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Leopard 2: Einblicke in den Panzer, der bald von NRW in die Ukraine rollt

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Von: Marvin K. Hoffmann

Hauptmann Matthias M., Chef der 2. Kompanie des Panzerbataillons 203, erklärt wa.de-Reporter Marvin K. Hoffmann die Funktionsweise des Kampfpanzers Leopard 2, beide stehen auf dem Dach des Panzers.
Hauptmann Matthias M., Chef der 2. Kompanie des Panzerbataillons 203, erklärt wa.de-Reporter Marvin K. Hoffmann die Funktionsweise des Kampfpanzers Leopard 2. © Robert Szkudlarek

Bundeswehr-Panzer aus NRW sollen der Ukraine im Kampf gegen Russland helfen. Der Leopard 2 wirkt von außen wie ein Ungetüm – doch wie gut ist er wirklich?

Augustdorf – Die Sonne blendet die Besucher der Kaserne in Augustdorf, einer kleinen Gemeinde in NRW etwa 30 Kilometer südöstlich von Bielefeld, an diesem frühlingshaften Tag. Soldaten in Flecktarn mit schwarzen G36-Gewehren vor der Brust oder locker an der Hüfte baumelnd spazieren umher, nehmen kurz Haltung an, um einen Vorgesetzten zu grüßen und ziehen dann in Kleingruppen ihrer Wege. Vereinzelt sind leise Schüsse in der Ferne zu hören. Surreal wirkt die gesamte Szenerie, rüstet das Panzerbataillon 203 der Deutschen Bundeswehr doch gerade Leoparden für den Krieg in der Ukraine. Fast ferienlagerartig reihen sich die verklinkerten Baracken der Soldaten aneinander. Ein eigenartiger Frieden liegt über dem Gelände, eine groteske Stille. Dann wird es laut.

PanzertypLeopard 2 A6 A1
MaßeLänge 10.970 mm / Breite 3.790 mm / Höhe 3.030 mm
Leistung/Höchstgeschwindigkeit1.103 kW bzw. 1.500 PS / bis zu 68 km/h
Antrieb12-Zylinder-Diesel MTU MB 873
Gewicht62 Tonnen
Reichweiteca. 500 km Straßenfahrt und ca. 161 km im Gelände
Bewaffnung120-mm-Glattrohrkanone mit 42 Schuss / zwei MG3 mit 4.750 Schuss
Schussweite2.500 Meter (bis zu 4.000 Meter sind möglich)

Der Leopard brüllt. Das Ungetüm aus Stahl rollt langsam heran über die breiten, teils rissigen Betonplatten, die die Paradestraße der Kaserne in Augustdorf bilden. Ein erster Vorgeschmack auf das, was in ihm lauert. Oberstleutnant Jörn D. (Anm. d. Red.: Um die Soldaten zu schützen, werden wir nicht die vollen Namen nennen), stellvertretender Bataillonskommandant des Panzerbataillons 203 in Augustdorf, kämpft mit Drillplatz geübter Stimme gegen den Lärm an.

Leopard-Panzer für die Ukraine kommen aus Nordrhein-Westfalen

„Die Geräusche und Bewegungen, die Sie heute hier im Hintergrund wahrnehmen, haben schon mit den Vorbereitungen für die Panzer-Abgabe an die Ukraine zu tun“, erklärt der Oberstleutnant im Gespräch mit wa.de und übertönt das Gebrüll des 1.500 PS starken Motors. Sein Bataillon wird 14 Kampfpanzer stellen, die der Ukraine im Kampf gegen die russische Invasion einen Vorteil bringen sollen. Der Berufssoldat erklärt in den nächsten Stunden haargenau die Vorzüge der Superwaffe, die – auf sich allein gestellt – gar keine ist, und gewährt Einblicke, die wohl nur die wenigsten erhalten.

Das Panzerbataillon 203 in Augustdorf

1956 wurde das Panzerbataillon 203 als Panzergrenadierbataillon 13 im schleswig-holsteinischen Schleswig aufgestellt. Ab 1957 war der Verband im nordrhein-westfälischen Hemer stationiert. Nach mehreren Umbenennungen und Umgliederung zum Panzerbataillon zog die Truppe geschlossen in die Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne nach Augustdorf in Nordrhein-Westfalen um.

Das Bataillon hat circa 600 Angehörige in insgesamt sechs Kompanien. Eine davon, die „2. Kompanie“ unter der Leitung von Hauptmann Matthias M., gibt nun ihre 14 Leopard-Panzer an die Ukraine ab. Wann und wie viele als Ersatz beschafft werden können für die Bundeswehr, ist noch unklar.

