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Kinderkliniken in NRW an der Belastungsgrenze: „Situation ist maximal angespannt“

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Von: Maximilian Gang

Erst sorgte Corona für übervolle Krankenhäuser, jetzt ist wegen des RS-Virus (RSV) die Lage in Kinderkliniken prekär. In NRW arbeiten Pfleger und Ärzte am Limit.

Köln – Die Lage in deutschen Krankenhäusern ist in den letzten Monaten und Jahren phasenweise prekär. Momentan ist die Situation wegen des grassierenden RS-Virus, das schwere Atemwegserkrankungen auslösen kann, vor allem in Kinderkliniken besonders dramatisch: „Kinder sterben, weil wir sie nicht mehr versorgen können“, so beschreibt der leitende Oberarzt der Kinderintensivmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover Michael Sasse die Situation. Kinder würden bereits in normalen Patientenbetten versorgt, die eigentlich auf der Intensivstation liegen müssten. Und die Entwicklung lässt momentan nichts Gutes erahnen: „Es ist keine Kurve mehr, sondern die Werte gehen senkrecht nach oben“, wie Kinder-Intensivmediziner Florian Hoffmann erklärt.

RSV-Infektionswelle in Deutschland: Auch Kliniken in NRW überlastet

Auch in Nordrhein-Westfalen geht das Personal bereits auf dem Zahnfleisch und Kinderbetten in Kliniken sind belegt. „Bei uns ist es wie im Rest von NRW, in Deutschland, der Schweiz und den anderen westlichen Nationen, die gerade Winter haben“, wie die Leiterin der Kinderklinik am Uniklinikum in Essen, Ursula Felderhoff-Müser, erklärt. Grund für die angespannte Lage sei eine starke Infektionswelle, die gerade Kinder in den ersten Lebensjahren betrifft, wie die Ärztin erklärt.

Was ist das Respiratorische Synzytial-Virus (RS-Virus oder RSV)?

Das RS-Virus (RSV) ist ein weltweit verbreiteter Erreger von akuten Atemwegserkrankungen. Dabei können sowohl die oberen, als auch die unteren Atemwege betroffen sein, wie das RKI berichtet. Generell kommt eine Infektion mit RSV in allen Lebensjahren vor. Bei Kindern gehört es allerdings zu den bedeutendsten Erregern von Atemwegsinfektionen – insbesondere bei Frühgeborenen und Kleinkindern. So haben 50 bis 70 Prozent der Kinder im ersten Lebensjahr sich bereits mit RSV infiziert, bis zum Ende des zweiten Lebensjahres nahezu alle.

Die jährliche Ausbruchszeit sowie die Symptome ähneln dabei stark einer Grippe. Die höchste Inzidenz erreicht das RS-Virus zwischen November und April. Und ähnlich wie bei der Grippe bleiben die meisten Fälle ohne schwere Auswirkungen. Aber: Pro 1000 Kindern im ersten Lebensjahr gibt es statistisch 5,6 schwere Fälle. Dabei treten schwere Verläufe etwa doppelt so oft bei Jungs auf, als bei Mädchen. Nach Untersuchungen stirbt etwa eines von 500 eigentlich gesunden Kindern durch RSV. Bei Kindern mit angeborenem Herzfehler ist es sogar etwa jedes zwanzigste Kind.

Infektionen treten dabei meist direkt durch Tröpfchen auf. Experten nehmen zudem an, dass auch eine Ansteckung durch Hände, Gegenstände oder Oberflächen auftreten können. Dabei dauert es zwischen zwei und acht Tagen, bis die Infektion nach der Ansteckung ausbricht. Doch: Bereits einen Tag nach der Infektion kann man bereits ansteckend sein – noch bevor man die ersten Symptome bemerkt. Danach ist man noch zwischen drei und acht Tagen infektiös.

Dabei werden vielen Krankenhäusern und Patienten ausgerechnet die Corona-Schutzmaßnahmen aus den letzten Jahren indirekt zum Verhängnis. Das RS-Virus oder RSV ist keine neue Erscheinung, sie tritt jedes Jahr auf, oft gehäuft im Herbst und Winter. Aber in den Corona-Jahren haben viele Kinder die Infektion gewissermaßen verpasst. „Jetzt werden drei Jahrgänge von Kindern diese Infekte durchmachen, weil sie ohne Mundschutz durch die Gegend rennen“, wie Michael Sasse die Situation beschreibt.

Verstärkt wird die Belastung laut Felderhoff-Müser dabei durch ein altbekanntes Problem: „Es gibt einen eklatanten Mangel an Pflegepersonal, insbesondere in den Kinderkliniken“. Dieser ist auch im Kinderkrankenhaus in der Amsterdamer Straße im Kölner Stadtteil Riehl spürbar. Das Team gehe „dabei an die absolute Belastungsgrenze“, wie Kliniksprecherin Sigrid Krebs erklärt. Um die Kinder trotzdem behandeln zu können, werde dort – nach Absprache mit dem Team – auch teilweise die Personaluntergrenze der Pflege unterschritten. Im Klartext bedeutet das, dass mehr Patienten aufgenommen werden als vorgesehen, so Krebs.

