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Lützerath: Warum ganz Deutschland jetzt auf den winzigen Ort im Nirgendwo blickt

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Von: Peter Sieben

Plötzlich reden alle über das kleine Dorf Lützerath. Der besetzte Ort wird bald geräumt und ist ein Symbol der Klimabewegung. Wie kam es dazu? Und was passiert jetzt in dem Besetzer-Camp?

Erkelenz – Jahrhundertelang interessierte sich nur eine Handvoll Menschen für Lützerath: Nämlich diejenigen, die in dem winzigen Weiler im Rheinischen Braunkohlerevier lebten. Doch jetzt blickt ganz Deutschland auf das Dorf. Prominente wie TV-Moderator Jan Böhmermann sprechen darüber und Klimaktivistin Luisa Neubauer ruft dazu auf, das Dorf zu verteidigen und die Lützerath-Räumung zu verhindern. Wie kam es dazu? Und was passiert jetzt in Lützerath? Alle Infos zum Protest.

Wo liegt Lützerath?Das Dorf gehört zur Stadt Erkelenz und liegt zwischen Köln, Düsseldorf und Aachen
Aktuelle Einwohnerzahl0 (aktuell besetzen zwischen 80 und 150 Menschen das Dorf)
Wie viele Einwohner hatte Lützerath früher?Etwa 100
Beginn der UmsiedlungAb 2006, der letzte Bewohner zog 2022 weg
Wann soll Lützerath geräumt werden?Bis Mitte Februar soll das Dorf geräumt sein

Warum soll Lützerath abgerissen werden?

Lützerath liegt am Tagebau Garzweiler II, die Braunkohlebagger graben sich seit Jahren immer näher an den kleinen Ort heran. Unter Lützerath liegen Millionen Tonnen Braunkohle, die der Energiekonzern RWE abbauen will. Im Rahmen des vorgezogenen NRW-Kohleausstiegs 2030 haben sich Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur und RWE darauf verständigt, dass die fünf Dörfer Kuckum, Keyenberg, Berverath, Oberwestrich und Oberwestrich entgegen den ursprünglichen Plänen nicht abgerissen werden. Lützerath aber wird geopfert.

Aus energiepolitischer und tagebauplanerischer Sicht sei das unumgänglich, bekräftigt NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur. Das allerdings widerlegt eine Studie zum Tagebau Garzweiler, an der unter anderem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Europa-Universität Flensburg, der TU Berlin und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) beteiligt sind. Demnach wird die Braunkohle unter Lützerath nicht benötigt, um die Energieversorgung in Deutschland sicherzustellen.

RWE braucht nicht nur die Kohle

Doch RWE benötigt nicht nur die Kohle unter Lützerath, sondern vor allem auch große Mengen an Abraum, um die steilen Böschungen der Tagebaugrube zu stabilisieren. Denn der Konzern ist vertraglich zur Rekultivierung verpflichtet. Häufig entstehen aus den gigantischen Gruben Seen, wie in Hambach, wo der größte See von NRW entstehen soll.

Wie viele Einwohner hatte Lützerath?

Der kleine Weiler hatte im Lauf seiner Geschichte selten mehr als 100 Einwohner. Inzwischen sind alle weggezogen, die meisten wohnen nun in Immerath (neu). Der Landwirt Eckardt Heukamp war der letzte Einwohner von Lützerath.

Wer wohnt jetzt in Lützerath?

Der Weiler wird seit Monaten besetzt. Zwischen 80 und 150 Aktivistinnen und Aktivisten leben in den verlassenen Höfen in Lützerath, auf Baumhäusern oder in Zelten. NRW-Innenminister Herbert Reul hatte bereits im Herbst 2022 angekündigt, dass Lützerath Anfang 2023 von der Polizei in einem „Gesamteinsatz“ geräumt werden soll. Die zuständige Stadt Erkelenz hatte sich jedoch geweigert, die Polizei Aachen um Vollzughilfe zu bitten – ein bürokratischer Akt, ohne den die Räumung von Lützerath nicht möglich ist.

Warum ist es illegal, in Lützerath zu sein?

