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Braunkohle – die umstrittene Nummer Eins der Rohstoffe

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Von: Mirjam Ratmann

Ein Schaufelradbagger arbeitet im Braunkohletagebau Garzweiler.
Ein Schaufelradbagger in Garzweiler. © dpa/Federico Gambarini

Braunkohle kann auf eine lange Geschichte zurückblicken – hat aber keine Zukunft. Denn trotz Energiekrise hält die Bundesregierung am Kohleausstieg 2038 fest. Über einen der umstrittensten Rohstoffe unserer Zeit.

Er galt einst als Katalysator der deutschen Industrialisierung. Doch spätestens seit der Umweltbewegung hat die Braunkohle ihr „Macher“-Image verloren. Nun gilt Braunkohle als klimaschädlichster Rohstoff überhaupt.

Seit wann gibt es Braunkohle?

Wann in Deutschland erstmalig Braunkohle entdeckt wurde, ist nicht überliefert. Lange wurde sie jedoch schlicht als gewöhnliche Erde betrachtet: Braun, bröselig und dreckig. Er wird aber vermutet, dass Braunkohle bereits zwischen Ende der Kreide- und Anfang der Tertiärzeit entstanden ist – also vor circa 65 Millionen Jahren. Doch erst im Zuge der Industrialisierung im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert wurde Braunkohle erstmalig als Brennstoff eingesetzt.

Als Geburtsstunde des Mitteldeutschen Braunkohlereviers gilt beispielsweise das Jahr 1698, als bei Müncheln/Braunsbedra eine erste Kohlegrube entstand. Damals wurde Braunkohle als willkommene Alternative zum bis dato verwendeten Brennstoff Holz angesehen. Besonders im 19. Jahrhundert erlebte Braunkohle dann einen regelrechten Boom – denn der Bedarf an Strom wuchs stetig. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Braunkohle in allen Bergbauregionen immer bedeutender, um Strom zu gewinnen. Dazu wurden große Tagebaue errichtet, die zum Teil bis heute bestehen. In der Braunkohle-Hochphase in den 1980er Jahren wurden zwischenzeitlich mehr als 430 Millionen Tonnen in den deutschen Tagebauen gefördert.

Was ist Braunkohle überhaupt?

Im Verlauf vieler Millionen Jahre waren Pflanzen, Sträucher und Bäume, die in tiefen Erdschichten hohem Druck und hohen Temperaturen ausgesetzt waren, abgestorben. Aus diesem Prozess der Inkohlung entstand zunächst Torf, und dann schließlich Braunkohle, Steinkohle und Grafit. Von Braunkohle spricht man, wenn die Kohle zu circa 70 Prozent aus Kohlenstoff, aus 20 Prozent aus Sauerstoff und aus knapp 10 Prozent Wasserstoff besteht. Teilweise ist auch Schwefel enthalten.

Um Braunkohle zu gewinnen, werden große Bagger eingesetzt, die die Kohle im Tagebau von der Erdoberfläche abbaggern. Danach wird sie gemahlen und getrocknet und in Kohlekraftwerken verbrannt. Beim Verbrennungsprozess entsteht Wasserdampf, dessen Druck wiederum eine Turbine antreibt und dadurch Strom generiert. Heute wird Braunkohle zu 90 Prozent zur Strom- und Fernwärmegewinnung eingesetzt.

Warum ist Braunkohle so schlecht für die Umwelt?

Braunkohle besteht zu 70 Prozent aus Kohlenstoff – wird Braunkohle verbrannt, um Strom zu erzeugen, entsteht also Kohlenstoffdioxid, CO₂. Pro Kilowattstunde (kWh) setzt Braunkohle bis zu 1.200 Gramm CO₂ frei. Neben CO₂ werden teilweise auch Stickoxide, Schwefeldioxid, Feinstaub und Quecksilber in die Luft abgegeben – alles Stoffe und Gase, die für Mensch und Natur gesundheitsschädlich sind. Die Heinrich-Böll-Stiftung spricht gar von bis zu 23.000 Todesfällen in Europa jährlich, die sich auf die belastete Atemluft durch Stein- und Braunkohlekraftwerke zurückführen lassen.

