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Sterbendes Dorf: Das planen die letzten Bewohner von Lützerath

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Von: Peter Sieben

Viel ist nicht mehr übrig von Lützerath am Tagebau Garzweiler. Doch noch immer ist der Ort bewohnt – allerdings illegal.

Erkelenz – Dörfer sterben schnell. Jedenfalls in Relation zu ihrer Lebensspanne. Nehmen wir Borschemich: Gut 1200 Jahre lang bauten hier Generationen von Menschen Höfe, Schlösser, Schulen und Kirchen. Dann ist der Ort in einer Grube verschwunden, nur ein paar Jahre dauerte der Abriss.

Lützerath soll dem Tagebau Garzweiler weichen

Camp in Lützerath
Von den ursprünglichen Hof-Bewohnern ist in Lützerath niemand mehr da. Heute besetzen Klimaaktivisten den Weiler. © Peter Sieben

So passierte es in den letzten Jahrzehnten mit vielen Dörfern im Rheinischen Braunkohlerevier. Borschemich musste schon vor fünf Jahren dem Tagebau Garzweiler des Energiekonzerns RWE weichen, der die Braunkohle unter dem Ort will. Lützerath steht dieses Schicksal noch bevor, die Lützerath-Räumung ist beschlossene Sache. Seit Anfang Januar sind Einsatzkräfte der Polizei vor dem Ort, es gab bereits erste Rangeleien mit den Lützerath-Besetzern.

Auch der Weiler, der zur Stadt Erkelenz gehört, hat ein langes Leben hinter sich:

Ist Lützerath noch bewohnt?

Das Dorf war immer klein: Etwa 100 Menschen lebten in Lützerath. Weil der Weiler dem direkt angrenzenden Tagebau Garzweiler weichen muss, soll Lützerath abgerissen werden: Viele Häuser sind bereits abgerissen, die Umsiedlung der einstigen Bevölkerung gilt als komplett, 2022 ist der letzte Landwirt von Lützerath, Eckhard Heukamp, weggezogen. Offiziell ist die Einwohnerzahl des Dorfs Null. Aber der Ort ist noch immer bewohnt.

Wer wohnt in Lützerath?

Schon 2020 ließen sich Umweltaktivisten in Lützerath nieder, viele wohnten zunächst zur Untermiete. Jetzt besetzen sie das Dorf. Bis zu 150 Menschen halten sich hier auf, mal sind es mehr, mal weniger. Ende 2022 wohnen etwa 80 Personen in verlassenen Höfen, Zelten und eigens errichteten Baumhäusern.

Dass sie hier leben, ist rechtswidrig: Im Dezember hatte der Kreis Heinsberg eine Allgemeinverfügung zur Räumung des besetzten Dorfes bekannt gemacht: Wer sich jetzt noch in Lützerath aufhält, handelt illegal. Der Kreis wird damit zum verlängerten Arm der NRW-Landesregierung und erfüllt die Weisung der Bezirksregierung Köln.

Wann wird Lützerath geräumt?

Um den 11. Januar herum wird Lützerath wahrscheinlich von der Polizei geräumt. Schon ab dem 2. Januar werden Einsatzkräfte vor Ort sein und Lützerath abriegeln: Das besetzte Dorf kann dann nicht mehr mit dem Auto angefahren werden, sondern ist nur noch zu Fuß erreichbar.

Was planen die Besetzer von Lützerath?

Die meisten der Menschen, die jetzt noch in Lützerath sind, werden nicht mehr freiwillig gehen. Sie haben Gräben ausgehoben und Barrikaden aufgestellt. „Wir werden es der Polizei so schwer wie möglich machen, überhaupt ins Camp hineinzukommen. Wir werden Barrikaden errichten und möglichst hohe Hindernisse bauen, was es für die Polizei noch einmal besonders schwer macht“, sagt Aktivistin Mara Sauer, die im Besetzer-Camp von Lützerath wohnt und Sprecherin der Initiative „Lützerath lebt“ ist.

Drastischer klingen die Worte des Aktionsbündnisses „Ende Gelände“, das angekündigt hat: „Wir werden um Lützerath kämpfen, wie wir den Hambacher Wald verteidigt haben. Wer Lützerath angreift, wird einen hohen Preis zahlen.“ Unterdessen soll im benachbarten Keyenberg ein zweites Protestcamp entstehen, für all diejenigen, die auch gegen den Abriss von Lützerath demonstrieren, aber auf der legalen Seite bleiben wollen.

Lützerarh
Ein gelbes Kreuz ist das Symbol der Aktivisten in Lützerath © Peter Sieben

Womit rechnet die Polizei in Lützerath?

Die Protestler wollen die Räumung so lange wie möglich hinauszögern. „Wir rechnen damit, dass der Einsatz vier bis sechs Wochen dauert“, so eine Sprecherin der zuständigen Polizei Aachen gegenüber 24RHEIN. Die Besetzerinnen und Besetzer in Lützerath würden eine ähnliche Strategie wie die Aktivisten im Hambacher Forst verfolgen. „Ja, es gibt definitiv Parallelen dazu“, so sie Sprecherin der Polizei Aachen. (pen) Fair und unabhängig informiert, was in Deutschland und NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren. 

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