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Lützerath vor dem Abriss: Dorf wird zum Symbol der Klimaaktivisten

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Von: Peter Sieben, Mirjam Ratmann

Lützerath im Rheinland ist zum Symbol geworden: Seit Jahren wollen Bürgerinitiativen und Klimaaktiviten das Dorf vor dem Abriss retten. Alle Hintergründe im Überblick.

Unter dem Motto „Lützerath lebt“ und „Alle Dörfer bleiben“ versuchen Anwohnerinnen und Anwohner sowie Klimaaktivistinnen und Klimaaktivisten seit Jahren, den Energiekonzern RWE daran zu hindern, die Siedlung Lützerath im Rheinischen Braunkohlerevier abzureißen. Vorübergehend schien der kleine Weiler, der zur Stadt Erkelenz gehört, gerettet. Doch im Oktober 2022 kündigte die NRW-Landesregierung an: Lützerath wird zerstört, damit RWE die Braunkohle, die unter dem Ort liegt, abbaggern kann. 2022 verließ der letzte Lützerather sein Zuhause, aber schon 2020 hatten Protestierende ein Camp in Lützerath errichtet. Bis heute organisieren sie Mahnwachen und Demonstrationen. Im Januar 2023 soll Lützerath vollständig geräumt und abgerissen werden. Bis Februar 2023 soll die Räumung abgeschlossen sein.

OrtsnameLützerath
Gehört zuStadt Erkelenz
Einwohnerzahl heute0 (aktuell besetzen 150 Aktivistinnen und Aktivisten den Ort)
Einwohnerzahl früherEtwa 105
Geplanter AbrissAb Januar 2023

Wo genau liegt Lützerath?

Lützerath ist kleiner als ein Dorf: Die Siedlung liegt zwischen Düsseldorf, Köln und Aachen, nahe Mönchengladbach und Grevenbroich. Der Ort gehört zur Stadt Erkelenz im Kreis Heinsberg und befindet sich im Südwesten des Tagebaus Garzweiler II, direkt an der Abbruchkante. Die nächsten Autobahnen sind die A46 und die A44. Die L277 führt direkt an Lützerath vorbei. Andere Straßen, die die angrenzenden Ortschaften verbanden, sind inzwischen bereits entfernt worden. Direkt neben Lützerath liegt Immerath, das zu großen Teilen bereits abgerissen ist. Für Aufsehen sorgte dort der Abriss der „Immerather Dom“ genannten Kirche St. Lambertus.

Woher kommt der Name Lützerath?

Wie viele andere Dörfer im Rheinischen Braunkohlerevier ist auch Lützerath schon sehr alt. Erstmals wurde es 1168 urkundlich erwähnt, die Ursprünge gehen aber wahrscheinlich noch deutlich weiter zurück. Darauf deutet schon das Suffix „rath“ hin:

Ironie der Geschichte: Damit Lützerath entstehen konnte, musste viel Wald abgeholzt werden – heute will RWE roden, um Lützerath abzureißen.

Wie viele Einwohner hatte Lützerath früher?

Wie Lützerath nach der Besiedlung aussah, ist heute kaum noch zu sagen. Klar aber ist. Über Jahrhunderte blieb Lützerath klein und hatte meist unter 100 Einwohnerinnen und Einwohner. Im Jahr 1970 lag die Einwohnerzahl bei 105. 2005 wurde im Braunkohleplan festgelegt, dass Lützerath RWE und der Kohlegewinnung weichen soll. Ein Jahr später wurden die ersten Einwohnerinnen und Einwohner entschädigt und zogen weg. Ab diesem Zeitpunkt sank die Zahl derer, die Lützerath ihr Zuhause nannten, stetig.

Laut Angaben des virtuellen Museums Erkelenz waren 2008 noch 79 Einwohnerinnen und Einwohner dort ansässig, 2019 nur noch 20. Bis 2021 hielten sich drei. Es ist nicht das erste Mal, dass Menschen in dieser Ecke von NRW umgesiedelt wurden: Seit mehr als 100 Jahren werden in der Kohleregion Rheinland Gebäude abgerissen und Wälder gerodet, um dem Kohleabbau Platz zu machen.

Wer war der letzte Einwohner von Lützerath?

