Supermarkt-Kunden und SB-Kassen: Umfrage mit überraschenden Ergebnissen – Experte enthüllt blinde Flecken
SB-Kassen etablieren sich in immer mehr Supermärkten. Ein Fachmann interpretiert das Kundenverhalten. So entwickelt sich der Einkauf der Zukunft.
Kassel – Die Digitalisierung des Handels schreitet unaufhaltsam voran – und Selbstbedienungskassen stehen dabei im Mittelpunkt einer grundlegenden Veränderung der Einkaufserfahrung. Was einst als Experiment begann, entwickelt sich zu einem festen Bestandteil des deutschen Einzelhandels. Doch während die Technologie immer mehr Akzeptanz findet, bleiben wichtige Fragen offen.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Von rund 710.000 Kassen im deutschen Einzelhandel ist mittlerweile jede 18. eine Selbstbedienungskasse. Mit etwa 38.650 SB-Kassen im Jahr 2025 hat sich ihre Anzahl gegenüber 2023 mehr als verdoppelt – ein Wachstum, das selbst Experten überrascht. Das Handelsforschungsinstitut EHI dokumentiert diese Entwicklung in einer aktuellen Studie, die über 100 Unternehmen und Unternehmensgruppen umfasst.
Zwei Drittel aller SB-Kassen im Lebensmittelhandel
Besonders bemerkenswert ist die Verteilung: Zwei Drittel der Geräte stehen im Lebensmittelhandel, wo der direkte Kundenkontakt traditionell eine wichtige Rolle spielt. Über 10.300 Läden verfügen inzwischen über SB-Kassen – mehr als doppelt so viele wie noch 2023. Diese Expansion zeigt, dass Selbstbedienungskassen längst nicht mehr nur ein Experiment einzelner Handelsketten sind, sondern zu einem strategischen Baustein der Branche geworden sind. An einer herkömmlichen Kasse sorgte zuletzt eine kontroverse Notiz für Aufregung.
Die Kundenreaktion auf diese Entwicklung ist durchaus positiv, aber nicht einheitlich. Laut einer YouGov-Umfrage nutzen knapp zwei Drittel der Menschen in Deutschland SB-Kassen – 19 Prozent immer, wenn möglich, 43 Prozent gelegentlich. Diese Zahlen zeigen eine beachtliche Akzeptanz für eine Technologie, die noch vor wenigen Jahren weitgehend unbekannt war.
Mehr als 24 Prozent wollen SB-Kassen nicht verwenden
Dennoch bleibt ein erheblicher Anteil skeptisch: 24 Prozent der Befragten wollen SB-Kassen gar nicht verwenden, weitere 13 Prozent haben sie noch nie ausprobiert. Die Gründe für diese Zurückhaltung sind vielfältig und aufschlussreich. Mehr als die Hälfte der Verweigerer (54 Prozent) bevorzugt den persönlichen Kontakt an der Kasse – ein Hinweis darauf, dass der menschliche Faktor im Handel nach wie vor geschätzt wird. 42 Prozent zahlen lieber bar, was nicht an allen SB-Kassen möglich ist, und etwa jeder Dritte empfindet den Vorgang als zu arbeitsintensiv oder kompliziert.
Die Attraktivität von SB-Kassen liegt vor allem in ihrer Effizienz. Kürzere Wartezeiten sind der Hauptvorteil, den Kunden schätzen. EHI-Experte Frank Horst beobachtet einen typischen Lerneffekt: „Wenn Kunden sehen, dass es an SB-Kassen schneller geht, probieren sie es beim nächsten Mal selbst aus.“ Besonders bei kleineren Einkäufen mit bis zu zehn Artikeln erweisen sich die Kassen als praktisch und zeitsparend.
Risiko für Labendiebstahl steigt durch SB-Kassen – Händler reagieren mit Technik
Doch die Medaille hat auch eine Kehrseite. Das größte Problem sind erhöhte Diebstahlraten. Mit der zunehmenden Verbreitung steigt auch das Risiko für Ladendiebstahl, wie Horst bestätigt. Die Händler reagieren mit technischen Lösungen: Ausgangsschleusen, Kameraüberwachung und sogar Software mit künstlicher Intelligenz, die bei verdächtigem Kundenverhalten Alarm schlägt. Trotz dieser Maßnahmen bleibt das Thema Sicherheit eine zentrale Herausforderung.
Der Hauptgrund für die massive Expansion von SB-Kassen liegt nicht in der Technologiebegeisterung der Händler, sondern in einem sehr praktischen Problem: dem Personalmangel. „Wenn der Handel ausreichend Personal finden würde, gäbe es nicht so einen großen Boom bei SB-Kassen“, erklärt Horst. Die Selbstbedienungskassen entlasten die Mitarbeiter und machen die Personalplanung flexibler – ein entscheidender Vorteil in Zeiten des Fachkräftemangels.
Interessant ist dabei, dass laut Horst durch SB-Kassen keine Arbeitsplätze wegfallen. Vielmehr ermöglichen sie es den Unternehmen, mit dem vorhandenen Personal effizienter zu arbeiten. Große Handelsketten wie Lidl, dm, Rossmann und Aldi Süd, die sich früher zurückhielten, investieren nun massiv in die Technologie. Lidl will bis zum Frühjahr jede zweite Filiale ausrüsten, während Obi bereits die meisten Märkte umgestellt hat.
Verschwinden klassische Kassen? Umfrage zeigt Uneinigkeit
Die Frage, ob klassische Kassen eines Tages völlig verschwinden werden, beschäftigt Branche und Kunden gleichermaßen. Experte Horst kann sich durchaus vorstellen, dass es künftig mehr Geschäfte ohne klassische Kassen geben wird, besonders im Lebensmittelhandel. Einige Ikea-Filialen in Düsseldorf und Ludwigsburg zeigen bereits, wie das aussehen könnte – dort gibt es gar keine bedienten Kassen mehr.
Die Kundenreaktion auf solche Szenarien ist jedoch gemischt. Nur 31 Prozent der Befragten fänden es gut, wenn es nur noch SB-Kassen gäbe, während 30 Prozent dies eher ablehnen würden. Bemerkenswert ist, dass 20 Prozent angeben, in solchen Geschäften gar nicht mehr einkaufen zu wollen – ein Signal, das die Händler nicht ignorieren können.
Handyscanner im Supermarkt noch ohne großen Erfolg
Neben den klassischen SB-Kassen experimentiert der Handel auch mit anderen Technologien. In mehr als 3.600 Geschäften können Kunden Produkte bereits während des Einkaufs mobil scannen – per Handscanner, Einkaufswagen oder Handy-App. Das erspart das erneute Registrieren an der Kasse und verspricht noch mehr Effizienz.
Doch diese Technologien haben bisher nicht den erhofften Durchbruch geschafft. Mehrere namhafte Ketten sind bereits wieder ausgestiegen, da die Kundennutzung den Erwartungen nicht entsprach. Dies zeigt, dass nicht jede technische Innovation automatisch zum Erfolg führt – die Akzeptanz der Kunden bleibt der entscheidende Faktor. Zuletzt machte eine große Supermarkt-Kette sogar mehrere Filialen dicht.