Šimić exklusiv: „Solange Neuer zur Verfügung steht, ist er die Nummer 1“
Die Fußball-WM 2026 ist gestartet, der deutsche Kader ist bekannt – und die Diskussionen um die Entscheidungen von Bundestrainer Julian Nagelsmann sind noch lange nicht verstummt.
Ex-Bundesligaspielerin, Trainerin und TV-Expertin Julia Šimić ordnet die Personalien im exklusiven Gespräch mit Absolut Fussball ein, spricht über Überraschungen, mögliche Schwachstellen und erklärt, warum die Torwartfrage für sie sportlich eigentlich klar ist. Die Bekanntgabe mag zwar schon einige Tage her sein, die Diskussionen reißen jedoch nicht ab. Auch für Šimić gibt es einige Personalien, die sie überrascht haben. Zudem hat die 37-Jährige eine klare Meinung zur Torwartdebatte.

Frau Šimić, die Kader-Bekanntgabe hat Fußball-Deutschland emotionalisiert. Gesprochen wurde auch über Spieler, die nicht nominiert wurden - was war für Sie das Überraschendste?
Mich hat tatsächlich Saïd El Mala überrascht. Gerade wenn man sich angeschaut hat, welche Anforderungen Julian Nagelsmann zuletzt formuliert hat – viel Spielzeit, Verantwortung übernehmen, Spiele entscheiden, aber auch intensiv gegen den Ball arbeiten –, dann hat El Mala vieles davon erfüllt.
Welche Qualitäten bringt El Mala Ihrer Meinung nach mit, die jetzt vielleicht fehlen?
Er bringt zudem ein Profil mit, das dem Kader in gewisser Hinsicht noch einmal etwas anderes gegeben hätte. Gerade mit dem Ausfall von Serge Gnabry und jetzt auch Lennart Karl hätte er mit seiner Dynamik, seiner Wucht und seinem Tempo eine interessante Option sein können. Auch als variabler Spieler hinter der Spitze oder über den Flügel. Persönlich hätte ich ihn vielleicht sogar vor anderen Offensivspielern gesehen – aber das sind natürlich immer subjektive Abwägungen.
Insights aus dem DFB-Team!

Seien Sie näher am DFB-Team dran als je zuvor! Unser DFB-Newsletter versorgt Sie rund um die Auftritte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mit den wichtigsten News und liefert Ihnen außerdem Videos, Reportagen und exklusive Interviews direkt und ganz bequem in Ihr Postfach.
Sind Sie dabei?
Jetzt zum DFB-Newsletter anmelden
All unsere Inhalte, Videos, Grafiken, Statistiken und vieles mehr gibt es auch auf absolutfussball.com.
Und welche Nominierung hat Sie überrascht?
Positiv überrascht hat mich Nathaniel Brown. Seine Entwicklung in den vergangenen beiden Jahren ist beeindruckend. Er hat sich sehr schnell an das Bundesliga-Niveau angepasst und bringt für mich viele Eigenschaften mit, die auf dieser Position langfristig wichtig werden.
Wenn er körperlich stabil bleibt, kann er über viele Jahre eine wichtige Rolle in der Nationalmannschaft spielen. Er hat eine hohe Fußballintelligenz, ist flexibel einsetzbar und gehört für mich sogar zu den Kandidaten, die sich schnell in Richtung Startelf entwickeln können – auch wenn ihm auf diesem Niveau natürlich noch Erfahrung fehlt.
Wer ist der zweite Spieler?
Ein zweiter Name ist Nadiem Amiri. Wenn man Mainz in den vergangenen Monaten verfolgt hat, konnte man sehen, welchen Einfluss er auf die Entwicklung der Mannschaft hatte. Mit ihm ist noch einmal eine andere Qualität ins Spiel gekommen.
Trotzdem ist seine Nominierung eine Überraschung, weil die Konkurrenz auf dieser Position enorm groß ist. Julian Nagelsmann kennt ihn aus der gemeinsamen Zeit und sieht offensichtlich etwas in seinem Profil – jetzt wird es darum gehen, ob er diese Qualität auch auf allerhöchstem internationalen Niveau einbringen kann.
Und Sané?
Auch die Nominierung von Leroy Sané kann man diskutieren. Vielleicht wäre es eine Möglichkeit gewesen, einen jungen Spieler mitzunehmen, der sich aktuell in einer sehr guten Verfassung befindet. Gerade auf den Außenpositionen haben wir Talente, denen man diesen Schritt durchaus hätte zutrauen können.
Wo schwächelt der Kader noch?
Ein Thema bleibt die linke Abwehrseite. Rechts ist mit Joshua Kimmich vieles klarer. Links stellt sich die Frage, wer diese Rolle auf höchstem Niveau über ein gesamtes Turnier hinweg ausfüllen kann.
Brown ist für mich aufgrund seiner Flexibilität eine logische Alternative. Gleichzeitig muss sich zeigen, ob er die defensive Härte, die körperliche Präsenz und die Konsequenz im Verteidigen bereits konstant auf Weltklasse-Niveau abrufen kann. Im Sturm stellt sich vor allem die Frage nach Kai Havertz. Kann er wirklich über 90 Minuten die Belastung gehen und sofort eine feste Startelf-Option sein? Wie toleriert sein Körper die Belastungen mit Reisen, Hitze und einer hohen Spielfrequenz? Seine Verletzungshistorie spielt dabei natürlich eine Rolle. Gleichzeitig verfügt Deutschland offensiv über sehr viele Lösungen – mit Deniz Undav, Nick Woltemade oder auch unterschiedlichen Systemvarianten.
TV-Guide zur Fußball-WM 2026
Welcher Sender überträgt welche Partie während der Fußball-WM 2026? Dieser TV-Guide gibt Ihnen einen schnellen Überblick.
Laden Sie sich den TV-Guide als PDF jetzt herunter