Auch für das Grundwasser ist der Braunkohleabbau schädlich: Da nämlich durch das Abbaggern die natürlichen geologischen Schichten der Böden zerstört werden, gelangen Schwefelverbindungen aus der Tiefe an die Oberfläche und versauern das Wasser. Davon betroffen ist nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung. Hinzu kommt: Der Braunkohleabbau geht mit einer unwiderruflichen Zerstörung von Landschaften und Regionen einher – und das in erheblichem Flächenausmaß. Laut Statistischem Bundesamt wurde 2020 beispielsweise eine Fläche von 2.807 Hektar vom Tagebau in Anspruch genommen – das entspricht in etwa zehn Fußballfeldern. Daher sind die Energiekonzerne, die Braunkohle abbauen, dazu verpflichtet, die zerstörten Flächen nach der Nutzung neu zu kultivieren – sei es als Waldflächen, Ackerland oder Seelandschaften.

Immer wieder ein Grund zum Protest

In Deutschland gibt es drei große Braunkohle-Reviere: das Rheinische Braunkohlenrevier in der Niederrheinischen Bucht, westlich von Köln zwischen Aachen, Mönchengladbach und Bonn, das Mitteldeutsche Braunkohlenrevier westlich von Halle und das Lausitzer Revier bei Cottbus. Trotz der wirtschaftlichen Vorteile, die Braunkohle jahrelang für die Braunkohleregionen in Nordrhein-Westfalen mit sich brachte, war der Tagebau nicht immer ohne Folgen für die hiesige Bevölkerung: Seit Ende des 2. Weltkriegs wurden in Ost- und Westdeutschland insgesamt etwa 300 Ortschaften für die Gewinnung der Braunkohle abgerissen. Mehr als 120.000 Menschen auf einer Fläche von etwa 1.000 km2 musste dafür umgesiedelt werden. Sie erhielten dann zwar Entschädigungszahlungen, verloren aber ihre Heimat.

Gerade in den vergangenen Jahren gab es dagegen immer wieder Proteste – zum Beispiel im Hambacher Forst oder in Lützerath im Rheinland, in zwei Gebieten, die der Energiegewinnungskonzern RWE für den Braunkohleabbau aufgekauft hat. Nicht nur Bewohnerinnen und Bewohner protestierten gegen das Abbaggern ihrer Dörfer, auch Umweltaktivistinnen und Aktivisten kamen in den Hambacher Forst und nach Lützerath, besetzen den Wald und leerstehenden Häuser, um gegen die Rodung zu demonstrieren. Dabei kam es immer wieder auch zu Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Welche Bedeutung hat Braunkohle heute?

Die Errichtung der deutschen Tagebaue sorgte für einen wirtschaftlichen Aufschwung der Regionen und brachte vielen Menschen Arbeitsplätze. Im Vergleich zur Steinkohle, die unterirdisch, also unter Tage abgebaut werden muss, können Menschen beim Tagebau oberirdisch arbeiten. Die Kohle lässt sich somit leichter gewinnen. Zudem ist es ein Rohstoff, der, anders als Gas, nicht importiert werden muss und damit auch billiger ist.

Daher war Deutschland lange Zeit führend, wenn es um die Energiegewinnung aus dem Braunkohletagbau ging. Seit der Entscheidung aus der Kohle (sowohl Braun- als auch Steinkohle) auszusteigen, hat sich die Fördermenge reduziert. Dennoch ist Deutschland – Stand 2020 – nach China immer noch auf Platz zwei. Während der Steinkohleabbau bis Ende 2018 eingestellt wurde, war die Braunkohle im Jahr 2021 zu 18,8 Prozent weiterhin der zweitwichtigste Energieträger für deutsche Energiegewinnung: Rund 126 Megatonnen Braunkohle wurden 2021 in deutschen Tagebauen gefördert. Und gerade seit der Energiekrise 2022 steigt dieser Anteil wieder an.

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