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Sie kleben sich fest und werfen Steine: Wie ticken die Klimaaktivisten?

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Von: Peter Sieben, Mirjam Ratmann

Sie klebten sich fest, harrten Stunden in großer Höhe auf – manche warfen Molotowcocktails. Wer sind die Menschen, die Lützerath so vehement verteidigen?

Erkelenz – „Klimaterroristen“ ist das Unwort des Jahres 2022. Würde man den deutschen Un-Ort des Jahres 2023 wählen, wäre es wohl Lützerath. Das winzige Dorf liegt direkt am Tagebau Garzweiler, gigantische Braunkohlebagger, die aussehen wie irgendwelche Urzeitviecher aus Stahl, fressen sich Tag für Tag näher heran. Hier, wo alles flach ist, pfeift ständig der Wind und im Zwielicht werfen die Menschen lange Schatten. Seit zwei Jahren harrten hier Aktivistinnen und Aktivisten aus, um den Ort vor dem Abriss durch RWE zu verteidigen. Der Energiekonzern ist nun dabei, Lützerath abzureißen, um die Kohle darunter abzubaggern. Und weil er den Abraum braucht, um die Tagebau-Böschungen zu befestigen.

Lützerath: Polizei räumt das Dorf

Noch vor wenigen Wochen lebten rund 100 Menschen hier in Baumhäusern, Zelten und in verlassenen Häusern. Zwischenzeitlich waren es mehrere Hundert, bevor es zur Räumung kam. Nach Ansicht des Verfassungsschutzes waren darunter auch gewaltbereite Linksextremisten. „Wir sehen, dass bundesweit auch gewaltbereite Linksextremisten gegen die Räumung mobilisieren und sich bereits vor Ort sammeln. Teils wird zu militanten Aktionen aufgerufen“, sagte der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang und warnte vor Ausschreitungen in Lützerath.

Das mit den Ausschreitungen bewahrheitet sich: Schon nach einem Konzert der Kölner Band AnnenMayKantereit war es zu Steinewürfen auf Polizisten gekommen. Am ersten Tag der Räumung flog ein Molotowcoktail in Richtung der Einsatzkräfte. Jetzt ist die Räumung von Lützerath vorbei, Dutzende Polizeiwagen waren vor Ort, mehr als 3000 Beamte räumten das Dorf.

Das sind „Klimaterroristen“ in Lützerath, sagen manche. Das andere Narrativ: Eigentlich wollen die doch nur einen bunten, friedlichen Protest. Wie ticken die Menschen, die Lützerath so vehement verteidigt haben und nun noch weitere Aktionen starten?

Lützerath-Besetzer: Vergleich mit Terroristen hinkt

Besetzer mit Sturmhauben in Lützerath
Wenn Menschen von außerhalb kommen, vermummen sich viele Besetzerinnen und Besetzer in Lützerath. © Peter Sieben

Der Vergleich mit Terroristen hinkt. Für das Wort gibt es eine klare Definition. Laut Resolution 1566 des UN-Sicherheitsrates sind „terroristische Handlungen solche, die mit Tötungs- oder schwerer Körperverletzungsabsicht oder zur Geiselnahme und mit dem Zweck begangen werden, einen Zustand des Schreckens hervorzurufen, eine Bevölkerung einzuschüchtern oder etwa eine Regierung zu nötigen, und dabei von den relevanten Terrorismusabkommen erfasst werden“. Auf die Lützerath-Besetzer trifft das nicht zu. Ihr oberstes Ziel war: Das Dorf bis Mitte Februar zu verteidigen und die Räumung verhindern. Dann endet die Rodungssaison und RWE hätte den Ort nicht mehr ohne Weiteres abreißen können.

Die Situation sei anders als im Hambacher Forst, wo seinerzeit der Protest eskalierte, hieß es schon im Vorfeld der Räumung immer wieder: „Im Vergleich zur Situation im Hambacher Forst sehen wir einen Unterschied in der Zusammensetzung der Protestgruppen. In Lützerath sind die Gruppen viel bürgerlicher geprägt“, so Andreas Müller von der Polizei Aachen. Das sogenannte Aktionsbündnis „Lützerath unräumbar“, das sich in den letzten Tagen von Lützerath zusammengeschlossen hat, ist sehr heterogen: „Fridays for Future“ ist dabei und auch „Alle Dörfer bleiben“, ein Bündnis, dass Braunkohledörfer retten will. Aber auch radikalere Gruppen wie „Ende Gelände“ oder „Extinction Rebellion“ mischen mit.

