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Explosion Leverkusen: Kein Dioxin in Rauchwolke – Vorsichtsmaßnahmen für Anwohner

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Von: Benjamin Stroka

Eine Rauchwolke über dem Chempark Leverkusen.
Nach der schweren Explosion am Dienstag zog eine riesige Rauchwolke über Leverkusen und einige Gebiete nördlich davon. © Oliver Berg/dpa

Welche Gefahr ging aus der riesigen Rauchwolke nach der Explosion im Chempark Leverkusen aus? Es wurden keine Rückstände von Dioxin festgestellt.

Leverkusen – Dienstag, der 27. Juli, um 9:42: Eine riesige Explosion erschüttert den Stadtteil Bürrig in Leverkusen. Kilometerweit berichten Menschen davon, dass sie die Druckwelle bemerkt hatten. In einer Entsorgungsanlage des Chempark Leverkusen brannte aus bislang ungeklärter Ursache ein Tanklager. Inzwischen hat die Polizei aus Köln die Ermittlungen vor Ort aufgenommen.

Explosion im Chempark Leverkusen: Wie gefährlich war die Giftwolke?

Ermittlungen dauern an, das ist bekannt

Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass die am Brandereignis beteiligten Stoffe nur ein geringes Dioxin-Bildungspotential gehabt hätten. Die Ermittlungen, welche weiteren Stoffe bei dem Unfall beteiligt waren, dauerten noch an. Daher sei noch unklar, ob weitere, bisher unbekannte Stoffe in die nähere Umgebung der Brandstelle eingetragen worden seien.

Die schwere Explosion und der Brand ließen eine riesige Rauchwolke über dem Chempark emporsteigen. Fast im Minutentakt gingen Warnungen über die Warn-Apps Nina und Katwarn raus, dass die Menschen Fenster und Türen geschlossen halten und sich nicht im Freien aufhalten sollten. Selbst im rund 30 Kilometer entfernten Solingen wurden entsprechende Vorsichtsmaßnahmen getroffen, nachdem die Wolke immer weiter gen Norden gezogen war. Aber wie gefährlich war diese Giftwolke?

Die ersten Ergebnisse der Untersuchungen liegen bereits vor. Die Ruß- und Staubrückstände haben nur eine geringe Schadstoffbelastung aufgewiesen, ergaben die Untersuchungen des Landesumweltamts NRW (Lanuv). Es seien keine Rückstände von Dioxin und dioxinähnlichen Stoffen in den Rußpartikeln festgestellt worden. Dennoch gelten für einige Bereiche weiterhin Vorsichtsmaßnahmen. „Das von den Partikelniederschlägen betroffene Areal umfasst nach bisherigen Erkenntnissen die in der Windrichtung der Explosionswolke gelegenen Stadtteile Bürrig, Opladen, Küppersteg, Quettingen und Lützenkirchen“, teilt die Stadt Leverkusen mit. Dazu zähle auch Rheindorf.

Explosion in Leverkusen: Vorsichtsmaßnahmen gelten für diese Bereiche

Explosion in Leverkusen: Anwohner sollten auf Gemüse aus Garten verzichten

Explosion im Chempark Leverkusen: War Dioxin in der Rauchwolke?

Was ist Dioxin?

Als Dioxin wird grundsätzlich nicht ein einziger Stoff bezeichnet. Vielmehr ist der Begriff laut Bundesumweltamt „eine Sammelbezeichnung für chemisch ähnlich aufgebaute chlorhaltige Dioxine und Furane“. Dioxine sind keine Stoffe, die bewusst produziert werden. Sie entstehen bei Verbrennungsprozessen in Anwesenheit von Chlor und organischem Kohlenstoff, können aber laut Bundesumweltamt aber auch bei Waldbränden oder Vulkanausbrüchen produziert werden. Seit den 1980er-Jahren sind Dioxine und ihr Ausstoß durch Verbotsverordnungen reglementiert. Da sie aber extrem langlebig sind, gibt es auch heute noch Dioxin-belastete Böden in Deutschland. Dort gilt eine Nutzung als Weide oder Hühnerauslaufgebiet als „besonders problematisch“.

Die Betreiberfirma Currenta hat berichtet, dass in den Tanks, die nach dem Unglück gebrannt hatten, unter anderem „organische Lösungsmittel“ gelagert waren, einige davon chlorhaltig. Um zu untersuchen, ob mit der Rauchwolke, aus der vor allem im betroffenen Gebiet auch einige Rußpartikel herabfielen, Gift freigesetzt wurde, wurde das Lanuv eingeschaltet. Der Hintergrund: „Die Proben werden untersucht, weil bei einem Brand von chlorhaltigen Lösungsmitteln unter anderem Dioxinverbindungen entstehen können“, erklärte ein Sprecher des Lanuv.

