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RWE dreht Lützerath den Strom ab – dann brennt es immer wieder im Tagebau Garzweiler

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Von: Peter Sieben

Camp in Lützerath
Das Camp der Klimaaktivisten in Lützerath: RWE hat das Dorf vom Strom getrennt. Danach brannte es mehrfach. © Peter Sieben

Die Situation in Lützerath spitzt sich allmählich zu. RWE hat die Aktivisten vom Stromnetz abgetrennt, der Schritt sei wegen des Rückbaus notwendig. Die Protestierenden sprechen von einer neuen Eskalation.

Köln – Plötzlich ist der Strom in Lützerath weg. Und die Aufregung bei den Klimaaktivisten im besetzten Dorf am Tagebau Garzweiler II ist groß. Hektisch werden Versammlungen einberufen. „Mist, ich hätte heute morgen nochmal duschen sollen“, sagt eine junge Frau. Nachts rutschen die Temperaturen in den Minusbereich und in den Baumhäusern und zwischen den zugigen Hofgemäuern, die jetzt mit Parolen und Graffiti übersät sind, ist es schon jetzt zugig und kalt. Ohne Strom wird es für die rund 150 Besetzer in Lützerath wohl noch härter.

Lützerath hat keinen Strom mehr: Eisige Temperaturen im Aktivisten-Camp

„Wir haben bislang Heizöfen genutzt, die fallen jetzt weg“, sagt Ronni Zepplin, Sprecherin der Initiative „Lützerath lebt“, die die geplante Lützerath-Räumung verhindern will. Vorerst behelfe man sich mit Lagerfeuern und Kerzen. Viele von ihnen wohnen schon seit Monaten und länger in Lützerath, direkt am Rand der gigantischen Grube des Tagebaus Garzweiler.

Der kleine Weiler Lützerath ist längst zum Symbol des Protests gegen den Braunkohletagebau in NRW geworden. Energiekonzern RWE will seinen Tagebau Garzweiler II ausweiten, um an die Kohle unter dem Ort, der zur Stadt Erkelenz gehört, zu gelangen. Die ursprünglichen Bewohner mussten inzwischen alle umsiedeln.

Innenminister Reul will Lützerath in einem „Gesamteinsatz“ räumen lassen

Die Aktivistinnen und Aktivisten wollen das Dorf vor dem Abriss bewahren. Im Januar soll das Camp nach dem Willen von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) in einem „Gesamteinsatz“ geräumt werden. Die Besetzer bereiten sich derweil mit Barrikaden und Gräben darauf vor – und haben Widerstand angekündigt: „Wir werden um Lützerath kämpfen, wie wir den Hambacher Wald verteidigt haben. Wer Lützerath angreift, wird einen hohen Preis zahlen.“

Die Polizei war erst vor wenigen Tagen in Lützerath, Beamte tauchten in voller Montur mit Helm und Schutzschild auf. Man habe die Lage sondieren wollen, so die Polizei. Die Aktivisten wiederum vermuten eine „Machtdemonstration“. Am Dienstag hat RWE – der Feind der neuen Lützerather – den Strom abgestellt. Das Energieunternehmen sagt: Wegen Rückbauarbeiten im Vorfeld des Tagebaus habe man die ehemalige Siedlung Immerath vom Netz getrennt – auch Lützerath sei davon betroffen.

Klimaaktivisten in Lützerath sprechen von „neuer Eskalationsstufe“

Die Klimaaktivisten wiederum sprechen von einer Eskalation des Konflikts. „Die haben sogar die Kabel komplett weggerissen“, sagt Ronni Zepplin. „Derzeit haben wir eine Solarpanele, jetzt bauen wir weitere auf, um das Dorf mit Strom zu versorgen. Auch, um zu zeigen, dass man keine Baunkohle für Energie braucht.“

Tagebau Garzweiler: Warum ganze Dörfer abgerissen werden

1983 entstand der Braunkohlentagebau Garzweiler als Zusammenschluss der schon existierenden Abbaufelder Frimmersdorf-Süd und Frimmersdorf-West. Der Energiekonzern RWE baut hier pro Jahr 35–40 Millionen Tonne Braunkohle ab.

Die Braunkohle, die für die Energiegewinnung in Kohlekraftwerken verwendet wird, liegt manchmal auch unter Ortschaften. Wenn es zur Sicherung der Energieversorgung notwendig ist, müssen die Ortschaften weichen. Die Einwohner werden dann umgesiedelt, die Dörfer abgerissen.

Die fünf Ortschaften Keyenberg, Kuckum, Unterwestrich, Oberwestrich und Berverath am Tagebau Garzweiler sollten auch zerstört werden. Doch im Koalitionsvertrag der schwarz-grünen NRW-Landesregierung wurde beschlossen, dass die Orte stehen bleiben.

Lützerath hingegen soll 2023 abgerissen werden.

Derweil brannte es zweimal auf dem Gelände des RWE-Tagebaus Garzweiler. Das erste Mal noch in der Nacht nach der Stromabschaltung in Lützerath. Die Polizei Aachen meldete, dass unbekannte Täter am Dienstagabend (6. Dezember) eine Trafostation und mehrere Stromkabel am Tagebau Garzweiler in Brand gesetzt und dadurch erheblichen Schaden verursacht haben. Der RWE-Werkschutz hatte das erste Feuer demnach gegen 22:30 Uhr gemeldet, das zweite sei um kurz nach Mitternacht entdeckt worden. Die Werksfeuerwehr konnte die Brände löschen.

Wenige Tage später, am Freitagabend, brannte ein Stromkasten in Lützerath. Dabei entstand Sachschaden in fünfstelliger Höhe, heißt es bei der Polizei. Der RWE-Sicherheitsdienst und die Feuerwehr hatten das Feuer demnach gegen 22 Uhr gemeldet.

Nachts brennt es im Tagebau Garzweiler

Eine Retourkutsche von Klimaaktivisten oder von Sympathisanten? „Wenn man eins und eins zusammenzählt, liegt das vielleicht nahe“, so eine Sprecherin der Polizei Aachen. Konkrete Hinweise gebe es aber nicht. Die Kripo hat die Ermittlungen aufgenommen. Bei „Lützerath lebt“ weiß man nichts von einem Brand. „Davon habe ich nichts mitbekommen“, sagt Sprecherin Ronni Zepplin.

Unterdessen ist ein Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern jüngst in einer Studie zu dem Schluss gekommen, dass die Kohle unter Lützerath gar nicht gebraucht werde, um die aktuelle Energiekrise zu überbrücken. Allerdings benötigt RWE neben der Kohle auch gewaltige Mengen an Erde, um an anderer Stelle Restlöcher zu verfüllen, Böschungen zu stabilisieren und die Landschaft zu rekultivieren, wie es vertraglich vorgesehen ist. So sollen aus den Tagebaulöchern häufig Seelandschaften werden, wie etwa in Hambach, wo der zweitgrößte See Deutschlands entstehen wird. (pen) Fair und unabhängig informiert, was in Deutschland und NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

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