Viel Pathos schwingt mit, wenn Oberstleutnant D., ausgestattet mit reichlich Anführer-Charisma, von „seinen“ Panzern und Kameraden spricht. „Eine Besatzung ist eine kleine Kampfgemeinschaft“, sagt er und wird nicht müde zu betonen: „Eine Besatzung. Ein Team. Ein Panzer. Nur gemeinsam können es Soldaten schaffen, dass der Leopard seine volle Wirkungskraft entfaltet.“ Alleine würde auch ein Leopard-Kampfpanzer nicht viel ausrichten können.

2. Kompanie des Panzerbataillons 203 (Augustdorf, NRW) gibt 14 Leopard-Panzer an Ukraine ab

Hauptmann Matthias M., Chef der 2. Kompanie des Panzerbataillons 203, die die 14 Leopard-2-Panzer an die Ukraine abtritt, kennt diese Wirkungskraft nur zu gut. Blind kann er die zahlreichen Tasten und Knöpfe im Innern der Bestie bedienen.

Mittlerweile ist es ruhiger geworden, der brüllende Leopard ist – versorgt mit frischem Diesel in seinem über 1.100 Liter fassenden Tank – wieder von dannen gezogen. „Folgen Sie mir bitte“, sagt Hauptmann M. und klettert über ein rollbares Leiter-Gestell aus Aluminium auf einen Leopard-Panzer. „Auf die angerauten Flächen können Sie bedenkenlos treten, fassen Sie aber bitte nicht die Waffen oder die Optik an, die ist speziell beschichtet und würde sonst beschädigt werden“, lautet seine Anweisung. Verstanden.

Mehr als 60 Tonnen Stahl befinden sich nun unter unseren Füßen. Zum Vergleich: So viel wiegen ungefähr zehn ausgewachsene Elefantenbullen. Zwei Luken bilden den Eingang in die hoch technologisierte Killer-Maschine. „Stunden, Tage, manchmal Wochen harren die Kameraden in einer Gefechtssituation da unten aus und warten auf den Feind“, erklärt der Hauptmann. Dann geht es oft ganz schnell, ein Panzerkampf benötigt nicht viel Zeit bis zur tödlichen Entscheidung.

Gute Ausbildung der Mannschaft legt Grundstein für erfolgreichen Kampf mit Leopard 2

Kompaniechef M. nimmt sich Zeit, weiß auf jede Frage die richtige Antwort. Nicht alles darf er dabei verraten. Wie dick ist die Panzerung? „Ausreichend“, lautet die knappe Antwort. Welche Probleme könnte der Leopard im ukrainischen Gelände bekommen? „Ich war selbst noch nicht vor Ort“, meint er. Können wir über die Schwächen sprechen? „Es kommt auf die Soldaten an, die den Panzer steuern“, sagt er.

Das Innere eines Leopard-Panzers, der bald schon in der Ukraine zum Einsatz kommen soll: Es wird eng.
Das Innere eines Leopard-Panzers, der bald schon in der Ukraine zum Einsatz kommen soll: Es wird eng. © Robert Szkudlarek

Eine gute Ausbildung der vierköpfigen Mannschaft – Kommandant, Kraftfahrer, Richtschütze und Ladeschütze – legt den Grundstein für einen erfolgreichen Panzerkampf. Der Hauptmann führt einen Ladevorgang vor. Mit dem linken Ellenbogen drückt er einen Hebel zurück, hinter ihm rutscht eine Schiebetür aus Stahl auf, er entnimmt in einer fließenden Drehbewegung eines der bis zu 13 Kilogramm schweren Geschosse und schiebt es wie einen Torpedo in das Geschützrohr. Ein paar Knöpfe drücken. Fertig. Bereit, um den Feind in Stücke zu zerreißen. Gerade einmal 15 Sekunden würden in einem Gefecht ausreichen, um Leben auszulöschen – ein Fehlschuss dabei schon einberechnet. Ein bedrückendes Gefühl.

15 Geschosse befinden sich in diesem „Munitionsdepot“ hinter der Schiebetür, 27 weitere lagern geschützt in der stählernen Wanne des Leoparden. So soll verhindert werden, dass die Geschosse, die im Falle eines feindlichen Treffers explodieren könnten, im Innenraum ihre verheerende Kraft entfalten und die eigene Besatzung töten. „Sehen Sie die Bohrungen oben? Sollbruchstellen. Gefechtserprobt“, sagt Hauptmann M. Die Wucht der Explosion soll im Falle eines Treffers also durch das „Dach“ der Leoparden entweichen.