Das hat im Dezember 2022 schließlich der Kreis Heinsberg übernommen und eine Räumungsverfügung ausgesprochen. Am 2. Januar startete der Polizeieinsatz in Lützerath, die Besetzer hatten im Vorfeld heftigen Widerstand angekündigt. Schon nach wenigen Stunden kam es zu ersten Rangeleien zwischen Aktivisten und Polizeibeamten. Erste Barrikaden der Besetzer sind bereits abgerissen, die eigentliche Räumung wird sich über Wochen bis Monate hinziehen.

Ein Eilantrag gegen die Verfügung wurde Anfang Januar vom Verwaltungsgericht abgelehnt, damit ist sie rechtens. Die Antragstellerin kann Beschwerde einlegen, dann entscheidet das Oberverwaltungsgericht in Münster.

Wann passiert die Lützerath-Räumung?

Bis Mitte Februar soll Lützerath geräumt sein. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) hatte schon vor Monaten angekündigt, den Ort in einem „Gesamteinsatz“ räumen und abreißen lassen zu wollen. Doch die Stadt Erkelenz, die dafür die Polizei Aachen um Vollzughilfe hätte bitten müssen, weigerte sich. Das hat nun der Kreis Heinsberg übernommen.

Das passiert in den kommenden Tagen in Lützerath

► Seit dem 1. Januar dürfen keine Autos mehr ins Dorf fahren

► Am 8. Januar ist ein „Aktionstraining“ der Aktivisten im Dorf geplant

► Am 9. Januar will die Polizei Aachen ihr weiteres Vorgehen bei einer Pressekonferenz mitteilen

► In Erkelenz gibt es am 10. Januar eine Infoveranstaltung zum Thema Lützerath-Räumung. Dort werden auch der Heinsberger Landrat Stephan Pusch und der Aachener Polizeipräsident Dirk Weinspach sein

► Denkbar ist, dass die Räumung von Lützerath am 11. Januar beginnt. Dann soll auch ein Zaun um das Dorf errichtet werden

► Am 14. Januar ist eine Großdemo bei Lützerath am Tagebau Garzweiler geplant

Die Polizei ist seit Anfang Januar mit Hundertschaften vor Ort. Erste Barrikaden wurden bereits abgerissen, RWE errichtet Wälle an der Grenze zwischen dem Tagebau Garzweiler II und Lützerath. Die eigentliche Lützerath-Räumung kommt aber noch. Am 10. Januar gibt es eine Info-Veranstaltung in Erkelenz, bei der verschiedene Politiker und die Aachener Polizei über die weiteren Maßnahmen informieren wollen. Deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass die Räumung ab dem 11. Januar beginnt.

Ist Lützerath nur ein Symbol?

Lützerath ist auf jeden Fall auch ein Symbol. Für viele Klimaaktivisten steht der Ort für den letzten Kampf gegen die Braunkohle, als letzte Bastion der Kohlegegner. Zudem steht der Weier jetzt exemplarisch für alle Dörfer, die im Laufe der Jahrzehnte dem Braunkohletagebau weichen mussten.

Das Dorf gilt aber auch als sogenannte 1,5-Grad-Grenze: Wenn die Kohle unter Lützerath verfeuert wird, ist das Ziel, den globalen Temperaturanstieg durch den Treibhauseffekt auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, nicht mehr erreichbar. Zu diesem Ergebnis kommt unter anderem eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

„Lützerath ist viel mehr als ein Symbol“, sagt eine Sprecherin der Initiative „Lützerath lebt“ gegenüber 24RHEIN. „Wenn wir Lützerath verteidigen, dann sorgen wir dafür, dass Millionen Tonnen Kohle unter der Erde bleiben. Das ist das Äquivalent zu 280 Millionen Tonnen CO2, so viel emittiert ein Land wie Griechenland in einem ganzen Jahr.“ Es gehe um reale CO2-Emissionen, die den Beitrag Deutschlands zum Pariser Klimaabkommen brechen würden. „Es geht um reale Klimapolitik“, so die Sprecherin. (pen) 

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