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Geldautomaten-Sprengungen immer gefährlicher: „Pures Glück, dass noch niemand tot ist“

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Von: Maximilian Gang

2022 hat es mehr Sprengungen von Geldautomaten in NRW gegeben, als jemals zuvor. Dabei gehen die Täter jetzt bei Sprengungen noch skrupelloser vor.

Köln – 2022 gab es allein in Nordrhein-Westfalen 182 Sprengungen von Geldautomaten. Das sind rund 20 Prozent mehr als im Vorjahr – und ist ein neuer Negativrekord. Dabei ist ein deutlicher Aufwärtstrend erkennbar: Innerhalb des letzten Jahrzehnts haben sich die Angriffe in Deutschland laut Lagebericht des BKA mehr als verzehnfacht. Und auch die verursachten Schäden werden heftiger: Allein im ersten Halbjahr 2022 belief sich die Schadenssumme in NRW bereits auf über zehn Millionen Euro, wie die Antwort auf eine kleine Anfrage im Landtag ergeben hat.

Der Schaden war nach einem halben Jahr fast genauso hoch wie im gesamten Jahr 2020 – während die durchschnittlichen Fallzahlen ähnlich hoch geblieben sind. Ein Grund für die höhere Schadenssumme der einzelnen Taten ist dabei ein anderes Vorgehen der Täter, das nicht nur einen größeren Schaden an Gebäuden anrichtet, sondern auch für Menschen immer gefährlicher wird.

Mehr als ein Viertel der Sprengungen von Bankautomaten in NRW

Eine Bankfiliale, die nach einer Automatensprengung verwüstet ist
Hier war mal eine Bankfiliale: Die Verwüstung zeigt die Wucht, die mit einer Sprengung einhergeht. © R.Priebe/dpa

Die Fallzahlen seien „besorgniserregend“, wie der Polizeisprecher des Innenministeriums von NRW Markus Niesczery auf Anfrage von 24RHEIN sagt. Und er hat recht, denn: NRW ist besonders stark von den Sprengungen betroffen. 2020 wurden mehr als ein Viertel der bundesweiten Sprengungen hier verübt, wie der Lagebericht zeigt. Allein in dem Zeitraum von Juli bis November 2022 hat es – nur in NRW – bereits fast 50 Sprengungen von Geldautomaten gegeben. Insgesamt gab es in NRW damit in den Jahren 2020 und 2021 328 Sprengungen von Geldautomaten – fast jeden zweiten Tag eine. Dazu gehören:

Die Täter kommen überwiegend aus den Niederlanden, und leben vorwiegend in Utrecht, Rotterdam und Amsterdam. Das haben Ermittlungen der LKA-Gruppe für Geldautomatensprengungen EK Heat ergeben. Schätzungsweise gehören 500 bis 700 wechselnde Personen dazu, wie die Polizei NRW berichtet. Überwiegend handele es sich um Männer im Alter von 18 bis 40 Jahren. „Sie sind oftmals sehr polizeierfahren, reagieren sensibel auf verdeckte polizeiliche Maßnahmen und lernen ständig dazu“, wie das Landeskriminalamt (LKA) in NRW erklärt. Gemachte Fehler und daraus abgeleitete Lehren würden immer wieder an die Gruppe weitergegeben.

Gerade 2015 habe es in NRW einen deutlichen Anstieg an Sprengungen gegeben. In den Niederlanden hatte die Polizei ein umfangreiches Präventionskonzept erarbeitet, weshalb die Täter nun auf Deutschland ausweichen. Das Bundesinnenministerium spricht von einem „Verdrängungseffekt“. Zudem sei auch die „Vielzahl der Tatgelegenheiten“ ein Grund für die vielen Angriffe, wie das Landeskriminalamt NRW erklärt. Dabei ist besonders die neue Wahl des Sprengstoffs beängstigend.

