Letzte Sätze der Weltliteratur - Brücken zwischen Buch und Welt

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Von: Christoph Arens

Große gebundene Bücher stehen in engen Holzregalen in einem Antiquariat
In der Weltliteratur müssen erste Sätze den Leser in das Werk hineinziehen, die Tür öffnen. Letzte Sätze können die Tür schließen, das Werk abrunden und zusammenfassen. © Theo Barth/KNA

Wie bringt man eine Erzählung zu Ende? Letzte Sätze sind wichtig - als Schlusspunkt oder als Ausblick. Eine Betrachtung zum Jahresende.

Bonn (KNA) Das letzte Kalenderblatt für 2025. Das Jahr macht einen Punkt. „Das Jahr ward alt. Hat dünne Haar. Ist gar nicht sehr gesund“, so hat es Erich Kästner in seinem 1955 erschienenen Gedicht „Dezember“ formuliert.

Ein schlimmes Ende? Ein guter Schlusspunkt? Manchmal prägt das Ende den Blick auf das gesamte Jahr. Und der letzte Satz trägt wesentlich dazu bei, ob ein Buch oder Film in Erinnerung bleibt. Zum Jahresende deshalb ein Blick auf letzte Sätze der Weltliteratur:

Erste Sätze contra letzte Sätze

Da sind sich Literaturkritiker und Schriftsteller nicht einig: „Erste Sätze haben eine ganz wichtige Funktion. Sie sind vielleicht die zentralen Sätze eines jeden Romans, einer jeden Erzählung, denn von ihnen hängt ab, ob das Buch Gefallen findet, ob man weiterliest“, schreibt der Berliner Literaturwissenschaftler Peter-Andre Alt.

Literaturwissenschaftler Ulrich Raulff sieht das anders: „Erste Sätze werden generell überschätzt“, zeigt er sich überzeugt: „Das wirkliche Problem kommt am Schluss. Das dicke Ende. Die Kunst zu enden, mit Anstand einen Abgang zu machen“, zeigt sich der frühere Leiter des Deutschen Literaturarchivs in Marbach überzeugt.

Auch der Psychologe Daniel Kahneman findet gerade das Ende bedeutsam - das Ende eines Vortrags, einer Mail, einer Präsentation. Das Ende entscheide über die Bewertung.

Das Werk abrunden

Erste Sätze müssen den Leser in das Werk hineinziehen, die Tür öffnen. Letzte Sätze können die Tür schließen, das Werk abrunden und zusammenfassen. „Es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen; sein Dasein war ihm eine notwendige Last. So lebte er hin“, heißt es am Ende von Georg Büchners Erzählung „Lenz“.

„ ... und es war alles, alles gut“, beendete Joseph von Eichendorff seine Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“. Und mit „Draußen legt sich die frühe Nacht dem Dorf wie eine beruhigende Hand auf den Scheitel“, lässt Juli Zeh ihren Roman „Unterleuten“ enden.

Letzte Sätze können aber auch einen Ausblick geben, zum nächsten Schritt oder zum Weiterdenken animieren. Die Frage „Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmsten Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?“ gibt Thomas Mann seinem in den Ersten Weltkrieg ziehenden Helden Hans Castorp am Ende des „Zauberberg“ mit auf den Weg.

Und Joseph Conrad lenkt in seinem Roman „Herz der Finsternis“ den Blick des Lesers in eine düstere Welt: „Über der Flussmündung hing eine schwarze Wolkenwand, und der stille Wasserweg, der bis zu den äußersten Enden der Erde reichte, strömte düster unter dem bedeckten Himmel dahin - schien hineinzuführen in das Herz einer gewaltigen Finsternis.“

Artikel der KNA

Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA)

Auf dem Prüfstand

Manchmal stellen Schlusssätze auch ein ganzes Buch wieder in Frage. Wie bei Umberto Eccos Bestseller „Der Name der Rose“: „Kalt ist‘s im Skriptorium, der Daumen schmerzt mich“, schreibt der Erzähler. „Ich gehe und hinterlasse dies Schreiben, ich weiß nicht, für wen, ich weiß auch nicht mehr worüber.“

„Ein Text kommt zum Stillstand, während der Sinn noch ein Stück weiterrutscht: ins Schweigen, in die Zukunft, in den Abgrund“, so beschreibt Raulff mögliche Funktionen von Schlusssätzen. Der letzte Satz sei Rückspiegel des Textes; zugleich stehe er aber auch „auf der Schwelle zu dem, was außerhalb des Textes ist, man nenne es Welt, Wirklichkeit oder Geschichte“.

Und der Journalist und Literaturexperte Hauke Goos findet: „Es gibt in Büchern Sätze, die alles beenden - oder nichts. Die alles erklären, alles auflösen, jede Frage beantworten - oder neue Fragen aufwerfen, größere, grundsätzliche.“

Die Gebrüder Grimm zum Beispiel waren Meister der Schlusssätze. Den beruhigenden Schlussakord „Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute“ verbindet fast jedes Kind mit den berühmten Märchenerzählern. Doch noch häufiger enden die Grimmschen Erzählungen mit poetischen und überraschenden Wendungen. „Da krähte ein Huhn kikeriki, das Märchen ist auserzählt, kikeriki“, heißt es etwa am Ende von „Das Märchen vom Schlaraffenland“. Zum Schluss von „König Drosselbart“ wird der Leser vom Erzähler direkt in die Geschichte hineingezogen: „Ich wollte, wir wären auch dabei gewesen“, heißt es. Und am Schluss von „Die Eule“ fordert der Erzähler den Leser auf: „Wer es nicht glauben will, der gehe hin und frage selbst nach“.

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