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Aachen: Wanderausstellung zeigt Kleidung vergewaltigter Frauen – „Mein innerster Kern war zersplittert“

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Studentin Jasmin schaut sich die Wanderausstellung „was ich anhatte...“ in einem Schaufenster in Aachen an

Die Wanderausstellung „Was ich anhatte...“ ist aktuell in einem Schaufenster in Aachen zu sehen. Gezeigt werden Kleider, die Frauen trugen, als sie vergewaltigt wurden © Rolf Vennenbernd/dpa

Die Wanderausstellung „Was ich anhatte ...“ zeigt noch bis morgen in Aachen Kleidung, die Frauen trugen, als sie vergewaltigt wurden. Die Geschichten der Frauen sind über QR-Codes abrufbar.

Aachen – Eine abgetragene Jeans, ein geblümtes Kleid, ein Dirndl, ausgetretene helle Sportschuhe. Neben schwarzem T-Shirt und rot-weißen Shorts hängt an einem Kleiderbügel ein Blatt Papier. „Mein innerster Kern war zersplittert und es hat mich Jahre gekostet, ihn wieder zusammen zu puzzeln“, steht darauf.

Es ist der Bericht einer unbekannten Anna über eine Vergewaltigung und die traumatischen Folgen. Insgesamt kommen in Aachen anonym ein Dutzend Frauen zu Wort. Sie haben eine Vergewaltigung hinter sich und wollen die Opfer-Rolle hinter sich lassen. Die Schau „Was ich anhatte... „ zeigt aktuell in der Lothringerstraße 23 in Aachen die zur Tatzeit getragenen Kleider und macht daraus eine eindrückliche Ausstellung.

Wanderausstellung zum Thema Vergewaltigung in Aachen: das hatten Frauen an, als es passierte

Es seien größtenteils die originalen Kleidungsstücke, berichtet Ausstellungsmacherin Beatrix Wilmes. Wenn die Kleider nicht mehr da waren, seien sie gebraucht nachgekauft worden. Mit Wäscheklammern fixiert, baumeln sie auf dürren Bügeln im Schaufenster eines Kulturzentrums am Rand der Innenstadt von Aachen.

Auch die Texte der Frauen sind unverändert. Sie hängen mit QR-Codes verkürzt an den Kleidern. Vor dem ehemaligen Ladenlokal sind auf dem Bürgersteig fünf Quadrate abgeklebt, von denen aus die Passanten die kleine Ausstellung corona-konform sehen können. Sie dauert bis zum 11. März.

Vergewaltigung: Wanderausstellung räumt mit Mythos von der Schuld der Opfer auf

Studentin Sarah ist mit einer Freundin gekommen. Eine Viertelstunde steht die 24-Jährige vor dem Schaufenster an einer Fahrradstraße, entschlüsselt mit Hilfe des Handys die Strichcodes und liest gebannt die Berichte.

Es sei erschreckend, meint die junge Frau und weist auf die ganz alltäglichen Klamotten im Schaufenster, die für eine traumatische Gewalterfahrung stehen. „Ich habe nicht gedacht, dass es so emotional ist.“ Die Studentin wurde aufmerksam, weil ihre Universität in den sozialen Medien auf die Ausstellung aufmerksam gemacht hatte. Auch die Frauenseelsorge im Bistum Aachen wies darauf hin.

Ausstellungsmacherin Wilmes berichtet, fast 50 Frauen hätten sich auf den Aufruf gemeldet und Kleider sowie Berichte geschickt. Die Ausstellung solle verdeutlichen, dass sexualisierte Gewalt ein strukturelles Problem sei. „Eine Frau wird nicht vergewaltigt, weil sie einen Minirock trägt“, heißt es in der Ausstellung gegen den Mythos von einer Schuld der Opfer bei sexualisierter Gewalt.

Wanderausstellung thematisiert Vergewaltigung: Stiefvater, Altenpfleger, Kollegen als Täter

Teils blicken die Frauen lange zurück: Eine Erwachsene schildert den Missbrauch durch den Stiefvater in ihrer Kindheit. Die älteste Frau ist über 80 Jahre alt. In diesem Fall berichtet die Enkelin über den Missbrauch ihrer dementen Oma durch einen Pfleger. „Als ich das erfahren hab, ist mir kotz-schlecht geworden und ich habe gezittert vor Wut.“

Für 2020 weist die Kriminalstatistik in Nordrhein-Westfalen 2302 bekannt gewordene Vergewaltigungen aus, fast zehn Prozent mehr als im Jahr davor. Die Aufklärungsquote beträgt über 80 Prozent.

Und allein in den vergangenen Wochen sind in NRW mehrere Fälle von Vergewaltigungen bekannt geworden oder Thema. In Köln-Deutz ist eine 27-Jährige Anfang Januar unter mysteriösen Umständen vom Balkon gestürzt. Zuvor wurde sie vermutlich Opfer einer Vergewaltigung. Die Polizei Recklinghausen fahndet derzeit nach einem 21-Jährigen, der im Juli 2019 in Marl eine Frau vergewaltigt haben soll.

Am 24. Februar soll zudem eine Joggerin in Köln im Stadtwald nahe des Decksteiner Weiher vergewaltigt worden sein. Allerdings ist der Vergewaltigungsfall aus Köln umstritten. Die Polizei vermutet, dass die Tat nicht wie geschildert stattgefunden hat. Das (mutmaßliche) Opfer hält an der Geschichte fest, hat einen Anwalt eingeschaltet.

Wanderausstellung „Was ich anhatte“: nächste Station steht noch nicht fest

Aachen ist nach Hamm die zweite Station von „Was ich anhatte... „. Die Ausstellung sei nicht immer die gleiche, sondern werde leicht verändert, sagt Wilmes. Der nächste Stopp sei noch nicht geklärt. Wegen der Corona-Konzepte seien die Städte unsicher. Die Schaufenster-Schau in Aachen kam jedenfalls gut an.

Anna, die bei einem erlebnispädagogischen Wochenende von einem Kollegen missbraucht worden war, sagt, sie sei nicht mehr dieselbe wie vorher. Sie erzählt von Albträumen, Panikattacken, Selbstzweifeln und Schuldgefühlen. Aber auch von Stärke, Kampfgeist und wiederentdeckter Lebensfreude. Ihr Ziel sei, dass das Erlebte zu etwas werde, aus dem sie Stärke ziehen könne.

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