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Warum Duisburgs OB Sören Link nicht der Boris Palmer von NRW sein will

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Von: Peter Sieben

Sören Link, Oberbürgermeister von Duisburg
Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link: „Das Selbstbewusstsein ist deutlich gestiegen.“ © Peter Sieben

Oberbürgermeister Sören Link will das Image von Duisburg aufpolieren. Im Interview erklärt er, welche Probleme trotzdem nicht verschwinden und warum er kein Fan von Elon Musk ist.

Duisburg – Sören Link hat gute Laune. Entspannt lehnt er an der Reling der „MS Karl Jarres“, das Konferenzschiff ankert im Hafen von Ruhrort. Es läuft gerade in Duisburg – ausnahmsweise, möchte man fast sagen. Die Stadt hat sich in den letzten 20 Jahren den Ruf des verschuldeten Pechvogels eingehandelt, doch jetzt ändert sich was, sagt der SPD-Oberbürgermeister und lächelt dabei, als wäre er selbst ein kleines bisschen überrascht darüber.

Ehemaliges Loveparade-Gelände in Duisburg
So sah es lange Zeit auf dem ehemaligen Loveparade-Gelände in Duisburg aus. Bald sollen hier die Duisburger Dünen entstehen: Ein grüner Stadtteil mit Wohnungen und Büros. © Roland Weihrauch/dpa

Duisburg: Endlich eine Lösung für das Loveparade-Gelände

Für das brachliegende Loveparade-Gelände ist endlich eine Lösung gefunden, ein neuer Stadtteil mit modernen Büros und Wohnungen soll entstehen. Erstmals seit Langem konnte Duisburg jüngst die Gewerbesteuern senken – ein wenig zwar nur, aber einen deutlichen Symbolwert für Unternehmen hat das trotzdem. Und grüner wird Duisburg werden, schwärmt Sören Link zwischen zwei Zügen aus der E-Zigarette und zeigt mit ausholender Geste auf den Hafen von Ruhrort: Das Viertel soll sich zum umweltneutralen Vorzeigequartier entwickeln. Überall Solaranlagen, Dachbegrünungen, autofreies Zentrum. Ein bisschen wie in Tübingen, sagt Sören Link, wo sein Amtskollege Boris Palmer gerade mit Photovoltaikanlagen die halbe Stadt umkrempelt und für Schlagzeilen sorgt. Welche Probleme in Duisburg nicht einfach von heute auf morgen verschwinden, wie die Stadt für mehr Sicherheit sorgen will und warum er selbst keinen Tesla fahren würde, darüber hat Sören Link mit uns im Interview gesprochen.

Wollen Sie der Boris Palmer von NRW werden?

Ich möchte der Sören Link von Duisburg bleiben. Aber man ist trotzdem gut beraten, bei anderen zu schauen, was sie richtig machen. Was in Tübingen in den letzten Jahren beim Umweltschutz und Klimaschutz geleistet wurde, ist schon beachtlich. Da ist einiges beispielhaft.

Inwiefern?

Zum Beispiel wollen wir allen Duisburgern, die sich ein Fahrrad kaufen, 20 Prozent des Kaufpreises erstatten. Und wir haben das Potenzial von Wasserstoff schon erkannt, als alle anderen noch darüber gelacht haben. Mit Thyssen Krupp Steel haben wir bald einen der ersten großen Stahlhersteller, der CO2-neutral mit Wasserstoff produziert. Und Duisburg-Ruhrort werden wir gemeinsam mit Haniel zum ersten umweltneutralen Quartier der Welt machen. Und nicht irgendwann. Die Leute reden immer darüber, was 2045 oder was weiß ich wann passieren soll. Wir fangen jetzt damit an und 2030 sind wir durch damit. Duisburg wird Vorreiter sein und Politiker in Bund und Land können in ihrer laufenden Amtszeit am Beispiel von Duisburg zeigen, was möglich ist.

Duisburg hatte bislang nicht unbedingt den Ruf eines Vorreiters. Sie wollen ein neues Image für Ihre Stadt?

Das Selbstbewusstsein ist deutlich gestiegen, ja. Und Duisburg hat ein anderes Image verdient. Es ist einfach viel schöner hier, als es das Klischee vermuten lässt. Mit dieser Entwicklung bin ich als Oberbürgermeister gerade sehr zufrieden.

Ein paar Probleme gibt es aber schon noch. Beispiel Sicherheit: Erst vor wenigen Monaten gab es an der Grenze zu Marxloh eine Schießerei zwischen Rockern und kriminellen Clans. Innenminister Herbert Reul setzt auf eine “Politik der 1000 Nadelstiche” gegen organisierte Kriminalität. Ist das der richtige Weg?

