam machen und laut um Hilfe rufen.
- Dritter Schrift: Die Herzdruckmassage wird aufgenommen. Dazu kniet der Ersthelfer sich seitlich neben die Person, setzt einen Handballen auf die Mitte des Brustbeines und platziert die zweite Hand auf den Handrücken der ersten. Der Ersthelfer beugt sich senkrecht über die Brust der Person und drückt mit gestreckten Armen das Brustbein tief (5 bis 6 cm) und schnell (100- bis 120-mal pro Minute) in Richtung Wirbelsäule. Die Herzdruckmassage muss durchgeführt werden, bis das Rettungsteam eintrifft. Sie ist anstrengend und sollte nicht unterbrochen werden. Nach Möglichkeit sollte man sich abwechseln, falls weitere Helfer vor Ort sind. Wichtig: Die Herzstiftung empfiehlt ausdrücklich, keine Mund-zu-Mund-Beatmung durchzuführen.
- Vierter Schritt: Schocken. Ein Automatisierter Externer Defibrillator (AED) kommt aber nur zur Anwendung, wenn mindestens zwei Helfer anwesend sind und jemand weiß, wo in unmittelbarer Umgebung ein AED ist. Ein Helfer muss die Herzdruckmassage weiter durchführen, während der andere den AED holt und anbringt. Ein AED ist selbsterklärend. Wenn man ihn eingeschaltet hat, folgt man nur den Anweisungen des Sprachcomputers. Wichtig: Die Druckmassage soll nur unterbrochen werden, wenn der Sprachcomputer dazu auffordert.