Attentat auf Trump: Theologe warnt vor Gewaltpotenzial im protestantischen Mainstream

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Von: Oliver Marquart

Nach dem gescheiterten Anschlag auf Donald Trump analysiert der Münchner Theologe Christoph Heilig das Manifest des Täters. Seine These: Nicht nur religiöser Fanatismus sei gefährlich.

Am 25. April 2026 betritt Cole Thomas Allen das Washington Hilton mit einer Schrotflinte. Sein Ziel war vermutlich US-Präsident Donald Trump beim White House Correspondents‘ Dinner. Der Anschlag scheitert. Was bleibt, ist das Manifest des mutmaßlichen Attentäters – und eine unbequeme Frage: Handelte hier ein religiöser Fanatiker? Oder ein gläubiger Protestant, der aus seiner Überzeugung eine radikale Konsequenz zog?

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Trump selbst lieferte schnell eine Deutung. Allen sei „anti-christian“, sagte er bei Fox News. Für seine Anhänger fügt sich das in ein vertrautes Narrativ: der Präsident als Zielscheibe seiner politischen und religiösen Gegner.

US-Präsident Donald Trump vor dem Weißen Haus
US-Präsident Donald Trump vor dem Weißen Haus in Washington: Der gescheiterte Anschlag 2026 löst eine Debatte über religiöse Gewalt und Tyrannenmord aus. © Stefani Reynolds/IMAGO

Allen soll ein Manifest hinterlassen haben, das nach seiner Verhaftung im Netz kursierte. Darin finden sich keine Angriffe auf das Christentum – im Gegenteil, er argumentiert wiederholt mit biblischen Bezügen.

Der Attentäter und seine Bibel

Mögliche Einwände greift er selbst auf. Die Aufforderung, die andere Wange hinzuhalten, interpretiert er als Gebot für persönlich Erlittenes – nicht für das Leid anderer. Wer Unrecht geschehen lasse, obwohl er es verhindern könne, mache sich mitschuldig.

Auch „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“, deutet er um. Nicht religiöse Loyalität sei entscheidend, sondern das Recht: Wer es breche, verliere seinen Anspruch auf Gehorsam.

Was der Theologe sieht

Der Münchner Neutestamentler Christoph Heilig hat Allens Manifest und dessen Social-Media-Beiträge ausführlich analysiert. Sein Befund widerspricht der naheliegenden Erklärung: Allen war demnach kein apokalyptischer Wirrkopf.

Im Gegenteil. Heilig beschreibt dessen Bibelauslegung als „relativ ausgeklügelt und zurückhaltend“. Zwar greife Allen Motive aus der Offenbarung auf, vermeide aber einfache Gleichsetzungen – etwa Trump vorschnell als Antichrist zu bezeichnen.

Entscheidend sei etwas anderes gewesen: Allens Blick auf die politische Realität. Trumps Umgang mit Migration, mit internationalen Konflikten, von ihm initiierte militärische Gewalt – er deutete all das als Ausdruck von Tyrannei. Untätigkeit erschien ihm angesichts dessen nicht als Neutralität, sondern als moralisches Versagen.

Gerade hier liegt für Heilig ein Unterschied zu Dietrich Bonhoeffer. Dieser hielt Tyrannenmord im äußersten Fall für möglich – verstand ihn aber als tragische Grenzsituation, in der Schuld unausweichlich ist und vor Gott verantwortet werden muss.

Risiko geht nicht nur von Fanatikern aus

Heiligs eigentliche These reicht über den Einzelfall hinaus. Wer politische Gegner mit Figuren wie Hitler gleichsetze, verschiebe moralische Maßstäbe – und schaffe ein Problem: Wird jemand als absoluter Tyrann beschrieben, ohne dass daraus Konsequenzen folgen, entsteht eine Spannung zwischen Urteil und Handeln. Aus dieser Spannung könne, meint Heilig, eine Dynamik entstehen, die Gewalt denkbar macht.

US-Präsident Donald Trump gestikuliert während einer Stellungnahme vor der Presse, kurz nachdem ein bewaffneter Mann am 25. April 2026 das Correspondents’ Dinner im Weißen Haus stürmte.
US-Präsident Donald Trump gestikuliert während einer Stellungnahme vor der Presse, kurz nachdem ein bewaffneter Mann am 25. April 2026 das Correspondents’ Dinner im Weißen Haus stürmte. © Mandel NGAN / AFP

Das Risiko sieht er deshalb nicht nur bei religiösen Extremisten. Auch im protestantischen Mainstream gebe es Denkmuster, die solche Schlüsse ermöglichten. Der mutmaßliche Täter erscheine in dieser Perspektive nicht als isolierter Ausnahmefall, sondern als jemand, der sich innerhalb eines verbreiteten Deutungsrahmens bewegte.

Damit rückt eine unbequeme Frage ins Zentrum: Unter welchen Umständen halten Christen Gewalt gegen politisch Herrschende für gerechtfertigt? Heilig formuliert, zugespitzt: Bestimmte ethische Traditionen können Gläubige dazu bringen, Gewalt als legitim zu betrachten – selbst dann, wenn sie sie zugleich als Sünde begreifen.

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