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Kriminelle Clans in Duisburg: OB bringt Abschiebung ins Spiel

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Von: Peter Sieben

Die Stadt Duisburg ergreift Maßnahmen, um Marxloh unter Kontrolle zu bringen. Doch noch immer lauern kriminelle Clans. OB Sören Link will Wandel im Stadtteil.

Die Weseler Straße in Duisburg mit Blick auf den Thyssen Krupp Hochofen in Duisburg Marxloh.
Marxloh ist der einwohnerstärkste Stadtteil in Duisburg und hat keinen besonders guten Ruf. (Archivbild) © Jochen Tack/Imago

Duisburg – Die Zeichen stehen auf Wandel in Duisburg-Marxloh. Seit Jahrzehnten gilt der Stadtteil ganz im Norden als Brennpunkt voller Problemviertel. Zwischenzeitlich erklärte die Gewerkschaft der Polizei Teile von Marxloh gar zur „No-Go-Area“. Auch zum Ärger vieler Marxloher, die ein ganz normales Leben hier führen.

Duisburg-Marxloh soll kein „Brennpunkt“ mehr sein

Sören Link, Oberbürgermeister von Duisburg
Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link (SPD) will Wandel im Stadtteil Marxloh. (Archivbild) © Peter Sieben

Mit Brennpunkt-Image soll Schluss sein, die Stadt will Marxloh unter Kontrolle kriegen. Unter dem Stichwort „Arrival City“ soll Duisburg-Marxloh zu einem sogenannten Ankunftsstadtteil werden, in dem Zuwanderer und Geflüchtete Hilfe beim Start bekommen. Und es gab schon vorher Erfolgsmeldungen, die einst völlig heruntergekommene Weseler Straße in Duisburg ist mittlerweile eine Brautmodenmeile. Es wird kräftig investiert, zusammen mit Bund und Land: Insgesamt 50 Millionen Euro werden in Marxloh und den Nachbarstadtteil Alt-Hamborn gesteckt, zehn Millionen Euro kommen von der Stadt, 25 Millionen vom Bund und 15 Millionen vom Land NRW. Mit dem Geld soll für mehr Chancengleichheit durch Bildung gesorgt werden. Außerdem sollen unter anderem der August-Bebel-Platz und der Alt-Markt neu gestaltet werden.

Duisburg-OB Sören Link: „Wir haben Marxloh nie aufgegeben“

„Wir haben Marxloh nie aufgegeben und wir werden Marxloh nicht aufgeben“, sagte Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link neulich am Rande einer Veranstaltung vor Ort. Der Stadtteil bedeute für ihn auch Heimat: „Mein Vater kommt von hier“, erzählt Link und hat eine Anekdote parat. Neulich, da habe ihn seine Tochter frühmorgens geweckt. „Und ich wollte schon mal Brötchen holen, aber da hat noch nichts auf in Duisburg. Bin ich nach Marxloh gefahren, weil ich wusste: Der Ali Baba hat um vier schon aufgemacht, da kriegste Brot.“ Duisburg-Marxloh sei einfach „ein pulsierender Stadtteil“.

Clan-Kriminalität in NRW

► Wenn die Rede von kriminellen Clans ist, sind meist bestimmte Mitglieder von Großfamilien mit türkisch-arabischen Wurzeln gemeint. In Deutschland gehören nach Schätzungen des Bundeskriminalamts (BKA) rund 200.000 Menschen zu solchen Großfamilien. Die meisten von ihnen sind nicht kriminell. Einige aber haben sich zu Gruppierungen zusammengeschlossen, die Straftaten im Bereich der organisierten Kriminalität begehen.

► Viele gehören den sogenannten Mhallami-Kurden an, einer arabischstämmigen Volksgruppe. Ihre Vorfahren wurden nach dem Ersten Weltkrieg aus der Türkei vertrieben, kamen dann in den Libanon. Als dort Bürgerkrieg ausbrach (1975 bis 1990), flohen viele der Familien nach Deutschland.

► Als Geflüchtete wurden sie in verschiedenen Bundesländern untergebracht, vor allem in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bremen und Berlin. Als Staatenlose erhielten sie den Duldungsstatus. Menschen mit Duldungsstatus haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer: Eine selbständige Tätigkeit ist ihnen untersagt, eine Beschäftigung als Arbeitnehmer nur auf Antrag möglich. Experten sehen in der Perspektivlosigkeit einen Grund dafür, dass sich kriminelle Netzwerke innerhalb der Familien gebildet haben.