Überlastung der Kindermedizin: Kliniken in NRW kooperieren eng miteinander

Und selbst wenn es schlagartig mehr Personal geben würde, wäre die Problematik in den meisten Kliniken nicht gelöst: „Es wurden viele Kinderbetten abgebaut in den letzten 15 Jahren“, so die Leiterin der Essener Kinderklinik. Deshalb arbeiten die Mediziner eng mit umliegenden Kliniken zusammen: „Wir haben hier Mitarbeiter, die den ganzen Tag nur telefonieren, damit Kinder in anderen Kliniken unterkommen“. Man tue alles dafür, dass die Kinder adäquat behandelt werden können, wie Felderhoff-Müser erklärt. „Die gute Nachricht ist, dass die meisten Kinder nicht schlimm krank sind“.

RSV: Teilweise auch schwere Verläufe bei Kindern und Säuglingen

Spürbar ist der Mangel an Kinderbetten auch im Kölner Kinderkrankenhaus: „Die Zahl der Patientinnen und Patienten mit RSV ist sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich sehr hoch“, wie Kliniksprecherin Sigrid Krebs erklärt. Dort verlaufen die Infektionen gerade bei Neugeborenen häufig schwer: „Immer wieder müssen Säuglinge und Kleinkinder auf der Intensivstation behandelt werden oder benötigen eine intensive Behandlung durch Atemunterstützung auf der Normalstation“. Zudem dauere die Genesung länger als in anderen Jahren, so Krebs.

In der Uniklinik in Düsseldorf sieht es ähnlich aus. „Wir sind zum Teil maximal ausgelastet, werden aber alle uns möglichen Ressourcen auch in den nächsten Wochen und Monaten maximal zur Verfügung stellen“, wie Kliniksprecher Tobias Pott erklärt. Man könne dort momentan noch alle kleinen Patientinnen und Patienten versorgen, aber: „Die Situation ist allerdings nach wie vor maximal angespannt“. Deshalb werde je nach Auslastung mit regionalen Kliniken kooperiert, um Kinder an andere Kliniken zu verweisen oder Kinder aus anderen Kliniken aufzunehmen.

Kinderkliniken in Deutschland
Kinderbetten in Deutschland (Stand 2021)4.532
Freie Betten in Intensivstationen (Stand 1/12/22)83
Freie Betten pro Kinderklinikum (Durchschnitt; Stand 1/12/22)0,75
Anteil der Kliniken ohne freie Kinderbetten (Umfrage 24/11/22)42,7 Prozent
Quelle: WDR

Auch das Helios Klinikum in Duisburg ist momentan vollständig ausgelastet, wie Kliniksprecherin Kathrin Gießelmann erklärt. Behandelt werden dort hauptsächlich Säuglinge und kleine Kinder, die mit dem RS-Virus oder Grippe infiziert wurden – „teilweise mit schweren Verläufen wie etwa Lungenentzündungen“. Dort habe man damit reagiert, dass alle planbaren Behandlungen und Eingriffe verschoben wurden, so Gießelmann.

Ebenso voll ist es im Evangelischen Klinikum in Düsseldorf: „Die Stationen für Kinder und Jugendliche sind vollständig ausgelastet, das heißt, alle Betten, die versorgt werden können, sind belegt“, wie Kliniksprecherin Mareike Dietzfelbinger erklärt. Dort sind zusätzlich auch viele Mitarbeiter selber erkrankt, „so dass Dienste teilweise kurzfristig nicht mehr besetzt werden können; das schränkt die Kapazitäten weiter ein“. Selten müsste ein akut krankes Kind, das nachts kommt, im Untersuchungszimmer bleiben, bis wir einen richtigen Platz gefunden haben, so Dietzfelbinger.

Wartezeiten in Kinderkliniken: Eltern reagieren verständnisvoll

Aufgrund der hohen Patientendichte kommt es zu längeren Wartezeiten in den Kinderkliniken. Die meisten Eltern können die Situation jedoch richtig einschätzen: „Es ist natürlich unterschiedlich. Viele Eltern haben aber Verständnis, weil sie ja auch sehen, dass die Leute arbeiten“, so Felderhoff-Müser. So auch im Helios Klinikum in Duisburg: Die Erkrankung von Kindern gehe natürlich mit großen Sorgen und Belastungen einher. Davon seien die Reaktionen der Eltern geprägt, „aber es herrscht trotz allem großes Verständnis für die Gesamtsituation“, so Gießmann.

Im Evangelischen Krankenhaus in Düsseldorf reagieren jedoch nicht alle Eltern so gelassen: „Manche Eltern sind geduldig und haben Verständnis; andere haben trotz der vielen Pressemeldungen zum Thema immer noch wenig Verständnis und werden schnell ärgerlich. Schwierig ist auch, dass immer noch Eltern in die Notfallambulanz kommen, deren Kind gar nicht schwer oder akut krank ist“, so die Sprecherin des Klinikums.

Auch in den anderen Bundesländern ist die Lage in den Kliniken sehr angespannt. Teilweise müssen kranke Kinder in 100 Kilometer entfernte Krankenhäuser gebracht werden. (mg, mit dpa) Fair und unabhängig informiert, was in NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

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