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„Wetten, dass?“-Sieger hilft: Lützerath hat jetzt wieder Strom

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Von: Anna Maria Pejsek, Peter Sieben

„Wetten, dass?“-Sieger Marten Reiß am Tagebau Garzweiler in Lützerath
„Wetten, dass?“-Sieger Marten Reiß will sein Preisgeld von 50.000 Euro auch in den Erhalt von Lützerath investieren: Ein Teil des Geldes floss jetzt in die Anschaffung von Photovoltaikanlagen. © Rolf Vennenbernd/dpa

Es gibt wieder Strom in Lützerath. Greenpeace und der „Wetten, dass?“-Sieger Marten Reiß haben geholfen. Doch es bleibt kalt im Camp.

Erkelenz – Für die Bewohner von Lützerath war die Sache mit dem Wetterumschwung fast ein Segen: Endlich wird es etwas wärmer. Die letzte Woche war hart, die Temperaturen lagen im zweistelligen Minusbereich und im Camp gab es keine Heizung mehr, seit RWE den Ort vor einigen Wochen vom Stromnetz genommen hat. Vorübergehend hatten sich die Aktivistinnen und Aktivisten, die Lützerath besetzen, mit Solarpanelen beholfen, doch der Strom reichte kaum fürs Licht. Das ändert sich nun: Seit Dienstag versorgen zwei Photovoltaikanlagen das Protestcamp mit Strom.

Lützerath hat jetzt zwei Photovoltaikanlagen

„Mit dem Strom aus den Photovoltaikanlagen haben wir jetzt endlich wieder genügend Licht. Auch alle Arten von Akkus können jetzt wieder geladen werden“, erklärt Bente Opitz, Sprecherin der Initiative „Lützerath lebt“.

Zwei Menschen installieren Photovoltaikanlagen in Lützerath
Mit Unterstützung von Greenpeace haben die Aktivistinnen und Aktivisten zwei Photovoltaikanlagen im Protestcamp in Lützerath installiert. © Rolf Vennenbernd/dpa

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace half bei der Anschaffung der Photovoltaikanlagen. „Finanziell kam Greenpeace zu zwei Dritteln für die Anlagen auf, ein Drittel kommt von ‚Lützerath lebt‘“, so Opitz. Auch die Spende von „Wetten, dass?“-Wettkönig Marten Reiß fließt mit ein. Reiß hatte vor einigen Wochen in der ZDF-Show seine Wette gewonnen, bei der er mithilfe des sogenannten Kreuzblicks Fingerabdrücke erkannte. Das Preisgeld von 50.000 Euro will er für den Erhalt von Lützerath einsetzen. „Ich habe nur die Spende gemacht, ich kriege nicht alles mit, aber ich weiß, wo es fehlt und was gebraucht wird“, so Reiß auf Nachfrage

Lützerath weiterhin ohne Heizung

Strom ist also wieder da, aber Wärme fehlt weiterhin. „Die Heizöfen können wir mit der Anlage nicht betreiben“, so Opitz. Aktuell ist es auszuhalten – doch die nächste Kältewelle steht bevor, sagen die Meteorologen.

Weichen wollen die Besetzer aber nicht. Zwischen 100 und 150 Aktivistinnen – mal sind es mehr, mal weniger – besetzen die leerstehenden Häuser in Lützerath oder leben in Baumhäusern und Zelten, um den Ort vor dem Abriss durch RWE zu retten. Der Energiekonzern will an die Braunkohle unter dem Weiler, der zur Stadt Erkelenz gehört. Im Januar soll das Camp von der Polizei geräumt werden.

Mona Neubaur musste viel Kritik wegen RWE-Entscheidung einstecken

Mit ihren Körpern wollen sie Lützerath verteidigen, wie Camp-Bewohnerin Ronni Zepplin es ausdrückt. „Wir wollen im Modell zeigen, dass ein Leben auch ohne Energie aus Kohle oder Atomstrom möglich ist.“

Tagebau Garzweiler: Warum ganze Dörfer abgerissen werden

► 1983 entstand der Tagebau Garzweiler als Zusammenschluss der schon existierenden Abbaufelder Frimmersdorf-Süd und Frimmersdorf-West. Der Energiekonzern RWE baut hier pro Jahr 35–40 Millionen Tonne Braunkohle ab.

► Die Braunkohle, die für die Energiegewinnung in Kohlekraftwerken verwendet wird, liegt manchmal auch unter Ortschaften. Wenn es zur Sicherung der Energieversorgung notwendig ist, müssen die Ortschaften weichen. Die Einwohner werden dann umgesiedelt, die Dörfer abgerissen.

► Die fünf Ortschaften Keyenberg, Kuckum, Unterwestrich, Oberwestrich und Berverath am Tagebau Garzweiler sollten auch zerstört werden. Doch im Koalitionsvertrag der schwarz-grünen NRW-Landesregierung wurde beschlossen, dass die Orte stehen bleiben.

► Lützerath hingegen soll 2023 geräumt werden, so sieht es die Einigung zwischen den grün geführten Wirtschaftsministerien von Bund und Land auf der einen und RWE auf der anderen Seite vor.

Ein Symbol, das auch in Richtung Politik gerichtet ist: Im Rahmen des vorgezogenen NRW-Kohleausstiegs bis 2030 verkündete die schwarz-grüne Landesregierung, dass fünf Dörfer nahe dem Tagebau Garzweiler II nun doch nicht abgerissen werden. Doch Lützerath soll zerstört werden. Wegen der Energiekrise sei das alternativlos, ein Erhalt von Lützerath aus energiewirtschaftlicher und Tagebau-planerischer Sicht nicht möglich, so NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur.

Dafür musste die Grünen-Politikerin viel Kritik einstecken. Zumal ein Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern jüngst in einer Studie zu dem Schluss gekommen ist, dass die Kohle unter Lützerath gar nicht gebraucht wird, um die aktuelle Energiekrise zu überbrücken. Aber RWE braucht nicht nur die Kohle unter dem Ort, sondern vor allem auch gewaltige Mengen an Abraum, um die Böschungen der Tagebau-Gruben zu stabilisieren und die Landschaft zu rekultivieren, wie es vertraglich vorgesehen ist. Häufig werden aus ehemaligen Tagebau-Anlagen Seelandschaften, wie etwa in Hambach, wo der zweitgrößte See Deutschlands entstehen wird. (amp, pen)

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