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen im Offensivspiel?
Vor allem auf den Flügeln gibt es noch offene Fragen. Auf einer Seite wird wahrscheinlich einer aus dem Duo Florian Wirtz oder Jamal Musiala spielen, auf der anderen Seite ist die Besetzung weniger eindeutig.
Im Zentrum haben wir dagegen ein enormes Angebot an Spielern mit hoher Qualität. Entscheidend wird sein, welche Spieler über ein Turnier hinweg körperlich auf ihrem Maximum bleiben und wie gut die Rollenverteilung innerhalb der Mannschaft funktioniert.
Gehen Sie optimistisch in die Gruppenphase?
Das muss man als Fußballfan auch sein (lacht). Es gab in den vergangenen Monaten Momente, in denen die Euphorie ein wenig verloren gegangen ist – auch durch manche Diskussionen rund um den Kader.
Aber inzwischen entsteht bei mir wieder dieses Gefühl, dass man sich auf diese Mannschaft freuen kann. Mit 26 Spielern bringt Deutschland sehr viel Qualität mit. Die Mannschaft hat das Potenzial, weit zu kommen.
Sie haben die Torwartdiskussion angesprochen. Was sehen Sie kritisch?
Die sportliche Entscheidung kann ich absolut nachvollziehen. Solange Manuel Neuer fit ist, zur Verfügung steht und die Verantwortung übernehmen möchte, ist er für mich die deutsche Nummer eins. Der schwierige Punkt ist eher die Kommunikation. Wenn man sich sehr früh auf eine Personalie festlegt, kann das Auswirkungen auf andere Spieler haben. Sie nehmen wahr, welche Aussagen getroffen werden und welche Rollen innerhalb der Mannschaft verteilt werden.
Gerade bei einem Turnier ist es wichtig, Konkurrenzsituationen offen zu halten und unnötige Diskussionen nicht über Wochen am Leben zu lassen.
Spielplan zur Fußball WM 2026
Zum Ausfüllen & Mitfiebern: alle Partien aller Gruppen im kompakten Überblick.
Laden Sie sich den Spielplan zur Fußball WM jetzt kostenlos herunter.

Wie weit kann Deutschland bei dieser WM kommen?
Von der individuellen Qualität des Kaders mache ich mir wenig Sorgen. Entscheidend wird sein, dass die Mannschaft wieder ein Gefühl vermittelt, mit dem sich die Fans identifizieren können.
Die Menschen müssen spüren: Diese Mannschaft hat Lust auf dieses Turnier. Wenn es gelingt, diese Energie auf den Platz und ins Wohnzimmer der Zuschauer zu transportieren, kann eine große Euphorie entstehen.
Das Interview führte Magdalena Schwaiger.