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Klimaaktivisten von Lützerath: Was bedeutet eigentlich das gelbe Kreuz?

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Von: Peter Sieben

In einigen Dörfern am Niederrhein findet man gelbe Kreuze an den Hauswänden. Das hat mit dem Ort Lützerath zu tun, den Energiekonzern RWE abreißen will.

Erkelenz – Sie sind nicht zu übersehen: Wer durch Dörfer am Niederrhein wie Keyenberg, Berverath oder Kuckum fährt, entdeckt die gelben Kreuze an jeder Ecke. Mal sind sie aus Holzlatten zusammengebaut und lehnen an Zäunen, mal sind die Kreuze mit gelber Farbe an Hauswände gezeichnet. Das Symbol gibt es schon länger, doch es ist in der Region so aktuell wie nie und hängt unter anderem mit dem geplanten Abriss des Ortes Lützerath im Januar 2023 zusammen.

Gelbes Kreuz auf einer Mauer
Ein gelbes Kreuz im Dorf Keyenberg: Man findet das Symbol derzeit in vielen Orten nahe Lützerath. © Peter Sieben

Lützerath ist zum Symbol des Protests gegen Tagebau Garzweiler geworden

Der kleine Weiler Lützerath ist längst selbst ein Symbol geworden, nämlich für den Protest gegen den Braunkohletagebau in NRW. Energiekonzern RWE will den Tagebau Garzweiler II ausweiten und die Kohle unter dem Ort abbaggern. Deshalb soll Lützerath zerstört werden. Einige Gebäude wurden bereits dem Erdboden gleichgemacht, die ursprünglichen Bewohner sind inzwischen alle weggezogen. Aktivistinnen und Aktivisten haben jetzt die letzten verbliebenen Häuser besetzt, um die Lützerath-Räumung zu verhindern.

Tagebau Garzweiler: Warum ganze Dörfer abgerissen werden

1983 entstand der Braunkohlentagebau Garzweiler als Zusammenschluss der schon existierenden Abbaufelder Frimmersdorf-Süd und Frimmersdorf-West. Der Energiekonzern RWE baut hier pro Jahr 35–40 Millionen Tonne Braunkohle ab.

Die Braunkohle, die für die Energiegewinnung in Kohlekraftwerken verwendet wird, liegt manchmal auch unter Ortschaften. Wenn es zur Sicherung der Energieversorgung notwendig ist, müssen die Ortschaften weichen. Die Einwohner werden dann umgesiedelt, die Dörfer abgerissen.

Die fünf Ortschaften Keyenberg, Kuckum, Unterwestrich, Oberwestrich und Berverath am Tagebau Garzweiler sollten auch zerstört werden. Doch im Koalitionsvertrag der schwarz-grünen NRW-Landesregierung wurde beschlossen, dass die Orte stehen bleiben.

Lützerath hingegen soll im Januar 2023 abgerissen werden.

Fünf weiteren Dörfern nahe Lützerath, die zur Stadt Erkelenz gehören, drohte ein ähnliches Schicksal. Der Abriss von Keyenberg, Kuckum, Oberwestrich, Unterwestrich und Berverath war schon beschlossene Sache. Die meisten Einwohner haben die Dörfer längst verlassen, viele von ihnen wohnen in Neusiedlungen. Doch nun bleiben die Orte doch stehen. Das ist auch das Verdienst von David Dresen aus Kuckum bei Lützerath, der mit seiner Familie und mithilfe der Initiative „Alle Dörfer bleiben“ jahrelang für den Erhalt der Dörfer gekämpft hat.

Anti-Atomkraftgegner setzen sich für Lützerath ein

Er weiß, was es mit den gelben Kreuzen auf sich hat. „Ursprünglich stammt das Symbol aus der Hochzeit der Anti-Atomkraftbewegung“, erklärt der 31-Jährige. In den 1970er Jahren formierte sich die Bewegung, die sich bis heute gegen die zivile Nutzung von Kernenergie wendet.

Für großes Aufsehen sorgte die Bewegung vor allem in den 80er und 90er Jahren, als Aktivistinnen und Aktivisten gegen die Castor-Transporte demonstrierten. Dabei wurde Atommüll in sogenannten Castor-Behältern unter anderem in die Atommülllager Gorleben oder Ahaus transportiert. Die Demonstranten blockierten häufig Schienen, um die Transportzüge an der Weiterfahrt zu hindern. Aus dieser Zeit stammen die Kreuze, die wie ein Andreaskreuz am Bahnübergang ein klares „Stopp“ signalisieren sollen.

David Dresen aus Kuckum
David Dresen kämpft seit Jahren für den Erhalt der Dörfer am RWE-Tagebau Garzweiler II. Auch gegen den Abriss von Lützerath will er protestieren. © Peter Sieben

Gelbes Kreuz wird zum Symbol der Klimabewegung

„Viele aus der Bewegung waren 2018 bei den Spaziergängen im Hambacher Forst dabei“, erzählt Dresen. Der Wald sollte abgeholzt werden, damit RWE die Braunkohle darunter abbaggern kann. Nach jahrelangen Protesten wurde der Hambacher Forst dann doch nicht gerodet. „Wir haben gefragt, ob wir das Zeichen verwenden können, um gegen den Abriss der Dörfer am Tagebau Garzweiler II zu protestieren und jetzt ist es auch ein Symbol der Klimabewegung“, so Dresen.

Lützerath soll im Januar geräumt werden

Besonders viele der gelben Kreuze sind jetzt in Lützerath zu sehen. Die Abbruchkante des Tagebaus Garzweiler II liegt direkt an der Grenze zum Weiler. Rund 150 Aktivistinnen und Aktivisten leben derzeit dort. Zuletzt hatte RWE Lützerath vom Strom getrennt, die Besetzer wollen jetzt eigenen Strom mithilfe von Solarzellen produzieren. Im Januar will NRW-Innenminister Herbert Reul Lützerath räumen lassen, in einem „Gesamteinsatz“, wie er ankündigte. Ganz so leicht wie gedacht wird das zumindest verwaltungstechnisch wohl nicht, denn die Stadt Erkelenz stellte sich zuletzt quer. (pen) Fair und unabhängig informiert, was in Deutschland und NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

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