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Lützerath ruft „Tag X“ aus – das steckt hinter dem Symbol

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Von: Peter Sieben

Ein gelbes Holzkreuz steht am Ortseingang von Lützerath
Ein gelbes X am Ortseingang von Lützerath: Das Symbol hat eine ganz bestimmte Bedeutung. © Peter Sieben

Die Besetzer von Lützerath reden jetzt vom „Tag X“ und in vielen Dörfern finden sich gelbe Kreuze. Das Symbol hat eine lange Geschichte und markiert einen ganz bestimmten Zeitpunkt.

Erkelenz – Ein riesiges gelbes X markiert den Ortseingang von Lützerath. Als wäre das Gebiet um den Tagebau Garzweiler eine Schatzkarte und Lützerath der Ort, an dem man graben muss. Energiekonzern RWE hat genau das vor, und die etwa 100 Aktivistinnen und Aktivisten, die Lützerath besetzen, wollen das verhindern.

„Tag X“ in Lützerath: Auch Luisa Neubauer trägt das Symbol

Das gelbe X ist ihr Symbol, auch Klimaaktivistin Luisa Neubauer trägt es in diesen Tagen oft am Revers. Und die Besetzer von Lützerath haben Anfang Januar den „Tag X“ ausgerufen. Auch in vielen Ortschaften im Rheinischen Braunkohlerevier finden sich gelbe Kreuze. Manche sind wie in Lützerath aus Holz und lehnen an Gartenzäunen, andere sind auf Hauswände gesprüht oder gemalt. Doch wofür steht das Zeichen? Und was bedeutet „Tag X“?

Ein gelbes Holzkreut an einem Zaun in Kuckum bei Lützerath
Auch in Dörfern rund um Lützerath wie etwa in Kuckum findet man an vielen stellen gelbe X-Symbole. © Peter Sieben

David Dresen aus Kuckum bei Lützerath hat mit seiner Familie und mithilfe der Initiative „Alle Dörfer bleiben“ jahrelang für den Erhalt der Dörfer an der Tagebaugrube gekämpft: Fünf Orte wurden im Zuge des vorgezogenen NRW-Kohleausstiegs 2030 vor dem Abriss bewahrt, Lützerath aber soll weichen, damit RWE die Kohle darunter abbaggern kann. Die Lützerath-Räumung steht bevor. Dresen weiß, was es mit den gelben Kreuzen oder X-Symbolen auf sich hat. „Ursprünglich stammt das Symbol aus der Hochzeit der Anti-Atomkraftbewegung“, erklärt der 31-Jährige. In den 1970er Jahren formierte sich die Bewegung, die sich bis heute gegen die zivile Nutzung von Kernenergie wendet.

Gelbes Kreuz kommt aus der Anti-Atomkraft-Bewegung

Die Bewegung sorgte vor allem in den 1980er und 90er Jahren für viel Aufsehen, als Aktivistinnen und Aktivisten gegen die Castor-Transporte demonstrierten. Damals wurde Atommüll in sogenannten Castor-Behältern in Atommülllager unter anderem in Gorleben oder Ahaus transportiert. Die Demonstranten blockierten Schienen, um die Transportzüge an der Weiterfahrt zu hindern. Aus dieser Zeit stammen die Kreuze, die wie ein Andreaskreuz am Bahnübergang ein klares „Stopp“ signalisieren sollen.

Lützerath-Räumung: Das X ist auch ein Stopp-Zeichen

„Viele aus der Bewegung waren 2018 bei den Spaziergängen im Hambacher Forst dabei“, erzählt Dresen. Der Wald sollte abgeholzt werden, damit RWE die Braunkohle darunter abbaggern kann. Nach jahrelangen Protesten wurde der Hambacher Forst dann doch nicht gerodet. „Wir haben gefragt, ob wir das Zeichen verwenden können, um gegen den Abriss der Dörfer am Tagebau Garzweiler II zu protestieren und jetzt ist es auch ein Symbol der Klimabewegung“, so Dresen.

Für Klimaaktivisten ist das X aktuell einerseits ein Stopp-Zeichen in Richtung RWE und NRW-Landesregierung, die Lützerath durch die Polizei räumen lassen wollen. Andererseits steht es für ein Stopp der Kohleförderung – und für den „Tag X“. Der sei angebrochen, als die Polizei damit begonnen habe, Tore und Barrikaden am Eingang von Lützerath abzureißen, heißt es vonseiten der Besetzer - mit dem „Tag X“ rufen sie zum allgemeinen Protest auf.

Bauzäune und ein gelbes Holzkreuz an einer Straße, die nach Lützerath führt
Besonders oft sieht man das X-Symbol im besetzten Lützerath. Es steht auch für den „Tag X“. © Peter Sieben

„Tag X“ in Lützerath steht für das Verfehlen des 1,5-Grad-Ziels

„Seit Jahren haben wir alles versucht: Unterschriften gesammelt, auf Demonstrationen protestiert, an der Seite der Wissenschaft an die Politik appelliert“, sagt Dina Hamid, Sprecherin der Initiative „Lützerath lebt“, die das Camp im Dorf mitorganisiert. „Klimaschutz heißt schon lange nicht mehr, nur das Licht hinter sich auszuschalten, sondern dass Millionen Tonnen Kohle im Boden bleiben. Dafür werden wir kämpfen“, so Hamid.

Ihre Sorge: Wenn die Kohle unter Lützerath verfeuert wird, kann Deutschland das 1,5-Grad-Ziel nicht mehr einhalten. Der „Tag X“ steht also auch für einen Kipp-Punkt, ab dem die Klimakrise nicht mehr abgewendet werden kann. (pen)

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