Die Richtung stimmt, aber es darf nicht bei Nadelstichen bleiben.

Was heißt das?

Wir müssen als Gesellschaft einen sehr konsequenten Null-Toleranz-Kurs fahren. In Duisburg bauen wir gerade den kommunalen Ordnungsdienst aus. Wir möchten allen den Rücken stärken, die sich an Recht und Gesetz halten und allen, die das nicht tun, klarmachen: Das akzeptieren wir nicht. Das ist nichts, was man von heut auf morgen ändern kann. Aber wir müssen daran arbeiten, weil die Menschen in dieser Stadt das von uns erwarten. Und das völlig zurecht.

Nicht so gut zum neuen Vorreiter-Image passt der Zustand des öffentlichen Nahverkehrs in Duisburg.

Richtig ist, dass wir im ÖPNV deutlich mehr Busse und Bahnen auf der Straße benötigen. In den letzten Jahren konnten wir diesem Anspruch aus finanziellen Gründen nicht gerecht werden. Das ändert sich jetzt. Wir bestellen gerade 100 Wasserstoffbusse und setzen auf den Ausbau der Taktzeiten bei den Bahnen. Ich möchte einen Fünf-Minuten-Takt bei zwei von drei Bahnlinien einführen. Das ist ein deutlicher Sprung nach vorne. Und das hilft auch dabei, dass wir künftig sogar manche Bereiche autofrei machen können. In Ruhrort können wir damit anfangen.

In Ruhrort wird sich das Stadtbild einschneidend verändern. Glauben Sie, dass Sie die Duisburger für solche Prestigeprojekte begeistern können?

Wir müssen genau schauen, dass die Bürgerinnen und Bürger die Zeche nicht alleine zahlen. Nur dann findet man durch alle Bevölkerungsschichten Akzeptanz für das Thema. Denn die brauchen wir und die Herausforderungen sind riesig. In Ruhrort wird es Dachbegrünungen geben und wir werden Strom mithilfe von Solardächern und über die Hafenspundwände gewinnen, das heißt, die Stromkosten für die Bewohner des Quartiers werden massiv sinken. Einige haben sicher die Sorge: Da passiert was Elitäres, die wollen mich da nicht mehr haben. Das Gegenteil ist der Fall, wir wollen, dass alle Teil des Projekts werden und für Alternativen und neue Technologien offen sind. Ich selbst fahre zum Beispiel seit Jahren Elektroauto.

Was fahren Sie? Tesla?

Nee!

Sie sind offenbar kein Fan?

Das Verhalten von Elon Musk finde ich bedenklich.

Was würden Sie denn sagen, wenn Elon Musk anklopft und ein Tesla-Werk wie in Brandenburg in Duisburg bauen will?

Schwierige Frage. Klar bringt das Arbeitsplätze und Gewerbesteuer. Andererseits weiß ich nicht, ob die Brandenburger sich auch heute noch freuen. Nicht nur, weil die jetzt Probleme mit dem Grundwasser haben. In Duisburg haben wir mit dem Niedergang der Stahlbranche die Erfahrung gemacht, dass es nicht gut ist, sich von einem großen Player abhängig zu machen.

In den nächsten Wochen werden wahrscheinlich viele Menschen aus der Ukraine in Richtung Westen fliehen und damit auch in NRW-Städten unterkommen. Ist die Stadt Duisburg darauf vorbereitet?

Wir sind als Land insgesamt noch nicht gut vorbereitet. Ich hoffe, dass die Landesregierung endlich Tempo beim Thema der zentralen Flüchtlingsunterkünfte macht. Wir leisten hier in Duisburg gerne unseren Beitrag und wir leben Willkommenskultur. Über 6.000 Menschen aus der Ukraine sind bereits hier untergekommen. Und wir sind auch in der Lage, mehr aufzunehmen, wenn es erforderlich ist. Aber wir brauchen Hilfe bei den Finanzen und vor allem beim Thema Schule. Wenn plötzlich Tausende Kinder zusätzlich beschult werden müssen, bedeutet das: wir brauchen neben Schulraum auch Lehrkräfte. Unser Schulsystem in Duisburg war schon vorher am Anschlag.

Sören Link

Geboren 1976 in Duisburg-Hamborn

Studium der Politikwissenschaften an der Universität Duisburg-Essen ab 1996, später Ausbildung zum Diplomverwaltungswirt bei der Bezirksregierung Düsseldorf.

Link trat 1993 in die SPD ein, seit 2018 ist er stellvertretender Vorsitzender der SPD in Nordrhein-Westfalen.

Von 2005 bis 2012 Abgeordneter im Landtag von Nordrhein-Westfalen

Seit 2012 Oberbürgermeister der Stadt Duisburg

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