Die Effektivität hat der Leopard-Panzer schließlich nicht nur seiner ihn steuernden Soldaten zu verdanken. Die Technik sucht ihresgleichen. Allen voran die 120-Millimeter-Glattrohrkanone aus dem Hause Rheinmetall. Oberstleutnant D. übernimmt wieder die Erklärung: „Aufgrund der Bauart baut sich mehr Druck im Rohr auf, und die Geschosse sind viel schneller als bei anderen Panzern. Das hier ist das Nonplusultra.“

Folgenschwer sind daher auch die Treffer eines Leoparden. Hat er sein Ziel einmal anvisiert, dauert es bis zur totalen Vernichtung oft nur Sekunden. Der Richtschütze sitzt dabei direkt vor dem Kommandanten, etwas tiefer noch in der mit allerlei Gerät vollgestopften Stahl-Höhle. Grün zeichnet sich die Landschaft durch die Optik ab, ein weißes Objekt nähert sich dem Sichtbereich im Trainingssimulator: Feindpanzer.

Ein Knopfdruck reicht, um mit einem Leopard-Panzer den Feind auszulöschen

Der Kommandant stellt auf 12-fache Vergrößerung. Mithilfe der sogenannten „Richtschützensteuereinrichtung“, eine Art Lenkrad mit Tasten und Knöpfen, wird das Ziel mittig anvisiert. „Spüren Sie die Taste an Ihrem Handballen?“ Ja. „Betätigen Sie mit dem Zeigefinger nun den kleineren Knopf, um zu feuern.“ Erledigt. „Treffer.“

Oberstleutnant Jörn D. steht neben einem Leopard-Panzer.
Oberstleutnant Jörn D. erklärt die Vorzüge eines Leopard-Panzers © Robert Szkudlarek

In der grünen Landschaft breitet sich Rauch aus. Feind vernichtet. Per Knopfdruck. Die Hässlichkeit des Krieges steckt in dieser kleinen Bewegung. Mensch und Maschine führen ihn. Stahl gegen Fleisch und Knochen. Den Treffer hätte wohl keines der feindlichen Besatzungsmitglieder – Ehemänner, Väter, Söhne, Brüder – überlebt. Zu mächtig sind die Kräfte, die dort wirken.

Bewaffnet ist der Leopard mit zwei Geschossarten. Mit „High Explosive“-Geschossen (HE-Munition) kann der Kampfpanzer leichte Fahrzeuge, Infanterie oder auch Bunker zerstören. „Bei schweren Panzern nutzen wir sogenannte KE-Munition“, erklärt Oberstleutnant D. „KE“ steht für „kinetische Energie“. Das Geschoss erinnert im Flug an einen überdimensionalen Dartpfeil, daher bekommt es auch die nötige Stabilität und beschleunigt auf 2000 Meter pro Sekunde. „Trifft das Geschoss auf die Panzerung, ist die Energie des daumengroßen Aufpralls vergleichbar mit der eines fahrenden Zuges. Druck und Hitze sind enorm“, sagt der stellvertretende Bataillonskommandant. Das Innere des Feindpanzers würde sich in eine tödliche Falle aus Splittern verwandeln.

Leopard-Panzer aus Deutschland sollen der Ukraine gegen russische Übermacht helfen

Nun sollen die Leopard-Panzer diese Wirkung auf Seiten der Ukraine gegen die russischen Invasoren entfalten. Die von den Verteidigern langersehnte Panzer-Lieferung wurde unlängst genehmigt. Begeistert ist die Truppe dem Vernehmen nach nicht, dass sie ihre Fahrzeuge abgeben muss. „Wir sind uns aber der Notwendigkeit bewusst und die Bundesregierung hat so entschieden“, sagt Hauptmann M. auf Nachfrage von wa.de. Befehl ist eben Befehl. Stolz schwingt in seiner Stimme mit, wenn er von seinen Gefährten und den Panzerfahrten bei Manövern berichtet. Er sei aus einer Überzeugung heraus Soldat geworden. Die Leopard-Panzer sind sein Leben. Bald schon aber werden sie viele nehmen.

Unterdessen scheint in Augustdorf weiter die Sonne, alles geht seinen geregelten Gang. Der Krieg ist zum Alltag geworden. Nicht in Afghanistan, Syrien und der Ukraine – sondern auch in Deutschland.

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