Der letzte Einwohner war der Landwirt Eckardt Heukamp. Er lebte auf dem denkmalgeschützten Duisserner Hof, der seit dem 13. Jahrhundert an dieser Stelle existierte. Ursprünglich war der Hof im Besitz des Zistersienserinnen-Klosters in Duisburg-Duissern, das Wohnhaus, in dem Heukamp lebte, stammt aus dem Jahr 1763. Die Geschichte des Hofs geht wohl noch weiter zurück, denn eine Erdmulde auf dem Hofgemälde lässt Historikerinnen und Historiker vermuten, dass sich hier bereits zu römischer Zeit ein antiker Tagebau befunden haben könnte.

Heukamp hatte sich juristisch lange gegen RWE gewehrt. 2022 ging der Duisserner Hof dann aber in den den Besitzvon RWE Power über. Im März 2022 gab das Oberverwaltungsgericht in Münster die Überreste von Lützerath zum Abbaggern frei. Kurz nach dem Urteil, im April 2022, nahmen mehrere Tausend Demonstrierende an einer Demo in Lützerath teil. Im Oktober verließ Eckardt Heukamp den Hof als letzter Einwohner von Lützerath. Seinen Hof hatte er zwischenzeitlich an Aktivistinnen und Aktivisten untervermietet, die jetzt in Lützerath als Besetzer leben, um den Ort vor dem Abriss zu retten.

Wer wohnt jetzt in Lützerath?

Die offizielle Einwohnerzahl von Lützerath ist Null. Doch es leben etwa 100 bis 150 Aktivistinnen und Aktivisten dort als Besetzer. Sie wohnen in den alten Häusern und Höfen, die noch stehen, oder haben Baumhäuser errichtet.

Wo sind die Bewohnerinnen und Bewohner jetzt?

Die ursprünglichen Bewohnerinnen und Bewohner von Lützerath wurden nach Neu-Immerath umgesiedelt. Auch Alt-Immerath war seit 2006 umgesiedelt und ab 2013 für den Kohleabbau rückgebaut worden. Doch nicht alle ziehen an den vorgesehenen neuen Ort um: Laut Braunkohleplan wird eine Umsiedlungsquote zwischen 50 und 80 Prozent angestrebt.

Was passiert in Lützerath?

Um Kohle zu gewinnen, begann der Energiekonzern RWE 2020 in Lützerath Pflanzen zu entfernen und Bäume zu roden. Damit sollte der Tagebau Garzweiler II schrittweise erweitert werden. Schon im Sommer 2020 errichteten Klimaaktivistinnen und Aktivisten in Lützerath ein Protestcamp direkt am Tagebau Garzweiler II: Bis heute leben sie in Baumhäusern und haben Lagerhallen und leerstehende Häuser und Höfe besetzt. Deswegen gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Polizeieinsätze mit dem Ziel, die Besetzerinnen und Besetzer aus dem Ort zu vertreiben, damit Lützerath abgerissen werden kann.

Trotz geplantem Kohleausstieg bis 2030 und anhaltender Proteste, vereinbarte die Bundesregierung gemeinsam mit der Landesregierung NRW und RWE im Herbst 2022 die finale Ausdehnung von Garzweiler II. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) kündigte daraufhin an, dass für die Räumung des Protestcamps in Lützerath ab Januar 2023 neben der Polizei aus Aachen auch die Bezirksregierung aus Köln unterstützen soll.

Baumhäuser in Lützerath
Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten im Camp von Lützerath auch in Baumhäusern. © Peter Sieben

Reuls Plan sah vor, Lützerath möglichst schnell in einem „Gesamteinsatz“ zu räumen:

Dazu sollte die Stadt Erkelenz bei der Polizei Aachen um Vollzugshilfe bitten: Ein Verwaltungsakt, der nötig ist, damit die Polizei den Räumungseinsatz beginnen kann. Aber die Stadt Erkelenz unter Bürgermeister Stephan Muckel (CDU) weigert sich, das zu tun. „Grundsätzlich ist die Stadt Erkelenz gegen den Tagebau“, hieß es vonseiten der Stadt.

NRW-Innenminister Herbert Reul
NRW-Innenminister Herbert Reul will Lützerath schnell räumen lassen. © Rolf Vennenbernd/dpa

Erkelenz verliere wertvolle Flächen des Stadtgebiets und versuche, jeden Quadratmeter zu erhalten, so die Argumentation: Die Stadt will in Lützerath nicht roden und räumen, nach ihrer Auffassung sollte die bergbauliche Inanspruchnahme von denjenigen in Gang gesetzt werden, die die Entscheidung dazu getroffen haben, also vom Land NRW und RWE.