Am Mittwoch teilte das Lanuv mit, dass man „derzeit“ davon ausgehe, dass die Rauchwolke „Dioxin-, PCB- und Furanverbindungen“ in die nahegelegenen Wohngebiete getragen haben könnte. Ob das wirklich passiert ist und falls ja, wie hoch die Belastung mit diesen Substanzen ist, ist aber derzeit noch unklar. „Analyseergebnisse werden voraussichtlich Ende der Woche vorliegen“, berichtet der Lanuv-Sprecher. Aktuell laufen die Untersuchungen noch im Dioxin-Labor des Landesumweltamtes in Essen. „Bislang liegen noch keine Ergebnisse vor.“

Nach Explosion im Chempark: Bewohner von Leverkusen sollten Maßnahmen beachten

Auch wenn noch unklar ist, ob und wie giftig die Rauchwolke und die daraus abgelagerten Rußpartikel sind, hat die Stadt Leverkusen den Anwohnern im betroffenen Gebiet frühzeitig empfohlen, kein Obst und Gemüse aus dem Garten zu essen und die Partikel nicht zu berühren, sondern zu melden. Diese Empfehlung gilt auch am Donnerstag noch. Laut dem Lanuv würden Dioxine grundsätzlich bei jedem Brand in unterschiedlich hoher Konzentration entstehen. Die Verhaltensempfehlungen hätten daher einen „starken präventiven Charakter“.

Dioxine würden vor allem über die Nahrung aufgenommen werden. „Daher gehen unsere Empfehlungen immer zuerst in Richtung einer Verzehrempfehlung, also Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten erst einmal nicht zu verzehren“, so der Lanuv-Sprecher. Auch Spielplätze in den anliegenden Stadtteilen in Leverkusen wurden vorsorglich geschlossen.

Explosion in Leverkusen: Wie gefährlich ist Dioxin?

Wie die Untersuchungen ausgehen und ob die Giftwolke gesundheitsschädlich für die Menschen war oder durch Ablagerungen noch ist, bleibt abzuwarten. Klar ist aber auch, dass Dioxin grundsätzlich gefährlich sein kann – zumindest in hoher Konzentration. Über Lebensmittel, vor allem Milchprodukte, Eier sowie Fleisch- und Fischprodukte, nehmen viele Menschen regelmäßig geringste Mengen von Dioxinen auf, da Nahrung aus tierischer Herkunft häufig damit belastet sein kann. Gesundheitsgefahr besteht dadurch grundsätzlich aber nicht, weil die Konzentration des Dioxins in diesen Fällen sehr gering ist.

„Dioxin, PCB- und Furanverbindungen werden durchaus in Zusammenhang gebracht mit Missbildungen bei Neugeborenen von Tieren, weniger beim Menschen, als Umweltöstrogene oder auch Krebs erregende Substanzen beim Menschen, sagte Daniel Dietrich, Leiter der Arbeitsgruppe Human- und Umwelttoxikologie an der Uni Konstanz. Die betont jedoch auch: „Aber – und das ist das große Aber – nur in hohen Konzentrationen. Und die liegen nicht vor, wenn das entsprechende Gebiet im Laufe der Zeit gereinigt und dekontaminiert wird.“

Nach meiner Einschätzung besteht also keine akute Gefahr für die Bevölkerung

Daniel Dietrich

Zudem müssten die Stoffe aktiv in den Körper gelangen, um gefährlich zu werden, „etwa, wenn man sich nach der Arbeit im Garten die Hände abschleckt“, so Dietrich weiter. Denn grundsätzlich würden die Stoffe an Oberflächen kleben und einen „nicht anspringen“. Man könne sogar von oben bis unten mit den Partikeln bedeckt sein und diese dann ohne Gefahr mit Seife abwaschen. „Nach meiner Einschätzung besteht also keine akute Gefahr für die Bevölkerung, wenn sie sich an die Handlungsempfehlungen des Landesumweltamtes und der anderen involvierten Behörden hält“, so Dietrich.

Dioxin: Eier-Skandal in Deutschland und Sevesounglück in Italien

Dennoch sorgten Dioxine auch schon in der Vergangenheit für Schlagzeilen. 2011 kam es in Deutschland zu einem riesigen Dioxin-Skandal. Damals wurden im Futtermittel von Legehennen deutlich erhöhte Dioxinwerte festgestellt. Tausende Hühner wurden notgeschlachtet, zehntausende Eier landeten im Sondermüll.

1976 kam es im italienischen Meda zu einem Chemieunfall, der heute als „Sevesounglück“ bekannt ist. Damals wurde das hochgiftige Dioxin TCDD (Tetrachlordibenzodioxin) freigesetzt und ein ganzes Gebiet verseucht. Fast 80.000 Tiere mussten notgeschlachtet werden. Hunderte Menschen litten an Hauterkrankungen wie Chlorakne oder Verätzungen. Tote gab es im direkten Zusammenhang mit der Katastrophe zwar nicht, aber laut Auskunft einiger Ärzte traten in den Folgejahren bestimmte Krebsarten häufiger auf, als zuvor. (bs)

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