Insgesamt war die Einschätzung der Polizei nach einigen Tagen der Räumung: Der Protest lief nach einigen extremen Szenen vor allem am ersten Tag verhältnismäßig ruhig und geordnet ab. Viele wollten einen gewaltfreien Protest. Indes erhoben die Aktivisten schwere Vorwürfe: Es habe unverhältnismäßige Polizeigewalt gegeben, viele schwer Verletzte – ein Mensch sei gar lebensgefährlich verletzt worden. Die Polizei dementierte das – einige der Vorwürfe stellten sich im Nachhinein in der Tat als falsch heraus. Was genau passiert ist, ist allerdings nach wie vor nicht abschließend geklärt.

Steinwürfe auf Polizisten: Die Lützerath-Besetzer sind keine friedlichen Protestler

Nur friedlich, nur symbolhaft war der Protest in Lützerath nicht, jedenfalls nicht für jeden aus dieser heterogenen Gemeinschaft. Fragt man die Besetzer nach den Steinewürfen, ist die Antwort meist: Davon haben sie nichts mitbekommen. Eine Aktivistin aber äußerte Verständnis: „Ich verstehe, wenn Menschen wütend sind und sich wehren.“ Denn es gebe ja auch Gewalt vonseiten der Polizei gegen die Demonstrierenden, wenn die Beamten etwa Blockaden auflösen oder Hochsitze räumen.

„Wir sind weiterhin bereit, unsere körperliche Unversehrtheit zu riskieren, um Lützerath zu beschützen,“ sagte die Aktivistin, als Lützerath noch stand. Das hörte man oft von Menschen aus dem Besetzercamp in Lützerath: Man wolle das Dorf mit den eigenen Körpern verteidigen. Man werde nicht weichen. Man werde kämpfen mit Mitteln des zivilen Ungehorsams. Das war der Tenor, schon lange bevor weitere Aktivisten aus anderen Städten ins Dorf strömten.

„Bulle? Verpiss dich“: Das Feindbild ist klar

Wer sich im Dorf umschaute, entdeckte Kritzeleien an Hauswänden wie: „Cops killen“. Und auf das Ortsausgangsschild hatte jemand mit Filzstift „Bulle? Verpiss dich“ geschrieben. Es gibt klare Feindbilder bei einigen der Besetzer.

Viele der Aktivisten sehen Lützerath nicht nur als Symbol, sondern als reale und geographische 1,5-Grad-Grenze: Wenn die Kohle unter dem Ort verfeuert wird, kann Deutschland nicht mehr garantieren, seinen Beitrag zur Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad zu leisten. Das deckt sich zumindest mit Studien unter anderem vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, die zu dem Schluss kommen, dass Deutschland die Kohle unter Lützerath nicht benötigt, um die Energieversorgung zu sichern.

Unterstützung auch von radikaler Umweltbewegung

Manchen der Besetzerinnen und Besetzern geht es um mehr. Eine Sprecherin erzählt, dass man neue Gesellschaftsformen probiert habe, dass die Konsumgesellschaft nicht mehr funktioniere und die Menschheit auch ohne fossile Brennstoffe überleben könne. Zum Beispiel mithilfe von Solarenergie.

Kurz vor der Räumung gab es einen Video-Workshop mit dem Kanadier Aric McBay in Lützerath. Er ist Mitgründer der radikalen Umweltbewegung Deep Green Resistance (DGR). DGR geht davon aus, dass die Industriezivilisation das Leben auf der Erde gefährdet und deshalb grundlegend reformiert und im Zweifel abgeschafft werden muss. Auch gegen den Willen der Mehrheitsgesellschaft und im Zweifel auch mit Mitteln, die nicht pazifistisch sind.

Viele der Lützerath-Aktivisten haben konkrete Ziele

Ein Gedankengut, das ganz sicher nicht alle in Lützerath teilen, über das aber sicher diskutiert wird. Und das eine Rolle spielt bei den Vorbereitungen, die die Aktivisten vor der Räumung getroffen haben: Barrieren errichten, Gräben ausheben, Hochsitze bauen und dort stundenlang ausharren bei Wind und Wetter. Die meisten im Dorf sind unter 30, Idealistinnen und Idealisten, die die Welt retten wollen. Und die eine Heimat verlieren, während Lützerath abgerissen wird.

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