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Lützerath ohne Heizung in der Kälte: So behelfen sich die Bewohner

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Von: Peter Sieben

Baumhäuser in Lützerath
Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten im Camp von Lützerath auch in Baumhäusern. © Peter Sieben

Klimaaktivisten besetzen den Ort Lützerath, um ihn vor dem Abriss durch RWE zu bewahren. Jetzt hat das Dorf keinen Strom mehr – und die Besetzer haben bei Minustemperaturen ein Problem.

Erkelenz – Es war schon vorher kalt in Lützerath. Die alten Gehöfte, die noch stehen, bieten nur bedingt Schutz und in den Baumhäusern, in denen viele der 150 Aktivistinnen und Aktivisten, die das Dorf besetzen, leben, zieht es sowieso. Seit ein paar Tagen ist in Lützerath nun auch noch der Strom weg, der Energiekonzern RWE hat den Stecker gezogen.

Lützerath-Camp soll im Januar geräumt werden

Viele der Klimaaktivisten leben schon seit Monaten und länger in Lützerath, um ihn vor dem Abriss zu retten – oder das, was noch übrig ist. Einige der Gebäude sind schon längst weg, RWE will aber ganz Lützerath abreißen, um die Kohle unter dem Ort abbaggern zu können. Mit einem „Gesamteinsatz“ im Camp beim Tagebau Garzweiler will NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) Lützerath im Januar räumen lassen. Bis dahin wollen die Aktivisten im Camp ausharren.

Aktionsbündnis „Ende Gelände“ kündigt Widerstand in Lützerath an

Das Aktionsbündnis „Ende Gelände“, das bei der Lützerath-Besetzung neben anderen Gruppen ebenfalls mitmischt, hat bereits mit markigen Worten Widerstand angekündigt: „Wir werden um Lützerath kämpfen, wie wir den Hambacher Wald verteidigt haben. Wer Lützerath angreift, wird einen hohen Preis zahlen.“ Doch schon das Ausharren bis zum Tag der Räumung im Januar wird jetzt angesichts eisiger nächtlicher Temperaturen ohne Stromversorgung immer schwieriger.

Lützerath ohne Strom: Heizöfen funktionieren nicht mehr

„Wir sind dabei, noch mehr Solarpanele zu installieren und immer mehr Bereiche des Camps an unser eigenes Stromnetz anzuschließen“, erklärt Ronni Zepplin, Sprecherin der Initiative „Lützerath lebt“. Solarpanele ausrichten, Stromleitungen verlegen – das passiert alles im Do-it-yourself-Verfahren. „Es gibt ein paar Leute, die sich das im Lauf der Zeit selbst angeeignet haben“, erzählt Zepplin.

Doch der Solarstrom aus den Panelen reicht nicht für die Heizöfen, die die Campbewohner bislang genutzt haben. Aktivistin Mara Sauer, die auch im Camp von Lützerath lebt, sagt, beim Wasserkochen müsse man sich jetzt besser organisieren: „Wir nutzen auch Wärmflaschen.“ Inzwischen hat das Camp in Lützerath wieder mehr Energie zur Verfügung, mit Unterstützung der Umweltschutzorganisation Greenpeace haben sie zwei Photovoltaikanlagen installiert.

Klar ist: Weichen werden sie hier nicht mehr. „Wir wollen im Modell zeigen, dass ein Leben auch ohne Energie aus Kohle oder Atomstrom möglich ist.“

Mona Neubaur musste viel Kritik wegen RWE-Entscheidung einstecken

Es ist wohl auch ein Zeichen in Richtung Politik. Angesichts des Kohleausstiegs bis 2030 verkündete die schwarz-grüne Landesregierung, dass fünf Dörfer nahe dem Tagebau Garzweiler II nun doch nicht abgerissen werden. Doch Lützerath soll zerstört werden. Wegen der Energiekrise sei das alternativlos, ein Erhalt von Lützerath aus energiewirtschaftlicher und Tagebau-planerischer Sicht nicht möglich, so NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur.

Hof in Lützerath
Die alten Gehöfte bieten ohnehin nur bedingt Schutz – ohne Strom wird es in Lützerath noch härter © Peter Sieben

Dafür musste die Grünen-Politikerin viel Kritik einstecken. Ronni Zepplin sagt, sie habe nichts anderes erwartet. „Das zeigt, dass sie und andere Politikerinnen und Politiker der Situation nicht angemessen handeln, sondern von wirtschaftlichen Erwägungen abhängig sind.“

Tagebau Garzweiler: Warum ganze Dörfer abgerissen werden

1983 entstand der Braunkohlentagebau Garzweiler als Zusammenschluss der schon existierenden Abbaufelder Frimmersdorf-Süd und Frimmersdorf-West. Der Energiekonzern RWE baut hier pro Jahr 35–40 Millionen Tonne Braunkohle ab.

Die Braunkohle, die für die Energiegewinnung in Kohlekraftwerken verwendet wird, liegt manchmal auch unter Ortschaften. Wenn es zur Sicherung der Energieversorgung notwendig ist, müssen die Ortschaften weichen. Die Einwohner werden dann umgesiedelt, die Dörfer abgerissen.

Die fünf Ortschaften Keyenberg, Kuckum, Unterwestrich, Oberwestrich und Berverath am Tagebau Garzweiler sollten auch zerstört werden. Doch im Koalitionsvertrag der schwarz-grünen NRW-Landesregierung wurde beschlossen, dass die Orte stehen bleiben.

Die Lützerath-Räumung hingegen soll bis Mitte Februar abgeschlossen sein.

RWE braucht auch Abraum für Rekultivierung

Unabhängig von politischen Diskussionen um Lützerath ist ein Team von Wissenschaftlern jüngst in einer Studie zu dem Schluss gekommen, dass die Kohle unter dem Ort gar nicht gebraucht werde, um die aktuelle Energiekrise zu überbrücken. Allerdings benötigt RWE neben der Kohle auch gewaltige Mengen an Erde, um an anderer Stelle Restlöcher zu verfüllen, Böschungen zu stabilisieren und die Landschaft zu rekultivieren, wie es vertraglich vorgesehen ist. So sollen aus den Tagebaulöchern häufig Seelandschaften werden, wie etwa in Hambach, wo der zweitgrößte See Deutschlands entstehen wird. (pen) Fair und unabhängig informiert, was in NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren.

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