Ärzte fordern Prävention vor „Zuckersucht“
Mehr Vorbeugung, weniger Zucker, fordern Ärzte mit Blick auf die Zunahme adipöser Patienten. Das hätte gesundheitliche und wirtschaftliche Vorteile. Denn die Behandlung der Folgekrankheiten von Adipositas verschlingt jährlich Milliarden von Euro.
Zuckersteuer ja, nein, vielleicht - Deutschland hinkt bei der Regulierung zuckerhaltiger Limonaden anderen Ländern hinterher. Während Politik und Industrie streiten, sind sich Ärzte einig: eine Besteuerung zuckerhaltiger Getränke spart den Krankenkassen Geld und fördert die Gesundheit. Denn die Zahl der Menschen, die an krankhaftem Übergewicht (Adipositas) leiden, steigt und steigt.
Zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen in Deutschland leiden laut der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Halle unter Übergewicht. Betroffen sind auch viele Kinder. „Der Anteil adipöser Kinder hat sich von etwa drei auf rund sechs Prozent verdoppelt“, sagte der Leiter des Gesundheitsamts Stuttgart, Stefan Ehehalt, dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Komplexe chronische Erkrankung
Adipositas gelte als komplexe chronische Erkrankung, ordnet der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin ein. Diese Anerkennung sei relativ neu und ermögliche es, dass Therapien von den Krankenkassen übernommen werden. Allerdings gibt es in Deutschland viel zu wenige wohnortnahe, leitliniengerechte Therapieangebote.
Zwar könne auch eine Essstörung zu starkem Übergewicht führen, die meisten betroffenen Kinder und Jugendlichen hätten jedoch keine klassische Essstörung. Als Ursachen nennt Ehehalt genetische Faktoren, Umweltbedingungen, Ernährung, Bewegungsverhalten sowie „Wechselwirkungen zwischen Genen und Umwelt.“ Durch Übergewicht im Verhältnis zur Körpergröße, bedingt durch zu viel Körperfett, können Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Bluthochdruck, Diabetes oder Krebs entstehen.
Hinzu kommt: Adipositas hat soziale Auswirkungen, ist mit Diskriminierung verbunden und erschwert gesellschaftliche Teilhabe. Im Kindes und Jugendalter konzentriere sich die Behandlung vor allem auf Veränderungen im Lebensstil, erklärt Ehehalt, der auch Mitglied im Vorstand der Deutschen Adipositas Gesellschaft (München) ist. Dazu gehörten eine ausgewogene Ernährung mit einem hohen Anteil pflanzlicher Lebensmittel, weniger energiereiche Lebensmittel und Getränke sowie mehr Bewegung im Alltag. „Wichtig ist dabei ein unterstützender Ansatz ohne Schuldzuweisungen, bei dem die gesamte Familie einbezogen wird“, betont er.
Wenn ein Schwerlast-Rettungswagen gebraucht wird
Die Dimension krankhaften Übergewichts führt ein Besuch beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Grötzingen (Kreis Karlsruhe) vor Augen. Bei dem Ortsverein ist seit 2014 ein Schwerlast-Rettungswagen (RTW) mit breiterer Trage, längeren Gurten und einem Stuhl, der eine Treppe hoch gehen kann, stationiert. „Manche Patienten, zu denen wir gerufen werden, können nicht gehen. Sie sind so kurzatmig, dass sie auch nicht flach liegen können“, schildert Christiane Supper vom Adipositas-RTW Team die Einsätze bei hochgradig adipösen Patienten.
Als besonders herausfordernd beschreibt sie den Transport durch enge Treppenhäuser. „Dazu sind manchmal acht bis zwölf Personen nötig. Manchmal müssen wir auch die Feuerwehr um Hilfe bitten“, sagt die Notfallsanitäterin. Einsätze dieser Art seien sowohl für den Patienten, der sich „bugsieren lassen müsse“, als auch für die Ersthelfer eine Belastung - zumal so ein Einsatz immer unter Zeitnot und damit drohender Lebensgefahr stehe.
Bei Erwachsenen, die teilweise 200 Kilo und mehr auf die Waage bringen, kommen Medikamente zum Abnehmen oder eine bariatrische Operation (Magen-OP) in Frage. Bei dem chirurgischen Eingriff wird durch Magenverkleinerung oder Darmveränderung die Nahrungsaufnahme reduziert und der Stoffwechsel beeinflusst.
Operation ist die wirksamste Methode
Alexander Ernst führt an den ViDia Christlichen Kliniken in Karlsruhe bariatrische Eingriffe durch. „Nach heutigem Stand ist die Operation die dauerhaft wirksamste Methode, um starkes Übergewicht zu reduzieren“, sagt der Leiter der Adipositas chirurgischen Abteilung. Die Behandlung des Übergewichts begleite die Patienten bis ans Lebensende.
Content-Partnerschaft
Dieser Artikel entstand in einer Content-Partnerschaft mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).
„Für viele ist das ein Aha-Erlebnis. Sie verstehen: Sie haben eine Erkrankung, die man behandeln kann - aber sie bleibt bestehen“, berichtet der Oberarzt. Bislang fehlten gesicherte Erkenntnisse darüber, warum die Erkrankung chronisch verlaufe. Man vermute eine Art „Körpergewichts-Gedächtnis“, so Ernst, der Stoffwechsel schalte beim Abnehmen um, um den Gewichtsverlust auszugleichen.
Mit Blick auf die zunehmende Zahl übergewichtiger Kinder und Erwachsener plädiert Ernst zum einen für die Einführung einer Zuckersteuer, die Hersteller zwingt, den Zuckergehalt etwa bei Softdrinks zu senken. Weiter hält der Arzt die Wiedereinführung von Hauswirtschafts- und Ernährungsunterricht ab der ersten Klasse bis zum Schulabschluss für notwendig. „Das Wissen über gesunde Ernährung beeinflusst langfristig das Essverhalten in den Familien“, sagt Ernst.