1. 24RHEIN
  2. Rheinland & NRW

Lösung für altes Problem: Medizinstudenten sollen im Gefängnis arbeiten

Erstellt:

Von: Maximilian Gang

Ein Medizinstudent hält in der Charité in Berlin ein Stethoskop in der Hand
Studenten sollen nun Abhilfe gegen den Ärztemangel in NRW-Gefängnissen schaffen. (Symbolfoto) © Britta Pedersen/dpa

Justizvollzugsanstalten in NRW sind dringend auf der Suche nach Gefängnisärzten. Nun sollen Medizinstudenten aushelfen – und selber davon profitieren.

Köln – Der Mangel an Fachkräften macht sich aktuell in vielen Bereichen bemerkbar. Ob bei Handwerkern, Pflegekräften oder Lehrern – überall fehlen ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Auch Ärztinnen und Ärzte gibt es zu wenige. Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) fehlen aktuell rund 15.000 Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. Das macht sich auch in den Justizvollzugsanstalten in Nordrhein-Westfalen bemerkbar. Nun sollen Medizinstudentinnen und Medizinstudenten der Universität Witten/Herdecke während ihres Studiums zeitweise im Gefängnis arbeiten. Davon sollen sowohl die Anstalten als auch die angehenden Mediziner profitieren.

Ärzte sollen in NRW-Gefängnissen arbeiten: „Aus fachlicher Sicht sehr interessant“

Eine dementsprechende Kooperationsvereinbarung hat das Justizministerium in NRW am Montag, dem 12. Dezember, mit der Hochschule geschlossen. Dadurch sollen die Studenten für ihre Zeit nach dem Studium für die Gefängnismedizin gewonnen werden: „Wir wollen künftig angehende Medizinerinnen und Mediziner bereits während ihres Studiums für die spannende und abwechslungsreiche Arbeit im Justizvollzug begeistern“, so NRW-Justizminister Benjamin Limbach.

Justizvollzugsanstalten in NRW

Aktuell gibt es 36 Gefängnisse in Nordrhein-Westfalen, mit insgesamt etwa 18.900 Haftplätzen (Stand 2020). Mehr als drei Viertel der Plätze befinden sich dabei im geschlossenen Vollzug. Und die Justizvollzuganstalten sind recht stark ausgelastet: Durchschnittlich sind etwa 16.000 der Plätze belegt (Auslastungsquote: rund 85 Prozent). Die Geschlechteraufteilung in den Gefängnissen in NRW ist deutlich: Mehr als 90 Prozent der Plätze sind für Männer vorgesehen. Von den Insassen sind nur sechs Prozent Frauen.

Wenn man nach den Haftplätzen geht, ist die JVA Bielefeld-Senne die größte Haftanstalt in NRW und auch in Deutschland. Sie besitzt rund 1600 Haftplätze in zwei Häusern und 15 Außenstellen. Von den offenen Vollzugsanstalten ist die Bielefelder JVA sogar die größte in Europa.

Die Arbeit als Gefängnisarzt sei – aufgrund der vielfältigen medizinischen Probleme – aus „fachlicher Sicht sehr interessant“, wie Limbach erklärt. Auch die gebotene enge Zusammenarbeit mit anderen Fachdiensten und die Ernennung in den öffentlichen Dienst seien attraktive Jobdetails. Dennoch mangelt es an qualifiziertem Personal.

Zusammenarbeit soll langwieriges Problem in NRW lösen

Laut dem Ministerium sei vor allem ein schon länger bestehendes Problem in der medizinischen Hochschulausbildung dafür mitverantwortlich: Bisher habe es im Medizinstudium und auch in der Weiterbildung innerhalb der Bundesärztekammer nämlich keine Berührungspunkte zur Gefängnismedizin gegeben. Deshalb sei der Weg in die Anstellung als Anstaltsmediziner nach dem Studium wenig berücksichtigt, so das Ministerium.

Damit soll nun Schluss sein: Im Rahmen der Zusammenarbeit soll die Gefängnismedizin im humanmedizinischen Lehrplan an der Universität Witten/Herdecke etabliert werden. Und das bedeutet: Vorlesungen an der Uni, und auch Praktika im medizinischen Bereich der Haftanstalten sowie dem Justizvollzugskrankenhaus NRW in Fröndenberg/Ruhr.

Erste Vorlesung zur Anstaltsmedizin wurde bereits gehalten

Zuvor hätten bereits einige Studenten die Möglichkeit gehabt, die Gesundheitsversorgung in einer JVA in der Praxis kennenzulernen, aber: „Die Zusammenarbeit mit dem Ministerium der Justiz ermöglicht es künftig all unseren angehenden Humanmedizinerinnen und -medizinern, sich das wichtige Feld der Gefängnismedizin und damit auch neue Berufsperspektiven zu erschließen“, wie Universitätspräsident Martin Butzlaff erläutert.

Der Startpunkt wurde dabei schon gesetzt: Die Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung wurde von einer Vorlesung über die Grundlagen und Besonderheiten der Anstaltsmedizin begleitet. Doch selbst wenn diese Zusammenarbeit es schafft, ein Loch in der Fachkräfteversorgung zu flicken, fehlt in vielen Bereichen weiterhin qualifiziertes Personal. Und es könnte noch schlimmer kommen: Laut einer Studie des IAB verliert der deutsche Arbeitsmarkt bis 2035 rund sieben Millionen Menschen. (mg) Fair und unabhängig informiert, was in Deutschland und NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

Auch interessant