► Die kriminellen Clan-Mitglieder begehen schwere Straftaten, wie Menschenhandel, Betrug, Erpressung und Raub.

Drei kriminelle Clans teilen sich Marxloh

Nur: Abseits von Heimatverbundenheit und abseits vom „Wunder von Marxloh“, wie sie hier die Brautmodenmeile nennen, haben Marxloh und Alt-Hamborn auch ernst Probleme: In einigen Straßenzügen stapelt sich der Müll am Bordstein, in Abrisshäusern wohnen Menschen unter prekären Bedingungen. Anwohner beschweren sich über illegale Müllkippen im Duisburger Stadtteil und eine neue harte Drogenszene hat sich in Marxloh etabliert.

Zwar ist die einst berüchtigte Tumultlage im Stadtteil zurückgegangen, aber nach wie vor teilen vor allem drei kriminelle Clans Duisburg-Marxloh unter sich auf. Die Bandenmitglieder sind unter anderem im Bereich Schutzgelderpressung, Menschenhandel und Betrug aktiv. Die Mitglieder gehören meist zu Großfamilien aus der Volksgruppe der Mhallami-Kurden, die einst aus der Türkei über den Libanon nach Deutschland kamen.

Müll am Straßenrand in Duisburg-Marxloh
In manchen Vierteln von Duisburg-Marxloh wird Müll einfach am Straßenrand entsorgt. (Archiv) © Peter Sieben/IDZRNRW

Duisburgs OB Link: „Maßnahmen bis hin zur Abschiebung“ ausschöpfen

Echter Wandel kann kaum passieren, solange das so ist. Wie will die Stadt das lösen? „Es gibt keine Großstadt ohne Kriminalität“, relativiert OB Link. Aber: „Ja, wir müssen uns darum kümmern.“ Dabei müsse man auch „Maßnahmen bis hin zur Abschiebung“ ausschöpfen, sagt Link und wird deutlich: „Ich finde es bedauerlich, dass wir uns in Deutschland mit Abschiebung oft so schwertun.“ Wenn jemand immer wieder schwere Straftaten begehe, müsse man da konsequenter sein. „Wenn man abschiebt, kann das eine heilsame Wirkung auf andere haben, die dann abgeschreckt sind“, so Link.

Daneben müsse viel Präventionsarbeit geleistet werden. Experten gehen davon aus, dass nicht zuletzt auch jahrzehntelange Perspektivlosigkeit dazu geführt hat, dass sich kriminelle Strukturen innerhalb mancher Familien herausgebildet hätten. Denn viele besitzen nur einen Duldungsstatus in Deutschland, seit Jahrzehnten. Einer geregelten Arbeit nachzugehen, ist damit kaum möglich. Mit Abschiebung allein ist entsprechend nach Ansicht von Kritikern nichts getan, vielmehr müsse es mehr Anreize gerade für die jüngere Generation geben, den Ausstieg zu schaffen und ein normales Leben zu führen.

Den richtigen Hebel scheinen die Behörden indes noch nicht gefunden zu haben. So wird das NRW-Präventionsangebot „Kurve kriegen“ im Ruhrgebiet für junge Clan-Mitglieder nur sehr bedingt angenommen. Innenminister Herbert Reul glaubt, dass die familiären Bande oft schlicht zu stark seien, wie er im Interview mit 24RHEIN von Ippen.Media sagt: „Denn manche Menschen leben aus ihrer Sicht sehr gut in den kriminellen Clanstrukturen. Es gibt ein Einkommen, eine schützende Familie. Und bei dem Angebot, das wir den jungen Leuten und ihren Familien machen, wird von ihnen erwartet, dass sie das in gewisser Weise aufgeben. Das ist fast unmöglich.“ Er bedaure das und finde das „sehr schade“. „Wir können sie nicht zwingen, aber werden immer wieder versuchen, diese Menschen zum Ausstieg aus kriminellen Clanstrukturen zu bewegen.“ (pen) Fair und unabhängig informiert, was in NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

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