Kreis Heinsberg bringt Räumung von Lützerath auf den Weg

Schließlich sprang der Kreis Heinsberg ein. Landrat Stephan Pusch (CDU) setzte die Weisung der Bezirksregierung um und bat um Vollzugshilfe bei der Polizei Aachen. Die Räumung ist für Mitte Januar 2023 geplant. Wahrscheinlich werden auch Polizeikräfte aus umliegenden Städten vor Ort sein. Die Aktivistinnen und Aktivisten planen für den 14. Januar eine große Demo am Tagebau Garzweiler II.

Der Konflikt spitzte sich im Herbst und Winter 2022 derweil weiter zu. RWE trennte Immerath vom Strom, und damit auch Lützerath. Das sahen die Aktivistinnen und Aktivisten als Provokation. Später brannte es mehrfach am Tagebau Garzweiler, Unbekannte hatten einen Trafo und einen Stromkasten angezündet, der Sachschaden war hoch. Wer hinter der Tat steckte, ist unklar. Im Januar 2023 soll ein zweites Protestcamp im benachbarten Ort Keyenberg entstehen.

Warum wird Lützerath abgerissen?

Laut geologischen Schätzungen liegen 1,3 Milliarden Tonnen Kohlereserven rund um das Gebiet Garzweiler II, das seit 2006 in Betrieb ist und für dessen Ausdehnung RWE Lützerath räumen will. Garzweiler II ist bereits eine Erweiterung des Tagebaus Garzweiler I, das seit 1987 besteht. Der Energiekonzern plant jedes Jahr etwa 35 Millionen Tonnen Braunkohle und insgesamt mehr als 600 Millionen Tonnen zu fördern. Die Kohle soll hauptsächlich zur Stromerzeugung eingesetzt werden und damit zur Versorgungssicherung beitragen.

Wenn die Versorgungssicherung anders nicht zu erreichen ist, dann dürfen Ortschaften, unter denen Braunkohle liegt, abgerissen werden. Die Bewohner ziehen dann meist in extra geschaffene Neusiedlungen. Zuvor können sie zu meist guten Konditionen ihre Häuser an RWE verkaufen.

NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur bei einer Demo in Lützerath
NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur bei einer Kundgebung in Lützerath 2022. © David Young/dpa

2022 einigten sich die Wirtschaftsministerien von NRW und Bund mit RWE auf den Kohleausstieg 2030. So könnten 280 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden, das sei „ein Meilenstein für den Klimaschutz in Deutschland und Nordrhein-Westfalen“, heißt es beim grün geführten Wirtschaftsministerium. Dafür wurden – quasi in letzter Minute – die fünf Dörfer Kuckum, Keyenberg, Oberwestrich, Unterwestrich und Beverath vor dem Abriss bewahrt. Wegen der Energiekrise sei der Abriss alternativlos und ein Erhalt von Lützerath aus energiewirtschaftlicher und Tagebau-planerischer Sicht nicht möglich, sagte NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur.

RWE braucht nicht nur die Kohle, sondern auch den Abraum

In einer Studie kamen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehrerer deutscher Forschungsinstitute zu dem Schluss, zusammengeschlossen unter dem Namen „CoalExit Reasearch Group“, kam 2022 allerdings heraus, dass die Kohle, die in Lützerath abgebaut werden soll, nicht notwendig ist, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Demnach verfüge der RWE-Tagebau im Rheinischen Revier (Hambach und Garzweiler II) bereits über 300 Millionen förderfähige Tonnen Braunkohle. Bis 2030 – dem beschlossenen Ausstiegsjahr aus der Braunkohle – würden jedoch maximal 271 Millionen Tonnen gebraucht.

Plastikstühle in Lützerath am Tagebau Garzweiler II
RWE-Tagebau Garzweiler II: Der Energiekonzern braucht auch riesige Mengen an Abraum. © Peter Sieben

Aber RWE will nicht nur an die Braunkohle unter Lützerath: Der Energiekonzern benötigt auch gewaltige Mengen Abraum, um die Böschungen der Tagebaue zu stabilisieren. RWE ist verpflichtet, die Landschaft nach dem Ende des Tagebaus zu rekultivieren. Weil die Abbruchkanten extrem steil sind, würden die Gruben in sich zusammenfallen. Deshalb müssen die Böschungen abgeflacht werden – dafür sind Unmengen an Erde und Gestein nötig.

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