Verbände kritisieren, Lindner verbreite „toxisches Narrativ“ über Alleinerziehende
Der FDP-Vorsitzende spricht über arbeitende Mütter, die ihre Kinder alleine großziehen. Frauen wehren sich in einem offenen Brief gegen seine Aussagen.
Christian Lindner hat sich im Streit um die Kindergrundsicherung viele Feind:innen gemacht. Nun stehen die Eckpunkte nach langem Streit fest und der FDP-Vorsitzende erneut in der Kritik. Er soll bei einer Pressekonferenz falsche Aussagen über Alleinerziehende gemacht haben. Das gemeinnützige Online-Portal Solomütter, das sich für alleinerziehende Frauen einsetzt, hat deswegen einen offenen Brief an die Bundesfamilienministerin Lisa Paus und die Bundesregierung verfasst. Vertreterinnen der Stiftung Alltagsheldinnen, Fair für Kinder und Mia (Mütterinitiative für Alleinerziehende) haben den Brief unterzeichnet.
Christian Lindner nennt falsche Fakten über die Erwerbstätigkeit von Alleinerziehenden
In der Pressekonferenz zur Kindergrundsicherung am 28. August sagte Lindner: „Wir wollen einerseits die materielle Situation Alleinerziehender verbessern, aber andererseits nicht zusätzliche Anreize geben, sich nicht um Arbeit zu bemühen. Es ist ja eine beklagenswerte Tatsache, dass die Erwerbsbeteiligung von Alleinerziehenden im vergangenen Jahrzehnt trotz des Ausbaus der Kinderbetreuungsstruktur zurückgegangen ist. Also weniger Erwerbsbeteiligung bei Alleinerziehenden während des vergangenen Jahrzehnts.“
Daten, unter anderem der Bertelsmann Stiftung und der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass seine Aussage nicht stimmt, so der Vorwurf in dem Brief. Alleinerziehende Mütter arbeiten demnach mehr, als Mütter, die ihr Kind gemeinsam mit dem Partner oder einer Partnerin aufziehen. Zudem sei die Erwerbstätigkeit der Alleinerziehenden in den vergangenen Jahren gestiegen. Allein 2022 gab es einen Einbruch, der sich laut dem Brief auf die geschlossenen Betreuungseinrichtungen während der Pandemie zurückführen lässt.
BuzzFeed News Deutschland hat Christian Lindner um eine Stellungnahme gebeten, aber bis zur Veröffentlichung des Artikels keine Rückmeldung erhalten.

Offener Brief kritisiert das „toxische Narrativ“ der FDP
Die Unterzeichnerinnen stört in ihrem offenen Brief „das toxische Narrativ, das von der FDP über alleinerziehende Eltern, insbesondere Mütter, öffentlich verbreitet wird“. Was Lindner mit seinen Worten ausdrückt, sei „Alleinerziehende lägen dem Staat und damit der Gesellschaft freiwillig auf der Tasche“, schreibt eine Vertreterin von Solomütter BuzzFeed News Deutschland.
Zusammengefasst, ärgern sie sich darüber, dass Lindner in ihren Augen keine Ahnung hat, was es heißt, alleinerziehend zu sein. „Alleinerziehende leisten extrem viel: Sie tragen – oft hauptverantwortlich oder sogar komplett alleine – die Verantwortung für ihre Kinder“, teilen uns die Unterzeichnerinnen mit. 70 Prozent der Alleinerziehenden haben ihren Angaben zufolge Probleme, den Unterhalt des anderen Elternteils durchzusetzen, nur bei knapp der Hälfte der Kinder komme er überhaupt an.
„Mit der Doppelbelastung, alles alleine stemmen zu müssen, könnten Alleinerziehende demnach sogar als Leistungsträger*innen in dieser Gesellschaft bezeichnet werden. Diese Leistung wurde von Christian Lindner [...] jedoch ignoriert.“
Trigema-Chef Wolfgang Grupp macht problematische Äußerung über Alleinerziehende
Der FDP-Vorsitzende ist nicht der Einzige, der in den vergangenen Tagen mit fragwürdigen Äußerungen über Alleinerziehende auffällt. „Mich wundert ja, dass es heute so viele alleinerziehende Frauen gibt“, sagte Trigema-Chef Wolfgang Grupp im RTL-Podcast „Biz & Beyond“. Seine Begründung dafür lässt an seinem Frauenbild zweifeln: „Ich frage mich, was die Frauen alles machen, dass ihre Männer davonlaufen.“
Die Vertreterinnen der Solomütter, Alltagsheldinnen, Fair für Kinder und Mia wünschen sich, dass solche Äußerungen aus der Gesellschaft ein Ende haben. Stattdessen solle es endlich eine „öffentliche Anerkennung der Leistung von Alleinerziehenden“ geben. Die kann zum Beispiel darin liegen, dass Alleinerziehende durch eine Reform des Ehegattensplittings besser besteuert werden.
Zudem fordern sie, dass das Kindergeld nicht mehr auf den staatlichen Unterhaltsvorschuss angerechnet wird. Ein-Eltern-Familien sollen „als vollwertige und gleichberechtigte Familienform neben allen anderen Familienformen“ gelten.