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Warum neben Lützerath jetzt ein zweites Protestcamp am Tagebau Garzweiler entsteht

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Von: Peter Sieben

Plastikstühle in Lützerath am Tagebau Garzweiler II
Protestcamp am Abgrund: Lützerath liegt direkt am RWE-Tagebbau Garzweiler II. © Peter Sieben

Im Januar soll die Polizei Lützerath räumen. Dort leben 150 Besetzer, ihre Aktion ist illegal. Jetzt ist ein zweites Camp im benachbarten Keyenberg geplant.

Erkelenz – Der Abgrund ist direkt nebenan. Und egal, wie oft man ihn schon gesehen hat: Man wird bei seinem Anblick jedes Mal aufs Neue eine Gänsehaut bekommen. Kilometerweit zieht sich das graubraune Nichts bis zum Horizont, wo einst die Kirchtürme der Dörfer aufragten, die es jetzt nicht mehr gibt. Und zwischen den Schluchten stehen die riesenhaften Schaufelradbagger im Tagebau wie mechanische Dinosaurier und ringen der Erde Stück für Stück die Braunkohle ab.

RWE will Lützerath für den Tagebau Garzweiler II abreißen

Auf der anderen Seite liegt Lützerath. Oder das, was davon noch übrig ist. Der einstige Weiler, der zur Stadt Erkelenz gehört, soll den Baggern vom Tagebau Garzweiler II weichen, denn der Energiekonzern RWE will die Kohle, sie seit Jahrmillionen darunter liegt. Einige Gebäude sind längst dem Erdboden gleichgemacht, ein paar Höfe und Häuser stehen aber noch. Dazwischen leben seit gut zwei Jahren die Aktivistinnen und Aktivisten, die Lützerath vor dem Abriss bewahren wollen. Seit RWE Lützerath vom Strom getrennt hat, ist es kalt im Camp. Die Besetzer behelfen sich jetzt mit Solapanelen und Lagerfeuern.

Lützerath-Aktivistin: „Wir wollen es der Polizei so schwer wie möglich machen“

Im angrenzenden Wäldchen haben sie Baumhäuser gebaut, wie die Protestler damals im Hambacher Forst am Tagebau Hambach. Denn: Je höher die Aktivisten bauen, desto schwieriger hat es die Polizei, die das Camp räumen soll, erklärt Lützerath-Besetzerin Mara Sauer. „Wir werden es der Polizei so schwer wie möglich machen, überhaupt ins Camp hineinzukommen. Wir werden Barrikaden errichten und möglichst hohe Hindernisse bauen, was es für die Polizei noch einmal besonders schwer macht“, sagt die 25-Jährige.

Baumhäuser und gelbe Kreuze im Camp von Lützerath

Barrikaden und Bauzäune stehen auch am Ortseingang, davor gelbe Holzkreuze, das Symbol der Protestierenden. Auf Plastikstühlen sitzen sie manchmal an der Grenze zum Tagebau Garzweiler II und blicken in den Abgrund. Und mit Ferngläsern schauen sie in die Ferne oder in den Himmel, wo manchmal ein Hubschrauber kreist. Ist es die Polizei? Die Nervosität steigt im Camp, der Räumungstermin rückt näher: Um den 15. Januar herum soll es passieren. „Auf jeden Fall hat man auch Angst. Ich habe vor allem Angst davor, dass FreundInnen von mir Gewalt erleben müssen“, sagt Mara Sauer und nutzt beim Wort Freundinnen in der Mitte die Gender-Pause.

RWE darf die Fläche für den Tagebau Garzweiler II nutzen

Was die rund 150 Aktivistinnen und Aktivisten hier machen und bald vorhaben, ist nicht legal. RWE darf die Fläche nutzen und das Dorf abreißen, das ist beschlossene Sache und die Besetzung ist illegal. „Wir werden Lützerath mit unseren Körpern verteidigen“, sagt Ronni Zepplin, die ebenfalls im Camp von Lützerath lebt. Aufgeben sei keine Option, man werde nicht weichen. Das heißt: Spätestens, wenn es zur Räumung kommt, wird es zu Zusammenstößen mit der Polizei kommen, auch zu Festnahmen.

Tagebau Garzweiler: Warum ganze Dörfer abgerissen werden

► 1983 entstand der Braunkohlentagebau Garzweiler als Zusammenschluss der schon existierenden Abbaufelder Frimmersdorf-Süd und Frimmersdorf-West. Der Energiekonzern RWE baut hier pro Jahr 35–40 Millionen Tonne Braunkohle ab.

► Die Braunkohle, die für die Energiegewinnung in Kohlekraftwerken verwendet wird, liegt manchmal auch unter Ortschaften. Wenn es zur Sicherung der Energieversorgung notwendig ist, müssen die Ortschaften weichen. Die Einwohner werden dann umgesiedelt, die Dörfer abgerissen.

► Die fünf Ortschaften Keyenberg, Kuckum, Unterwestrich, Oberwestrich und Berverath am Tagebau Garzweiler sollten auch zerstört werden. Doch im Koalitionsvertrag der schwarz-grünen NRW-Landesregierung wurde beschlossen, dass die Orte stehen bleiben.

► Lützerath hingegen soll 2023 geräumt werden, so sieht es die Einigung zwischen den grün geführten Wirtschaftsministerien von Bund und Land auf der einen und RWE auf der anderen Seite vor.

Demo am Tagebau Garzweiler geplant

Derweil ruft die Initiative „Lützerath lebt“ im Internet dazu auf, am Protest teilzunehmen. Am 14. Januar ist eine große Demo am Tagebau Garzweiler II geplant. Tausende Menschen haben dort angekündigt, dass sie dabei sein und gegen den Abriss von Lützerath demonstrieren wollen. Wie viele tatsächlich kommen werden, ist unklar. Die meisten von ihnen werden aber wohl nicht den radikalen Weg ins Camp gehen, das Mitte Januar womöglich von der Polizei abgeriegelt wird.

Ab Januar wird es deshalb ein zweites Protestcamp geben, eine Ausweichmöglichkeit, sagt Mara Sauer. Das Camp soll auf einem Sportplatz im benachbarten Keyenberg errichtet werden, für all jene, die gegen den Braunkohletagebau in NRW demonstrieren, aber auf der legalen Seite des Protests bleiben wollen. (pen)

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