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„Letzte Generation“ besprüht RWE-Zentrale in Essen – weitere Aktionen angekündigt

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Von: Peter Sieben

RWE Campus Essen
Aktivisten der „Letzten Generation“ haben mit einer Aktion an der RWE-Firmenzentrale in Essen unter anderem gegen den Abriss von Lützerath protestiert. © Fabian Strauch/dpa

Erstmals tritt die „Letzte Generation“ in Essen auf den Plan: Aktivisten besprühten die RWE-Zentrale und protestierten gegen den Abriss von Lützerath.

Essen – Sie kleben sich an Kunstwerken fest und blockieren Straßen: Die sogenannte Protestbewegung „Letzte Generation“ sorgt seit Monaten für Schlagzeilen. Am Samstag (10. Dezember) wurden Mitglieder der Bewegung erstmals in Essen öffentlichkeitswirksam aktiv: Ein Video zeigt, wie zwei Personen die Fassade der RWE-Zentrale an der Altenessener Straße mit einem orangefarbenen Schaum oder Farbe besprühen. Die Aktion hängt direkt mit der für Januar geplanten Räumung des Ortes Lützerath zusammen.

Protest gegen Lützerath-Abriss: „Letzte Generation“ besprüht RWE-Zentrale in Essen

„Unser Protest muss unignorierbar sein, damit er Gehör findet“, sagt eine junge Frau im Video, die zusammen mit einem Mann ein Transparent mit der Aufschrift „Was, wenn die Regierung das nicht im Griff hat?“ in den Händen hält. In München seien Menschen in Präventivhaft, weil sie auf die Klimakrise aufmerksam gemacht haben, so die Frau im Video: „Wir müssen uns jetzt gerade die Frage stellen: Wer sind die wahren Kriminellen?“

Polizei nimmt zwei Personen in Gewahrsam

Nach der Aktion an der RWE-Zentrale in Essen sind zwei Menschen festgenommen worden, so ein Sprecher der Polizei Essen gegenüber 24RHEIN. „Eine 23 Jahre alte Dame und ein Herr über 50 waren vorübergehend in Gewahrsam.“ Nachdem die Personalien aufgenommen wurden, konnten sie wieder gehen. Gegen sie läuft nun ein Verfahren wegen Verstoßes gegen das Versammlungsrecht. „Wahrscheinlich wird der Staatsschutz ermitteln, denn die Aktion hatte den Charakter einer politischen Meinungskundgebung“, so der Polizeisprecher.

Was für eine Substanz die Aktivisten an die Fassade gesprüht haben, sei noch unklar. „Wenn es Schäden am Mauerwerk gab, sind auch zivilrechtliche Ansprüche denkbar“, so der Polizeisprecher.

Via Twitter schreibt die „Letzte Generation“ dazu: „Neuer Anstrich bei RWE. Die Regierung setzt weiter auf fossile Brennstoffe und lässt Lützerath zerstören. Die reichen Fossilkonzerne wie RWE machen dabei Riesenprofite, während die Bevölkerung unter krassen Preisen leidet. All das mitten im Klimanotfall.“

Lützerath soll im Januar 2023 geräumt und zerstört werden

Lützerath liegt im Rheinischen Braunkohlerevier an der Grenze zum RWE-Tagebau Garzweiler II. Der Energiekonzern RWE will den Tagebau erweitern und die Kohlevorkommen unter Lützerath abbaggern. Dazu soll der Ort abgerissen werden. Im Oktober erst hatten sich die grün geführten Wirtschaftsministerien von Bund und Land NRW mit RWE auf den Kohleausstieg 2030 verständigt.

Tagebau Garzweiler: Warum ganze Dörfer abgerissen werden

► 1983 entstand der Braunkohlentagebau Garzweiler als Zusammenschluss der schon existierenden Abbaufelder Frimmersdorf-Süd und Frimmersdorf-West. Der Energiekonzern RWE baut hier pro Jahr 35–40 Millionen Tonne Braunkohle ab.

► Die Braunkohle, die für die Energiegewinnung in Kohlekraftwerken verwendet wird, liegt manchmal auch unter Ortschaften. Wenn es zur Sicherung der Energieversorgung notwendig ist, müssen die Ortschaften weichen. Die Einwohner werden dann umgesiedelt, die Dörfer abgerissen.

► Die fünf Ortschaften Keyenberg, Kuckum, Unterwestrich, Oberwestrich und Berverath am Tagebau Garzweiler sollten auch zerstört werden. Doch im Koalitionsvertrag der schwarz-grünen NRW-Landesregierung wurde beschlossen, dass die Orte stehen bleiben.

► Lützerath hingegen soll im Januar 2023 abgerissen werden.

Die Dörfer Keyenberg, Kuckum, Oberwestrich Unterwestrich und Berverath, denen bereits der Abriss drohte, bleiben demnach erhalten. Lützerath hingegen muss weichen, mehrere Gebäude sind längst dem Erdboden gleichgemacht. Aktivistinnen und Aktivisten halten den Ort derweil besetzt und wollen den Abriss verhindern. Rund 150 Menschen wohnen in den verlassenen Gehöften und in Baumhäusern – und Lützerath ist damit zum Symbol von Klimaaktivistinnen und Klimaaktivisten geworden. Zuletzt hatte RWE den Ort vom Strom getrennt, die Besetzer wollen nun mithilfe von Solarpanelen eigenen Strom erzeugen.

Abriss von Lützerath: Stadt Erkelenz stellt sich quer

Im Januar 2023 will NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) Lützerath räumen lassen. Doch das gestaltet sich schwieriger als erwartet. Denn Reuls Parteikollege Stephan Muckel stellt sich quer: Der Bürgermeister von Erkelenz weigert sich, die Aachener Polizei für die Räumung von Lützerath um Vollzughilfe zu bitten. „Grundsätzlich ist die Stadt Erkelenz gegen den Tagebau“, heißt es aus dem Rathaus. RWE, Bund und Land sollten sich selbst um die Räumung kümmern.

Die „Letzte Generation“ hat via Twitter unterdessen weitere Aktionen wie in Essen angekündigt. (pen) Fair und unabhängig informiert, was in Deutschland und NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

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