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Fritz Pleitgen (†84): Der letzte Große – ein Nachruf

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Von: Michael Hirz

ARD - Hauptversammlung Fritz Pleitgen 2001 vor den Logos von ARD, HR, ORB, SWR, BR und SFB
Fritz Pleitgen im Jahr 2001: Zu diesem Zeitpunkt war er WDR-Intendant und Vorsitzender der ARD. © Ralf Hirschberger / dpa

Unser Gastautor Michael Hirz würdigt den verstorbenen Ex-WDR-Intendant Fritz Pleitgen als fairen und verlässlichen Anwalt seines Publikums und treusorgenden Chef.

Die Nachrufe hätten ihm gefallen: „Der Herausragende“ überschrieb etwa die Süddeutsche Zeitung ihren seitenfüllenden Beitrag zum Tode von Fritz Pleitgen. Ob Spiegel oder Welt, Bild oder FAZ, von RTL bis CNN, vom Bundespräsidenten bis zur Krupp-Stiftung: Die Verneigung vor Fritz Pleitgen fällt selten einmütig aus. Darin schwingt nicht nur Hochachtung vor einem der letzten ganz Großen des deutschen Journalismus mit. Es zeigt auch, zu was ein öffentlicher Rundfunk, für den Pleitgen mit Leidenschaft gekämpft hat, fähig ist. Skandalfrei arbeitete er als ARD-Korrespondent in Moskau und Washington, in Ost-Berlin und New York, umsichtig und klug als Intendant der größten Rundfunkanstalt des Kontinents.

Als Fritz Pleitgen 1988 Chefredakteur des WDR in Köln wurde, flossen wie durch wundersame Fügung seine Erfahrungen in den USA, UdSSR und DDR zusammen, seine Gespräche mit Reagan, Gorbatschow, Honecker ebenso wie die mit den sog. „kleinen Leuten“, die ihm mit ihren Erfahrungen, ihrem Blickwinkel so wichtig waren bei der Beschreibung der Verhältnisse, aber auch für die eigene Meinungsbildung. Ich war damals als junger Redakteur beim WDR, hatte ein attraktives Angebot eines Verlagshauses in Hamburg – und blieb. Es war die aufregendste Zeit nicht nur meines Berufslebens. Denn für einige Jahre war ich Pleitgens persönlicher Referent, zusätzlich zu späteren Aufgaben blieb ich ihm fast 20 Jahre als Redaktionsleiter des ARD Presseclubs verbunden.

Fritz Pleitgen ging mit eigenen Fehlern kritischer um als mit denen seines Teams

Es war eine irre Zeit: Die Mauer fiel, die Sowjetunion brach zusammen, auf dem Balkan gab es Krieg in Europa. Wir waren immer und überall vor Ort, sendeten manchmal in täglicher Folge Brennpunkt-Ausgaben aus Berlin oder Moskau, immer da, wo gerade Weltgeschichte passierte. Er forderte von allen schonungslosen Einsatz, vor allem aber von sich selbst. Dennoch ging er mit eigenen Fehlern, die ihn unglaublich ärgern konnten, kritischer um als mit denen seines Teams, wurde nie laut, stauchte niemanden zusammen. Das motivierte und stellte Verbundenheit her. Es galt als Privileg, mit ihm zu arbeiten. Fritz Pleitgen war schon Intendant des WDR, aber er blieb auch immer Journalist.

Als Chef des WDR und mehrjähriger Vorsitzender der ARD genoss Fritz Pleitgen Respekt, nicht zuletzt den seiner Gegenspieler in den Verlagen, die kritisch auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schauten. Klug und beharrlich, mit strategischem Weitblick und taktischem Gespür umschiffte er manche Klippe. Regional verwurzelt und weltoffen, das sollte der öffentliche Rundfunk sein. Er baute die Berichterstattung aus und für die Region aus, er reformierte mit der jungen Welle 1Live und dem Info-Programm WDR5 den Hörfunk, er setzte das ARD-Morgenmagazin gegen Widerstände durch, gründete gemeinsam mit dem ZDF den TV-Sender Phoenix und vieles mehr.

Fritz Pleitgen förderte Frauen, als sie in anderen Sendern noch eher dekoratives Beiwerk waren

Er förderte Frauen, obwohl eher Typ des Patriarchen, brachte sie in einflussreiche Funktionen, als sie in anderen Sendern noch eher dekoratives Beiwerk waren. Macht und Einfluss, das unterschied ihn von anderen, waren nie Selbstzweck, sondern Mittel, um Menschen, um eine Gesellschaft durch optimale, von wirtschaftlichen und politischen Faktoren möglichst freie Berichterstattung unabhängig zu informieren.

Es wirkt wie eine bittere Pointe, dass Fritz Pleitgen ausgerechnet jetzt, in der einschneidenden und in vielen Punkten selbstverschuldeten Krise der Öffentlich-Rechtlichen gestorben ist. Was hätte er, dieser letzte Große aus der im Rückblick goldenen Jahre des Medienbetriebs, anders gemacht? Er strahlte Ruhe, Verlässlichkeit und Vertrauen aus, er ging auch mit Widersachern fair um, er war unbestechlicher Anwalt seines Publikums und treusorgender Chef mit offenem Ohr für Sorgen und Nöte seiner Mitarbeiterschaft. Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wäre einer wie er bitter nötig. Aber nun ist er, mit 84 Jahren und nach einem erfüllten Leben, gestorben. Was für ein schmerzlicher Verlust! (mh)

► 24RHEIN-Gastautor Michael Hirz vom Kölner Presseclub war bis vor kurzem Programm-Geschäftsführer des Politik-Senders Phoenix und hat u. a. den „Internationalen Frühschoppen“ moderiert. Jetzt ist Michael Hirz freier Journalist, Kommunikationsberater und sitzt im Vorstand des Kölner Presseclub.

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