NRW-Innenministerium: „Haben das Potenzial, Menschen zu verletzten oder sogar zu töten“

Geldautomatensprengungen in Deutschland
Festgestellte Physische Angriffe in 2021 (davon in NRW)579 (176)
Erfolgsquote der Angriffe in 2021 (in NRW)50 Prozent
Sprengungen in NRW in 2022 (Stand 11/2022)mehr als 150
Schaden durch die Sprengungen (Stand 7/2022)10.660.737 Euro
Anzahl der Tatverdächtigen (2021)124
Häufigste Staatsangehörigkeit (2021)Niederländisch (50,8 Prozent)

Bis vor wenigen Jahren wurden hauptsächlich Gasgemische zur Sprengung von Bankautomaten verwendet. Als Reaktion auf diese Vorgehensweise haben Banken jedoch zunehmend Systeme zur Neutralisierung von Gas in ihre Automaten eingebaut. Deshalb steigen die Täter vermehrt auf feste Sprengstoffe um – und nehmen damit verheerende Folgen in Kauf: „Durch die rücksichtslose Vorgehensweise der Täter, vermehrt feste Explosivstoffe einzusetzen, entstehen nicht kalkulierbare Gefahren für Leib und Leben von Unbeteiligten und erhebliche Schäden an Gebäuden“, so Niesczery. Rund 87 Prozent der Taten in 2022 wurden mit den gefährlichen Explosivstoffen vollzogen, wie das LKA mitteilt.

Generell stellen versuchte oder vollendete Geldautomatensprengungen ein nicht kalkulierbares Risiko für unbeteiligte Dritte und Rettungs- und Einsatzkräfte dar, wie der Ministeriumssprecher klarstellt. „Fakt ist: Geldautomatensprengungen sind hochgefährlich und haben das Potenzial, Menschen zu verletzen oder sogar zu töten“. Laut NRW-Innenminister Herbert Reul sei es „pures Glück“, dass bei den Sprengungen oder der halsbrecherischen Verfolgungsjagd noch niemand getötet worden sei. Doch was unternimmt das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen gegen die Täter?

Angriffe auf Geldautomaten: NRW setzt Soko zur Bekämpfung ein

Im April 2022 hat das Ministerium eine Sonderkommission zur Bekämpfung von Geldautomatensprengungen (Soko BEGAS) eingerichtet. Diese setze sich, laut Niesczery, aus einem multidisziplinären Team von Fachleuten der Bereiche Repression, Prävention, Einsatz und internationaler Zusammenarbeit zusammen. Mit einer klaren Aufgabe: „Sie ist beauftragt, alle Erkenntnisse aus diesen Bereichen systematisch zusammenzuführen und neue oder veränderte Ermittlungs- und Bekämpfungsansätze zu identifizieren“. In der Folge sei es in den vergangenen Jahren zu 161 Festnahmen in diesem Bereich gekommen, laut LKA ein „besonderer Ermittlungserfolg“ .

Die Soko BEGAS habe durch ihre Erkenntnisse bereits diverse Entwicklungen angestoßen, so der Sprecher. Darunter beispielsweise, dass Bankmitarbeitern und Anwohnern aktiv Opferschutzangebote vermittelt werden. Außerdem sei auf Basis der Ergebnisse der Austausch mit besonders betroffenen Bundesländern und europäischen Staaten intensiviert worden, wie Niesczery erklärt. Auch der Dialog mit der Banken- und Kreditwirtschaft sei verstärkt worden. Unter anderem wurden alle rund 10.000 Geldautomaten in NRW einer Gefahrenprüfung unterzogen. Auch ein Abbau von Geldautomaten an besonders gefährdeten Orten soll eine Möglichkeit sein.

Die Polizei empfiehlt Geldinstituten zudem, ihre Automaten nachts unter Verschluss zu halten. Zusätzlich könnten Vernebelungsanlagen eingesetzt und die Bargeldbeträge in den Automaten dahingehend präpariert werden, dass sie bei einer Explosion gefärbt werden und zusammenkleben. (mg) Fair und unabhängig informiert, was in NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

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