Studie zu Iran-Krieg: Die meisten Flüchtenden dürften nach Deutschland kommen
Eine neue Studie zeigt: Sollte der Krieg in Nahost mehr Menschen zur Flucht zwingen, werden bereits bestehende Diaspora-Netzwerke eine entscheidende Rolle spielen.
Die Lage im Iran bleibt dramatisch – und das Regime sitzt offenbar auch nach den Angriffen Israels und der USA noch immer fest im Sattel. Das hatte zuletzt unter anderem bereits Autor und Iran-Experte Ralph Ghadban im Gespräch mit unserer Redaktion prophezeit: „Das Mullah-Regime bleibt, es gibt keine Alternative“, sagte er. In der Tat scheinen Regierung und Revolutionsgarden nach wie vor die Kontrolle über die Bevölkerung zu haben – gegen die sie seit Monaten brutal und mit äußerster Härte vorgeht.

US-Präsident Donald Trump spricht zwar bereits von einem Sieg – doch der Krieg in Nahost könnte wohl noch länger anhalten. Das wiederum könnte viele der 90 Millionen Iranerinnen und Iraner zur Flucht bewegen. Das ist inzwischen auch Thema im politischen Berlin. Natalie Pawlik, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, sagte zuletzt gegenüber unserer Redaktion, es sei noch zu früh für konkrete Prognosen. Doch inzwischen ist klar, dass in der Koalition auch über mögliche Vorbereitungen diskutiert wird, Geflüchtete aufzunehmen. Laut einer aktuellen Studie des privaten Wirtschaftsforschungsinstituts Rockwool Foundation (RF) Berlin, dürften Deutschland und Kanada als Zielländer am beliebtesten sein. Ein Papier dazu liegt dem Münchner Merkur von Ippen.Media vorab vor.
Iran: Deutschland könnte Zielland für Geflüchtete sein
Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup von 2024 unter rund 1000 Iranerinnen und Iranern* zeigte bereits: Für 28 Prozent der Befragten, die ihr Land verlassen wollen, ist Deutschland das interessanteste Land, gefolgt von Kanada mit 13 Prozent. Danach kommt die Türkei mit zehn Prozent, Großbritannien und Frankreich folgen mit sechs Prozent. Für Libanesinnen und Libanesen wiederum liegt laut dem Bericht Kanada mit 16 Prozent an erster Stelle, gefolgt von Deutschland mit 14 Prozent, Australien mit elf Prozent, Frankreich mit neun Prozent und die USA mit acht Prozent. „Migrationsmuster bauen in der Regel auf bestehenden Verbindungen zwischen Herkunfts- und Zielländern auf“, sagte jetzt RF-Berlin-Direktor Christian Dustmann, Professor für Wirtschaftswissenschaften am University College London und Mitautor der Studie. „Dies unterstreicht die Bedeutung von Diaspora-Netzwerken, die die Kosten und Risiken von Migration verringern.“
Der größte Anteil iranischer Geflüchteter lebte Ende 2025 laut Zahlen des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) mit 29 Prozent in Deutschland, gefolgt vom Vereinigten Königreich mit 26 Prozent, Kanada mit acht Prozent und Österreich mit fünf Prozent. Bei den libanesischen Geflüchteten liegt ebenfalls Deutschland mit 34 Prozent an erster Stelle, gefolgt von Kanada mit zwölf Prozent, Dänemark mit zehn Prozent und Frankreich mit sechs Prozent. Viele potenzielle Flüchtlinge aus dem Iran und dem Libanon bevorzugten einkommensstarke Länder in Europa und Nordamerika, heißt es in der Studie von RF Berlin.
„Die geografische Verteilung der Migrationsabsichten spiegelt stark die geografische Verteilung bestehender Flüchtlingsgemeinschaften wider“, so Tommaso Frattini, stellvertretender Direktor des Zentrums für Migrationsforschung (CReAM) bei RF-Berlin und Mitautor der Studie. „Das deutet darauf hin, dass Migration im Falle zunehmender Vertreibung in der aktuellen Krise wahrscheinlich den bereits bestehenden Migrationskorridoren folgen wird“, so der Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Mailand.
Bildung spiele eine größere Rolle bei der Wahl des bevorzugten Ziellandes als das Alter, heißt es in der Studie weiter. Personen mit geringerem Bildungsniveau konzentrierten sich demnach eher auf europäische Zielländer, vor allem Deutschland, während Personen mit höherem Bildungsniveau ein breiteres Spektrum an Zielländern weltweit in Betracht ziehen, darunter Nordamerika und Teile Asiens. Migrationsabsichten führten aber nicht automatisch zu Migrationsbewegungen. „Praktische Einschränkungen können die tatsächlichen Migrationsbewegungen insbesondere in den frühen Phasen einer Krise beeinflussen“, so Dustmann. „Weiter entfernte Ziele wie Kanada, Australien und die Vereinigten Staaten sind schwieriger zu erreichen. Es ist daher wahrscheinlich, dass Europa – und insbesondere Deutschland – zum wichtigsten Ziel möglicher Flüchtlingsbewegungen wird, falls die Vertreibung infolge des Krieges zunimmt.“
Ein Fazit des Berichts: Die Überschneidung zwischen generellen Migrationswünschen und bestehenden Flüchtlingsgemeinschaften deute darauf hin, dass bei einer Zunahme der Flüchtlingsbewegungen eine relativ kleine Gruppe von Ländern, zu denen Deutschland gehören dürfte, wahrscheinlich einen großen Teil der Ankommenden aufnehmen könnte. Aktuell gibt es tatsächlich kaum Fluchtwege aus dem Iran heraus. Allein die Türkei habe zuletzt Grenzbefestigungen stark ausgebaut, Beobachter sehen zurzeit noch keine größeren Fluchtbewegungen – bei gleichzeitig katastrophalen Zuständen für große Teile der Zivilbevölkerung.
* Für den weltweiten Gallup World Poll wurden 1007 Iranerinnen und Iraner ab 15 Jahren befragt. Die Strichproben wurden probabilistisch und repräsentativ für die Wohnbevölkerung im Alter von 15 Jahren und älter auf nationaler Ebene erhoben. Der Erfassungsbereich umfasste das gesamte Land einschließlich ländlicher Gebiete, der Stichprobenrahmen repräsentiert die gesamte zivile, nicht in Einrichtungen lebende erwachsene Bevölkerung des Landes. 252 von ihnen gaben seinerzeit an, auswandern zu wollen. 242 nannten ein bevorzugtes Zielland.